„N-Wort“ im Unterricht mehrfach gefallen

Ado Kojo erhebt Rassismusvorwürfe gegen Schule seines Sohnes - die zeigt ihn an

Samuel L. und sein Vater Ado Kojo erklären im RTL-Interview, was sie der Kopernikus-Realschule in Langenfeld vorwerfen.
Samuel L. und sein Vater Ado Kojo erklären im RTL-Interview, was sie der Kopernikus-Realschule in Langenfeld vorwerfen.
© RTL

30. März 2021 - 8:44 Uhr

von Marius Olion

Nach Ostern soll Musiker Ado Kojo zur Polizei. Die Schule seines Sohnes Samuel hat Anzeige erstattet. Wegen Verleumdung. Zuvor hatten der Sänger und sein Sohn schwere Vorwürfe gegen die Kopernikus-Realschule in Langenfeld erhoben: Rassismus und Erpressung. Im Unterreicht soll zuvor angeblich mehrfach das "N-Wort" gefallen sein. RTL-Reporter Marius Olion hat mit Vater und Sohn gesprochen, ist zu der Schule gefahren und den Anschuldigungen nachgegangen.

N-Wort verletzt Samuel im Englischunterricht

Samuel L. besucht die 8.Klasse der Kopernikus-Realschule in Langenfeld (Rheinland). Im Englisch-Unterricht wurde kürzlich das Thema "Apartheid" behandelt. Eine dunkle Periode der afrikanischen Geschichte. In weiten Teilen des 20 Jahrhunderts herrschte in Südafrika die sogenannte Rassentrennung, staatlich festgelegt. Schwarze wurden von Weißen unterdrückt, missachtet und als Sklaven missbraucht. Sie waren in ihren Augen nichts wert.

In einem Schulbuch zu dem Thema steht das N-Wort auf Englisch, in einem Zitat im Rahmen einer Geschichte. Im Unterricht sei diese Geschichte vorgelesen, das Wort übersetzt und mehrfach genannt worden. Das berichtet uns Samuel. Die Lehrerin soll das N-Wort häufig genutzt haben. Samuel sagt, er habe mehrfach darauf hingewiesen, dass sie das Wort nicht mehr aussprechen solle. "Wieso muss man so ein Wort immer und immer wieder sagen? Sie weiß gar nicht, wie viel Blut an dem Wort hängt und wie das einen verletzen kann", sagt er im RTL-Interview.

Die Lehrerin soll darauf angeblich nicht reagiert haben, berichtet der 14-Jährige. Weil die Schule sich dazu bislang nicht äußern möchte, bleibt diese Anschuldigung unkommentiert im Raum stehen. RTL liegen aber Informationen vor, die zumindest belegen, dass das N-Wort im Unterricht ausgesprochen worden und es zu Diskussionen gekommen sein soll. Ado Kojo beschreibt im RTL-Interview das Gefühl, das das N-Wort bei ihm und seinem Sohn auslöst: "Wenn ich das höre, zieht sich mein ganzer Körper zusammen. Stellen Sie sich vor, sie sind in einer Tankstelle und einer überfällt die Tankstelle. Dieses Gefühl, was dann eintritt, dieses Gefühl habe ich, wenn jemand N***r sagt."

Samuel postet Geschehnisse bei Instagram

Samuel L. und Ado Kojo
"Die Instagramstory war für mich die einzige Lösung, weil wir nicht von den Lehrern und dem Direktor gehört wurden beim letzten Mal", sagt Samuel.
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Dieses Gefühl ereilt auch Samuel im Englischunterricht. Er spricht von einem "Stich ins Herz." Besonders betroffen macht ihn die Frage der Lehrerin, so berichtet er uns, warum er sich denn angesprochen fühle. "Schauen Sie den Jungen doch mal an", sagt sein Vater im RTL-Interview. "Der ist fast so dunkel wie ich. Warum fühlt er sich wohl angesprochen?"

