Zugelassenes Dupilumab hilft

"Neue Ära" in der Behandlung von Neurodermitis

Dupilumab, Zugelassenes Medikament gegen Neurodermitis
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02. Oktober 2020 - 14:56 Uhr

RTL im Gespräch mit Experten aus Hamburg und Kiel

Neurodermitis ist weit verbreitet. Die Hauterkrankung schränkt bei einer Reihe von Betroffenen die Lebensqualität ein, mitunter sogar stark. Bisher gab es für Patienten mit schwerer Ausprägung der Erkrankung keine passenden Therapien. Wie ein neu zugelassenes Medikament das in Zukunft ändern könnte, warum es erst jetzt zur Verfügung steht und was die Zukunft in der Neurodermitistherapie bringt, erklären die Dermatologen Prof. Matthias Augustin, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) und Prof. Stephan Weidinger, stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-Hautklinik Kiel im Gespräch mit RTL.

Welche Bedeutung haben die Biologika in der Medizin?

Prof. Stephan Weidinger, stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-Hautklinik Kiel.
Prof. Stephan Weidinger, stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-Hautklinik Kiel.
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Weidinger: "Die Biologika haben in der Medizin insgesamt zu einer kleinen Revolution geführt. Weil wir jetzt eben erstmals die Möglichkeit haben, mit nachgestellten körpereigenen Werkzeugen ganz gezielt nur die Prozesse zu unterbinden, die stören oder die für die Erkrankung wichtige sind. Und wir haben jetzt auch erstmals bei der Neurodermitis die Möglichkeit diesen Behandlungsansatz zu verfolgen. Es werden andere Biologika folgen. Wir sehen also, dass viele andere Botenstoffe, die bei der Neurodermitis wichtig sind, jetzt als Zielstruktur genutzt werden."

Welche Bedeutung hat das erste zugelassene Biologikum Dupilumab für die Therapie von Neurodermitis?

Prof. Matthias Augustin, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten
Prof. Matthias Augustin, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE) zum Thema Neurodermitis.
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Augustin: "Wir haben es bei diesem ersten Biologikum tatsächlich mit einem Quantensprung zu tun, in der Versorgung der Erkrankung. Sie wissen, Neurodermitis erzeugt bei den meisten einen extrem hohen Leidensdruck und bisher hatten wir im Bereich der systemischen, also der innerlichen Behandlung für die schwer betroffenen Patienten überhaupt kein Medikament für die Langzeitversorgung. Das hat sich jetzt geändert. Endlich sind wir dort, wo wir bei der anderen häufigen Hauterkrankung, der Schuppenflechte, schon seit 15 Jahren sind. Da gibt es inzwischen 13 verschiedene Medikamente, bei Neurodermitis fangen wir erst an, aber sind genauso hoffnungsvoll."

Woran liegt es, dass es Biologika bisher für Neurodermitis nicht gab?

Augustin: "Die Entwicklung beruht darauf, dass man sehr gute Kenntnis von den Mechanismen der Entzündung hat und sehr genau weiß, wo man dann mit einem Medikament zielgenau eingreifen muss. Da waren wir in der Forschung einfach bei Schuppenflechte schneller. Die Entzündung dort ähnelt der des Rheumas und anderer Autoimmunerkrankungen."

Weidinger: "Grundsätzlich ist die Herstellung der Biologika sehr kompliziert. Das ist aber wahrscheinlich nicht der entscheidende Grund, warum wir erst jetzt den Einzug dieser Wirkstoffgruppe in das Feld der Neurodermitis sehen. Die Neurodermitis ist die häufigste aller entzündlichen Hauterkrankungen, sie betrifft weltweit viele Millionen Patienten aller Altersgruppen. Es ist nicht ganz klar, warum es bei der Neurodermitis so lange gedauert hat. Ich persönlich denke, das Krankheitsbild ist vielfach unterschätzt worden. Man hört das auch noch an vielen Stellen, diese Fehleinschätzung, dass es sich dabei um eine milde vorübergehende Erkrankung nur im Kindesalter handelt. Richtig ist aber, dass ein großer Teil der Patienten lebenslang an der Erkrankung leidet. Und auch, dass sie viel häufiger ist als bisher angenommen. Die Erkrankung bringt eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität mit sich und begünstigt die Entstehung anderer Erkrankungen maßgeblich. Man hat in den letzten Jahren ein viel kompletteres Bild der Erkrankung bekommen, man weiß jetzt um ihre Bedeutung und das hat jetzt zuletzt auch die Entwicklung dieser neuen Therapeutika befördert."

Augustin: "Über die Neurodermitis als schwerwiegende Erkrankung wissen wir natürlich lange schon viel. Wir kennen die hohe Not, die die Patienten haben, der Juckreiz, die Schlaflosigkeit, viele sehr quälende Symptome, und bisher standen wir zum Teil ratlos davor und hatten nur begrenzte Möglichkeiten. Dass wir die Entstehung der Neurodermitis auf der zellulären Ebene inzwischen viel besser kennen, ist ein Ergebnis der letzten zehn Jahre."

Was genau hat die Forschung in den vergangenen zehn Jahren herausgefunden?

Augustin: "Man war auf der Spur der Zellen, die im immunologischen Bereich diese Entzündung der Haut vermitteln, eine Entzündung, die ja nicht von außen kommt - Neurodermitis ist nicht ansteckend - sondern die macht der Körper selbst. Es gibt eine starke Entzündungsreaktion, und man musste erst mal herausfinden: Welche Zellen sind das? Wie haben die miteinander zu tun? Welche Botenstoffe spielen da eine Rolle? All das ist nun identifiziert worden und Botenstoffe, wie Interleukin 4 und Interleukin 13 können jetzt hochselektiv blockiert werden. Das Ergebnis: Die Erkrankung wird deutlich besser."

Haben heute mehr Menschen Neurodermitis als früher?

Prof. Stephan Weidinger, stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-Hautklinik Kiel.
Prof. Stephan Weidinger, stellvertretender Klinikdirektor der Universitäts-Hautklinik Kiel.
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Weidinger: "Durch weltweite Studien wissen wir, dass wir einen sehr starken Anstieg der Häufigkeit der Neurodermitis hatten. Nachdem wir jetzt ein paar Jahrzehnte hatten, in denen immer mehr Menschen erkrankt sind, hat sich das jetzt auf hohem Niveau eingependelt. Wir haben zuletzt in den Studien keinen weiteren Anstieg mehr gesehen. Für die Gründe gibt es viele Hypothesen: Grundsätzlich weiß man, dass die Neurodermitis auch sehr stark erblich bedingt ist. Trotzdem ist es keine rein genetisch bedingte Erkrankung, sondern es ist das Wechselspiel zwischen Veranlagung und ungünstigen Umweltbedingungen. Die These lautet, dass sich in den letzten Jahren Umweltbedingungen entwickelt haben, die offenbar besonders ungünstig sind und bei fast allen, die die Veranlagung haben, dazu führt, dass sie die Erkrankung auch ausprägen. Im weitesten Sinne glaubt man schon, es seien Umwelteinflüsse: Verstärkte, manchmal auch übertriebene Hygienemaßnahmen, Schadstoffbelastungen in der Luft, und eine Ernährungsform mit hochverarbeiteten Nahrungsmitteln. Das ist aber noch immer eine Hypothese."

Wie hat sich die Behandlung durch Dupilumab verändert?

Weidinger: "Das eine Biologikum, das wir jetzt haben, hat die Therapie der Neurodermitis schon massiv verändert. Das sieht man auch zum Beispiel im deutschen Neurodermitis-Register. Da können wir sehen, dass mehr und mehr Patienten jetzt dieses neue Biologikum erhalten und es den Patienten überwiegend sehr gut geht. Wir sind jetzt wirklich in eine neue Ära der Behandlung eingetreten."

Augustin: "Die Wirksamkeit von Dupilumab ist in mehreren klinischen Studien erforscht worden. Wir sehen unter den Alltags- und Praxisbedingungen, dass mindestens 60 bis 70 Prozent unserer Patienten sehr gut darauf ansprechen. Die Marker sind: Reduktion des Juckreizes, Verbesserung des Hautbildes, besser schlafen können. Bei manchen Patienten muss man mit äußeren Maßnahmen zusätzlich helfen, damit sie weitgehend erscheinungsfrei sind. Was man ehrlich sagen muss, dass wir mit einem solchen Medikament die Erkrankung nicht abschalten oder heilen. Wir haben es mit einer Erkrankung zu tun, die schon sehr lange besteht, die genetisch mitbedingt ist und die wir kaum komplett runterdrehen können ohne Medikament. Aber alles deutet darauf hin, dass wir ein solches Medikament auch über viele Jahre geben können, möglicherweise abgelöst durch weitere Medikamente, die jetzt in der Entwicklung sind."

Weidinger: "Grundsätzlich unterdrücken die Medikamente für die Erkrankung wichtige Prozesse und damit auch die Zeichen und Symptome der Erkrankung. Ein großer Vorteil der neuen Biologika - Dupilumab und die, die noch kommen - ist deren hohe Sicherheit. Das heißt, sie haben eigentlich kaum klinisch relevante Nebenwirkungen. Und das bedeutet umgekehrt, dass man sie relativ bedenkenlos über lange Zeiträume einsetzen kann. Wir wissen heute, dass die Neurodermitis eine ganz enorme Last mit sich bringt, dass die Patienten in ihrer Alltagsaktivität, in ihrer Lebensqualität massiv eingeschränkt sind. Und wir wissen, dass der meiste Teil der Patienten nicht nur über einen kurzen Zeitraum an der Erkrankung leidet, sondern dass es in der Regel eine Erkrankung ist, die die Patienten lebenslang begleitet. Es gibt tatsächlich auch Patienten, die erst im Erwachsenenalter Neurodermitis bekommen. Es ist also keine Kinderkrankheit."

