Mutmaßliche Täter bis heute auf freiem Fuß

Erbitterter Sorgerechtsstreit mündet in Mordanschlag - Opfer wartet auf Gerechtigkeit

Krankenhaus
Peter M. mit schweren Verletzungen im Krankenhaus

von Bastian Schlüter und Christoph Schult

Ein Sorgerechtsstreit in Niedersachsen eskaliert so heftig, dass ein 43-Jähriger bei einem vereitelten Anschlag auf sein Auto durch Messerstiche schwer verletzt wird. Bis heute wartet das Opfer auf Gerechtigkeit, während die mutmaßlichen Täter noch immer auf freiem Fuß sind.

Peter M. hat Angst um sein Leben

Der erbitterte Sorgerechtsstreit um seine drei geliebten Kinder ließ Peter M. (43) aus dem kleinen Ort Lüder in Niedersachsen weit weg an einem unbekannten Ort fliehen und münzt nun in eine Anklage wegen versuchten Mordes. Peter M. hat Angst um sein Leben.

Zündstoff liefert der Streit um die Zwillinge A. und J. (7) und seinen Sohn L. (11). Die drei Kinder entstanden aus Peter M.s Beziehung mit Jessica M. (42). Seit rund zweieinhalb Jahren darf der Vater seine Kinder nicht mehr sehen, obwohl er – zusammen mit seiner Ex-Frau – das gemeinsame Sorgerecht habe.

Im Sommer 2021 sollte es nach langer Zeit zu einem Wiedersehen zwischen dem Vater und seinen Kindern kommen. Doch dann sollen sich seine Stieftochter Chantal (heute 20) und einer ihrer Bekannten (Lars, 21) eingemischt haben. Laut Staatsanwalt planten die beiden einen Mordanschlag gegen Peter M. und seine neue Verlobte.

Mit Messer auf das Gesicht eingestochen

Laut Pressemitteilung des Landgerichts Lüneburg wirft die Staatsanwaltschaft „…den Angeklagten vor, im Juli 2021 in Lüder die hinteren Bremsschläuche eines geparkten Pkw durchgeschnitten zu haben. Dabei sollen sie bewusst das Risiko in Kauf genommen haben, dass das Paar, dem der Wagen gehört, damit einen schweren Verkehrsunfall erleidet.

Als einer der beiden Nutzer zufällig aus dem Haus gekommen sei und den im Carport knienden Angeklagten entdeckt und angesprochen habe, hätten beide Angeklagten versucht, unerkannt zu fliehen. