Last-minute-Sprachkurs per App

In nur zwei Wochen eine neue Sprache lernen - geht das?

04. August 2020 - 10:57 Uhr

von Anne Schneemelcher

Auf Mallorca sprechen viele Menschen zwar deutsch, ich möchte mich aber im Urlaub auch gern mit ihnen auf Spanisch unterhalten können. Zwei Wochen lang habe ich die Sprache deshalb mit einer App gelernt. Wie weit ich damit vor Ort gekommen bin, sehen Sie oben im Video!

Mein Ziel: Mehr als nur Kaffee bestellen

"Hola, soy Anne" - Hallo ich bin Anne und ich finde, es gehört zum guten Ton, im Ausland ein paar Worte in der jeweiligen Landessprache zu kennen. Solche Floskeln sind ja schnell dank diverser Apps wie dem Übersetzer von Google übersetzt. Bevor ich aber das letzte Mal nach Mallorca gereist bin, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, mit den Menschen vor Ort ohne digitalen Dolmetscher ein paar Worte wechseln zu können. Warum also nicht eine neue Sprache lernen? So schwer kann das doch nicht sein, dachte ich.

Das Internet und die App-Stores sind voll von kostenlosen und kostenpflichtigen Lern-Apps, die einen Sprachkurs ersetzen sollen. Ich habe mich nach einem kostenlosen Schnupperkurs für die kostenpflichtige App Babbel entschieden. Ich schließe ein 3-Monats Abo für etwa 30 Euro ab. Mit der App kann ich eine Sprache ohne jegliche Vorkenntnisse erlernen. Mein Ziel: In zwei Wochen möchte ich ein bisschen Spanisch sprechen und mehr als nur einen "Café con leche", also einen Kaffee mit Milch, bestellen können.

Je älter man ist, desto schwerer fällt das Lernen

Die ersten Kapitel in der App sind kinderleicht. Ich lerne täglich eine halbe Stunde. Anstrengend ist es nicht, denn es geht erstmal nur um einzelne Worte wie "Danke", "Hallo" oder "Bitte". Diese Wörter werden oft wiederholt, ebenso einfache kurze Sätze. Nach wenigen Tagen kann ich sagen, dass ich Anne heiße und Spanisch lerne.

Neben den Lern-Lektionen gibt es einen Wortschatz-Trainer, bei dem ich immer versuche. volle Punktzahl zu erreichen. Das spornt mich an und motiviert. Was mir die App allerdings nicht ans Herz legt, ist, die Grammatik ein bisschen ernster zu nehmen. Auch habe ich das Gefühl, es lernt sich immer schwieriger, je älter man ist. Und so komme ich nach der ersten Woche nicht mehr mit. Ich fühle mich allein gelassen und würde gern jemanden fragen, was hier wie gemeint ist.

Mir fehlt der Lehrer!

Denn: Die Lern-Einheiten werden zunehmend komplexer, die Sätze immer länger und ich komme bei den richtigen Verbformen nicht hinterher. Schnell merke ich, dass ich falsch gelernt habe und eher wie in einem Handy-Spiel versucht habe, die nächste Lektion zu erreichen. Dabei hätte ich die abgeschlossenen Kapitel penibler nachbereiten müssen. So wie man das früher in der Schule auch machen musste.

Das einzige was ich aber gemacht habe, war Vokabeln wiederholen, nicht die Grammatik. Dennoch: Manche Wortgruppen, die die App immer und immer wieder abfragt, sitzen. So kann ich sagen "Aprendo Espanol" - also ich lerne Spanisch, nur eben nicht: "Er lernt Spanisch." Da finde ich in meinem Kopf ohne Nachschlagen nicht die männliche Form. In solchen Momenten hat mir dann doch ein Lehrer gefehlt, der zu Schulzeiten immer so schöne Tafelbilder gemalt hat...

Ein Kapitel in der App, drei Jahre in der Schule

Dass es die spanische Grammatik in sich hat, bestätigt mir Spanisch-Lehrerin Anne Brockelt. Sie erklärt mir, dass die Spanier für den Zustand "sein" zwei unregelmäßige Verben verwenden: "ser" und "estar". Was ich in der App in einer zehnminütigen Lektion nach der Arbeit quasi nebenbei überflogen habe, wiederholt sie mit ihren Schülern beinah drei Jahre, bis es richtig sitzt.

In meiner App nicht weiterzukommen, zerrt natürlich an den Nerven. Nach der Arbeit Spanisch pauken? Naja – musste manchmal nicht unbedingt sein. In der Hoffnung, dass doch ein paar Dinge vor Ort nützlich sein könnten, habe ich den Einsteigerkurs bis zum Abflug irgendwie abgeschlossen und mir die wichtigsten Sätze in ein Heft geschrieben und auswendig gelernt. Fit fühle ich mich nicht als ich auf der Insel lande, aber die Spanier sollen ja offene und kontaktfreudige Menschen sein. Die werden mich schon mit Händen und Füßen verstehen.

Vor Ort fehlen mir die Worte

Vor Ort stelle ich schnell fest, dass die Spanier für meine Verhältnisse viel zu schnell reden. Aber zu meiner Überraschung schnappe ich hier und da mir bekannte Vokabeln auf und kann mir darauf einen Reim bilden. Ich verstehe die Spanier!

Schwierigkeiten bereitet mir dennoch meine Aussprache. Ich eiere ziemlich rum und muss mich ganz schön konzentrieren. Ich merke, wie ich mit meinen gelernten Vokabeln zwar in der Lage bin, im Restaurant etwas zu bestellen, aber sobald der Kellner ein anderes Thema anspricht, bin ich raus. So schnell kann ich nicht reagieren, weil mir einfach die passenden spanischen Worte fehlen.

Ich weiß jetzt, was "Basilikum" auf Spanisch heißt

So habe ich bei meinem ersten Restaurantbesuch Schwierigkeiten, dem Kellner zu folgen. Klar, ein Glas Wasser bestellen ist nicht so schwer. Auch ein belegtes Brot mit Tomate-Mozzarella habe ich auf Spanisch bestellen können. Doch dann stellt der Kellner die von mir befürchtete Nachfrage, ob da noch mehr aufs Brot soll. Keine Ahnung, was er da erzählt hat. Es ging einfach viel zu schnell. Deshalb habe ich mutig "si claro", also  "na klar", gesagt und mich überraschen lassen.

Als die Bestellung kam, war mir klar, dass er nur wissen wollte, ob ich auch Basilikum, also "albahaca", aufs Brot möchte. Ein Wort, das seit dieser Erfahrung sehr fest in meinem spanischen Wortschatz sitzt. Und auch wenn ich nicht wusste, was da jetzt genau auf meinem Brot sein wird, konnte ich eine Bestellung auf Spanisch machen –  das wäre zwei Wochen vorher gar nicht drin gewesen.

Für einen Mini-Urlaub reicht’s trotzdem

Auch Spanischlehrerin Anne Brockelt ist von meinen Gesprächen vor Ort beeindruckt. Ich zeige ihr nach meiner Reise ein paar Videos. Sie stellt kleine Fehler fest: Ich habe Artikel vertauscht und meine Aussprache war nicht immer ganz korrekt. Dennoch findet sie, dass die App mich auf gewisse Situationen vorbereitet hat und wunderbar für so einen Urlaub ist: "Du konntest durch die Straßen gehen, du konntest Fragen stellen, du konntest Antworten empfangen. Es war möglich zu kommunizieren."

Tipp vom Experten: Mit Muttersprachlern in Kontakt treten

Wer eine Sprache lernen möchte, sollte dies nicht nur mit einer App tun. Expertin Anne Brockelt rät dazu, wichtige Vokabeln immer und immer wieder zu wiederholen. Auch Filme in der jeweiligen Sprache anzuschauen oder Musik zu hören hilft. Ganz wichtig ist es aber, mit Muttersprachlern in Kontakt zu treten und die Sprache zu sprechen.

Tatsächlich hat mir das Sprechen vor Ort auch am meisten geholfen, besser zu werden. Ich habe viele Menschen kennengelernt und mich an die Sprache gewöhnt, die ich um mich herum überall gehört habe. Am Ende des Urlaubs hatte ich sogar das Gefühl, dass meine Aussprache besser wurde. Ich habe mich zunehmend sicherer gefühlt und getraut zu sprechen. Und so habe ich am Ende auch mit dem Kellner übers Wetter plaudern können - und nicht nur über die Speisekarte.