Der Realschüler lässt seinem Ärger bei Instagram Luft, teilt das Erlebte mit seinen Followern. In seiner Story bezeichnet er das mutmaßliche Verhalten der Lehrerin als "respektlos". Dass der 14-Jährige diesen Weg gewählt hat, statt auf die Schulleitung zuzugehen, kommt nicht von Ungefähr. Das Vertrauen soll bereits seit einiger Zeit erschüttert sein. "Alles begann vor zwei Jahren auf einem Spielplatz. Dort wurden wir von Schülern der Kopernikus-Realschule aufs Schlimmste beleidigt, rassistisch mit Sachen wie 'Wenn Hitler noch hier wäre, würdet ihr vergast werden.' Dann sind wir damit zur Schule gegangen, der Direktor hat uns im Stich gelassen und hat gesagt, es ist Aussage gegen Aussage." Ob diese Vorwürfe stimmen, wissen wir nicht. Weil Samuel befürchtete, dass er in diesem Fall über den Schulleiter nichts erreichen würde, wählte er den öffentlichen Weg. Und er würde es wieder genauso machen, sagt er. Und das obwohl diese Entscheidung in dem Fall noch eine große Rolle spielen wird.

Was sagt die Kopernikus Realschule dazu?

Kopernikus Realschule Langenfeld
Die Schulleitung der Kopernikus-Realschule möchte nicht mit uns sprechen.
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Unser Reporter Marius Olion möchte die Sichtweise der Schule erfahren. Telefonisch teilt man uns mit, wir müssen über die Bezirksregierung Düsseldorf anfragen. In einem Statement der Behörde heißt es: "Wegen eines laufenden Ermittlungsverfahrens können die Schule und die Schulaufsicht Ihnen dazu keine Informationen zukommen lassen." (Die gesamte Stellungnahme sehen Sie unten.) Gleichen Wortlaut – ausschließlich zu den Rassismusvorwürfen - veröffentlicht die Schule auch auf ihrer Internetseite. Das reicht uns nicht, denn Rassismus wird nicht der einzige Vorwurf gegen die Schule bleiben. Unser Reporter fährt nach Langenfeld. Die Türen der Schule sind – vermutlich coronabedingt – verschlossen.

Ado Kojo: „Schule hat uns erpresst.“

Eine mutmaßlich rassistische Absicht unterstellen Ado Kojo und Samuel der Lehrerin übrigens nicht. "Das kann ich nicht beurteilen, ich kann ja nicht in sie reingucken. Aber ich habe es ihr ja drei Mal gesagt", berichtet Samuel. Sein Vater Ado Kojo pflichtet ihm bei: "Wenn sie nicht rassistisch ist, hat sie trotzdem Empathie zu haben als Lehrerin. Da stelle ich die Leute an den Pranger und frage mich, wie kann sowas heute noch passieren. Was dann noch danach passiert ist mit dem Direktor, das steht dann schon wieder auf einem anderen Blatt."

Was steckt hinter dieser Aussage? Nachdem Samuels Social Media Story die Runde machte, kam es zu Gesprächen zwischen Schulleiter, Lehrerin und Samuel mit seinen Eltern. Ado Kojo berichtet RTL von konstruktiven, teils auch emotionalen, Diskussionen. Die Lehrerin habe sich erklärt und entschuldigt, sie sei für das Thema jetzt mehr sensibilisiert. Das rechne er ihr hoch an, so Kojo.

Doch vom Schulleiter zeigt er sich enttäuscht. "Dann wollte der Direktor von Samuel, dass er seinen Input, was Schwarze anbelangt, an die Lehrer weitergibt, damit die wissen, wie sie damit in Zukunft umgehen sollen. Den Ansatz finde ich super. Aber was danach kam, der Satz hat mich zum Kochen gebracht." Eidesstattlich versichert uns Ado Kojo einen angeblichen Erpressungsversuch seitens des Schulleiters. Denn wegen Samuels Kommunikation nach außen müsste eine Klassenkonferenz einberufen werden – schlimmste Folge: Ein Schulverweis. "Dann hat der zu Samuel gesagt: 'wenn du uns kein Input gibst, bekommst du eine Klassenkonferenz, solltest du uns den geben, lassen wir das weg fallen.'" Samuel und sein Vater waren sich einig: Sie lehnen ab. "Ich würde das sehr gerne machen, meine kleinen Geschwister sollen das nicht erleben. Das soll keiner erleben in den nächsten Jahren. Aber mit der Erpressung habe ich gesagt, das mache ich nicht, ich bin im Recht", so der Achtklässler.