Für wen ist Dupilumab?

Augustin: "Für die, die einen hohen Leidensdruck haben und selbst motiviert sind. Bundesweit wissen wir, dass unter den über drei Millionen Betroffenen mit Neurodermitis etwa 200.000 Erwachsene eine mittelschwere bis schwere Form haben und demnach Kandidaten für eine längerfristige Systemtherapie wären. Bisher bekommen nur sehr wenige dieses Medikament und unser Appell ist natürlich, dass dieser Anteil deutlich gesteigert wird."

Was berichten die Patienten, die Dupilumab bekommen?

Augustin: "Wir klären die Patienten natürlich auf und sagen: Es gibt kein Heilsversprechen dabei, sondern es kann mit einer guten Wahrscheinlichkeit geholfen werden. Aber die meisten kommen zurück, schon nach wenigen Wochen und sagen: Das erste, was besser wurde, ist mein Jucken. Über die Zeit wird meistens die Haut besser und man sieht den Patienten schon von außen an: Da ist etwas Positives passiert."

Wird es weitere Biologika geben?

Augustin: "Zum Glück gibt es eine weitere Entwicklung. Biologika befinden sich in der Pipeline, also in der Entwicklungsphase, auch chemische Substanzen. Wir sind intensiv an der Beforschung beteiligt und behandeln in Studien Patienten jetzt schon mit den neuen Medikamenten. Ich kann Ihnen auch schon versprechen, dass die nachrückenden Medikamente zum Teil sehr gut wirksam sind, recht wenig Nebenwirkungen haben und für die Versorgung in Frage kommen."

Wo waren die Grenzen der klassischen Neurodermitis-Therapie?

Augustin: "Wir konnten bislang eigentlich nur denjenigen helfen, die entweder kurzfristig oder mit leichteren Formen Neurodermitis hatten. Wer aber langanhaltend eine schwere Entzündung hat, für den hatten wir kein Medikament. Im Wesentlichen eingesetzt wurden ja Kortison-Präparate, die man längerfristig gar nicht geben darf, genauso andere immununterdrückende Medikamente, wie Cyclosporin. Die greifen nur kurz, haben viele Nebenwirkungen, jetzt haben wir die Alternativen."

Weidinger: "Für die Neurodermitis standen uns bislang vorwiegend äußerliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die meisten Patienten kommen damit auch sehr gut zurecht, weil ein Großteil der Patienten an einer eher milden Form der Erkrankung leidet. Aber die Patienten, bei denen die Erkrankung schwerer ausgeprägt ist, die kommen mit rein äußerlichen Behandlungen eben nicht zurecht. Man hat sich bisher beholfen mit eher breit wirksamen Medikamenten, die das Immunsystem dämpfen, die auch durchaus wirksam sind, aber über die Zeit auch relativ viele Risiken mit sich bringen. Und das ist bei einer Erkrankung, die häufig schon im Kindesalter beginnt und über Jahrzehnte läuft und dann vielleicht auch über Jahrzehnte einer Behandlung bedarf, sehr problematisch."

Lösen Biologika das Problem Neurodermitis?

Augustin: "Auf den einzelnen Patienten bezogen werden sehr viele Probleme mit einer guten Therapie dieser Art gelöst. Es gibt aber auch einige, die stärkere Nebenwirkungen haben, das sind vor allem Entzündungen an den Augen, da sind wir noch nicht ganz sicher, wie wir das im Einzelnen beherrschen Grundsätzlich gilt sowieso, bei dieser chronischen Erkrankung, dass die Patienten über ihre Erkrankung gut informiert sein sollen, dass wir uns um die Lebensqualität und die Lebensumstände kümmern und nicht nur um das Medikament allein. Es geht um eine ganzheitliche Versorgung. Die Arzneimitteltherapie ist dabei nur ein Baustein von mehreren, der wichtig ist. Wichtig ist auch die Erkenntnis über die Erkrankung und die Krankheitsbewältigung. Dabei wird in ganz hervorragender Weise in Patientenschulungen zu Neurodermitis geholfen. Schulungen heißt nicht nur, dass man es technisch lernt, zum Beispiel die Haut einzucremen, sondern dass man eine soziale Kompetenz erwirbt, dass psychologische Verfahren mit eingesetzt werden. Und das halte ich auch für weiterhin unersetzlich, selbst wenn wir eine Arzneimitteltherapie machen. Die Wirksamkeit dieser Schulungen ist durch kontrollierte Studien bewiesen. Ich kann deshalb jedem nur raten an einer solchen Schulung teilzunehmen."

Mit Professor Augustin und Professor Weidinger sprach RTL Nord-Reporterin Anne Wöhrle.