"Nicht mehr die Türkei, die ich so liebe": deutsch-türkisches Verhältnis zerrütteter denn je - ein Stimmungsbild

03. Februar 2017 - 17:10 Uhr

"Sorgt dafür, dass sich die Beziehungen wieder normalisieren!"

Ein reiner Arbeitsbesuch soll es sein, doch der Türkei-Trip von Angela Merkel zu Präsident Recep Tayyip Erdogan dürfte alles andere als entspannt verlaufen. Dafür dürften schon die 40 ranghohen türkischen Offiziere sorgen, die in Nato-Einrichtungen stationiert waren und jetzt Asyl in Deutschland beantragt haben. Ankara erwartet ganz klar, dass die Asylanträge abgelehnt und die türkischen Offiziere heimgeschickt werden. Die Spannungen zwischen beiden Ländern nehmen weiter zu. Unsere Korrespondentin Kavita Sharma hat sich vorab auf den Straßen in der Türkei umgehört - ein Stimmungsbild.

Meryem Yilmaz ist frustriert – nicht wegen der harten Arbeit in einem Istanbuler Walzwerk. Das könnte die Tochter einer Deutschen und eines Türken ertragen. Aber nicht den eskalierenden Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei. Meryem ist mit ihren Gefühlen zwischen die Fronten geraten: "Es ist schade, dass es jetzt so auseinandergeht. Man sollte versuchen, die gemeinsamen Werte mehr zu akzeptieren und einander zu verstehen, aber es geht jetzt in eine andere Richtung."

Wenn Meryem mit ihren deutschen Verwandten spricht, dann bezeichnen sie Erdogan als autoritär und undemokratisch. Auch Meryem sieht Erdogans Streben nach absoluter Macht kritisch, aber sie findet, diese Probleme müssen die Türken unter sich lösen. Alles andere ist Bevormundung: "Mir gefällt das nicht, und der ganzen türkischen Nation gefällt das auch nicht."

Im Büro des Walzwerks diskutiert Meryems Vater Gazi Yilmaz das Geschäft mit seinen Kindern. Er leitet den Betrieb seit 30 Jahren. Auch er denkt wie seine Tochter - es geht um Stolz, aber auch ums Geld. Gazi macht sich Sorgen dass sich die politischen Spannungen jetzt auch noch auf die wirtschaftlichen Beziehungen niederschlagen - mit weitreichenden Folgen: "Darunter werden alle leiden - ob reich oder arm." Deswegen ist seine Nachricht an die Politiker: 'Sorgt dafür, dass sich die Beziehungen wieder normalisieren!'

"Es ist alles trauriger geworden"

Derweil will Ute Eser Büyükburc, die seit 30 Jahren in der Türkei lebt, nur noch weg. Ihr in der Türkei berühmte Ehemann, der Sänger Erol Büyükburc, starb vor ein paar Jahren. Ute erinnert sich wehmütig an ihr ehemaliges Leben: "Das ist nicht mehr die Türkei, die ich so liebe. Es ist alles trauriger geworden - reduziert auf einige wenige Dinge. Das bunte Leben vermisse ich sehr."

Denn in dieser neuen Türkei - glaubt Ute - wird es bald keinen Platz mehr für eine so freiheitsliebende Frau wie sie geben. Sie sieht, wie die Gesellschaft zunehmend konservativ und religiös wird. Ihre europäischen Werte und Vorstellungen passen immer weniger hierher.

Und das trotz der vielen ganz persönlichen Verbindungen zwischen der Türkei und Deutschland, die ein Zeichen für die engen und guten Beziehungen beider Länder sein sollten. Wie es weitergeht, wird sich auch für sie nach Merkels Besuch bei Erdogan zeigen.