Schule ist nicht redebereit

Samuel L- und Ado Kojo
RTL-Reporter Marius Olion versucht der Schule mehrfach die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern.
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Unser Reporter, immer noch vor verschlossenen Türen, ruft in der Schule an und spricht die Dame am Telefon auf die angeblichen Erpressungsvorwürfe an. Auch diesmal verweist die Schule an die Bezirksregierung Düsseldorf. "Ok, aber der Schulleiter möchte sich nicht äußern?" fragt RTL-Reporter Marius Olion. Ein Angebot sich zu erklären, die Schule lehnt ab. "Wie gesagt, das geht alles über die Bezirksregierung Düsseldorf", heißt es mehrmals.

Die antwortet uns noch am gleichen Tag schriftlich: "Es sind noch nicht alle Details des Sachverhalts geklärt. Hinweise, dass Gründe für eine Entlassung des Schülers von der Schule vorliegen, hat die Bezirksregierung derzeit nicht."

Zum Erpressungsvorwurf ist nichts zu lesen. Natürlich gilt zunächst die Unschuldsvermutung.

Ado Kojo und Samuel bekommen prominente Unterstützung

Ado Kojo schaut sich Reaktionen auf seinem Smartphone an
Musiker Ado Kojo bekommt in kürzester Zeit zahlreiche Nachrichten von Followern zu seiner Instagram-Story.
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Aus Ärger über das angebliche Angebot des Direktors entschließt sich nun auch Ado Kojo dazu, die Geschichte mit seinen über 220.000 Instagram-Followern zu teilen. Zahlreiche Promis wie Hans Sarpei, Eko Fresh und Cora Schumacher teilen die Story. Ado Kojo zeigt uns mehrere hundert Nachrichten von Freunden, Bekannten und Fremden aus ganz Deutschland. "Ich habe alle Kommentare ausgedruckt. Damit könnte ich das ganze Wohnzimmer tapezieren", sagt der Musiker.

"Nicht aufhören gegen Rassismus zu kämpfen" lautet der Tenor. Es melden sich auch Eltern von Schülern der Kopernikus-Realschule, die teils nicht überrascht sind. Mobbing und Rassismus seien schon seit Jahren an der Tagesordnung, so einige Behauptungen. Unser Reporter spricht mit einem Jungen, der vor wenigen Jahren die Kopernikus Realschule verlassen hat. Auch er berichtet von seinen Erfahrungen mit Rassismus an der Langenfelder Schule. "Wörter, die in dem Buch genannt wurden, wurden von Schülern aus dem Kontext gerissen und ich wurde im Unterricht damit beleidigt. Das wurde auch mit den Eltern angesprochen, aber von Lehrer-Seite gab es keine Reaktionen". Man sei ignoriert und das Thema nicht ernst genommen worden. Eine Mutter einer Schülerin berichtet von einem Vorfall mit Schokoküssen. Von Schülern sei das Wort "N****kuss" gerufen worden, Lehrer sollen dazu angeblich nichts gesagt haben. Ob das stimmt, wissen wir nicht.

Schule erstattet Anzeige: Verleumdung!

Die jüngsten Geschehnisse werden aber offenbar ernst genommen. Allerdings nicht so, wie Ado Kojo sich das vorstellt. In einer Mitteilung der Schule an die Eltern, die RTL vorliegt, heißt es: "Wir […] weisen die gegen die Schule erhobenen Rassismus-Vorwürfe entschieden zurück." Die familiäre Schulgemeinschaft sei geprägt von Respekt und Toleranz, und diese Werte möchte man schützen und erhalten. "Deshalb wurde Anzeige wegen Verleumdung erstattet."

Diese Meldung erreicht unseren Reporter, während er immer noch vor verschlossenen Schultüren steht. Inzwischen ließ uns die Schule auch über einen Polizisten mitteilen, dass man nicht mit uns sprechen wolle. Auch andere Schüler sollten nicht befragt werden. Unsere Recherchen ergaben ohnehin, dass andere Schüler und Eltern nicht mit uns sprechen möchten, aus Angst um die Noten. Das passt auch zu einer Aussage, die Samuel im Interview tätigt: "Ich weiß von anderen Schülern, die gerade in der Schule sind, dass das angesprochen wird. Und dass auch gesagt wird, dass sie sich nicht dazu äußern sollen, nichts reposten sollen, also dass ihnen ihre Stimme weggenommen wird. Ich bin enttäuscht von der ganzen Schule. Auch dass ein Lehrer nicht mal sagt, was abgeht ist falsch. Aber das dürfen sie ja nicht sagen. Eine Lehrerin hat mich gestern sogar aus dem Unterricht geholt und durch die Blume gesagt, dass ich eigentlich Recht habe."

Ado Kojo hat zu der Nachricht der Schule eine klare Meinung: "Es ist nur die Schule, es ist nur das Image, Image, Image. Über Rassismus sieht man nichts, weil das wieder unter den Teppich gekehrt wird."

Anzeige ist kein Grund aufzugeben

Von der Anzeige lassen sich Ado Kojo und Sohn Samuel nicht abschrecken. Sie möchten weiter gegen Rassismus und für mehr Achtsamkeit kämpfen. "Meine Sache ist nicht irgendjemanden kündigen zu lassen. Mein Ding ist es, solche Menschen zu ändern, zu zeigen, dass es einen anderen Weg gibt. Damit nicht einfach der Teppichboden hochgehoben wird und alles drunter gekehrt wird. Sie müssen wissen, das sind Kinderseelen." Einen Schulverweis für Samuel nehmen die beiden in Kauf. Wenn sich an der Kopernikus-Realschule nichts ändere, wolle Samuel ohnehin nicht dortbleiben. Nach Ostern soll Ado Kojo zur Polizei. Bis dahin bleiben die Fronten wohl verhärtet – und verschwiegen.

Vollständige Stellungnahme der Bezirksregierung Düsseldorf

"Wegen eines laufenden Ermittlungsverfahrens können die Schule und die Schulaufsicht Ihnen dazu keine Informationen zukommen lassen. Die Schulleitung und das Kollegium konzentriert sich zudem darauf, der Schulgemeinschaft in der pandemiebedingt aktuell ohnehin sehr herausfordernden Situation den notwendigen geschützten Raum für einen vertrauensvollen und lernförderlichen Umgang miteinander zu geben.

Sowohl die Schülerschaft als auch das Kollegium setzen sich aus Menschen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen zusammen. In der Vergangenheit sind weder von Seiten der Schülervertretung noch von Seiten der Elternpflegschaft Hinweise auf rassistische Vorgänge oder Verhaltensweisen an die Schulleitung herangetragen worden. Es gab bisher keine rassistischen Konflikte in der Schule. Das familiäre Schulklima ist geprägt von Toleranz und gegenseitigem Respekt.

Die Kopernikus Realschule mit ihrer erfahrenen Schulleitung ist seit vielen Jahren in Langenfeld eine von Eltern und Schülerschaft sehr geschätzte Schule. Das zeigen unter andrem die konstant hohen Anmeldezahlen, so dass nicht alle Schülerinnen und Schüler, die die Kopernikus Realschule besuchen möchten, aufgenommen werden können."

Wer ist Ado Kojo?

Ado Kojo ist ein deutscher RnB-Sänger, geboren in Solingen. Gemeinsam mit Shirin David eroberte er 2015 mit dem Song "Du liebst mich nicht" Platz 1 der iTunes-Charts, gefolgt von einer Platzierung in den Top 10 Singlecharts. Außerdem arbeitet er mit weiteren namhaften Musikern wie Mo Trip und Eko Fresh zusammen und veröffentlichte Songs mit ApeCrime und Cora Schumacher.

Bislang sind alles "nur" Vorwürfe

Bei den genannten Sachverhalten geht es bislang um nicht-aufgeklärte Ereignisse. Es handelt sich also um Behauptungen durch Ado Kojo und Samuel L, die sie unserem Reporter glaubhaft dargestellt und für die Ado Kojo eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hat. Beide betonen mehrfach, dass es nicht darum gehe, einem Lehrkörper rassistisches Gedankengut zu unterstellen. Es gehe vielmehr um die Sensibilisierung bei der Nutzung des N-Wortes und das Bewusstsein, was dieses Wort bei Schwarzen auslösen kann.

Nach RTL-Informationen hat die Lehrerin Fehler eingesehen. Es wurden sämtliche Versuche unternommen, der Schule den Raum für Erklärungen zu geben und sich der Situation und den Vorwürfen wertungsfrei zu stellen. Diese wurden stets abgelehnt. Demensprechend steht aktuell nur eine einseitige Aussage im Raum und die nicht-öffentliche Mitteilung der Schule, in der Rassismusvorwürfe zurückgewiesen werden. Mehrere Informationen, die RTL vorliegen, bestätigen, dass es Vorfälle mit der Lehrerin gegeben hat, unterschiedliche Wahrnehmungen der Situation sind nicht auszuschließen.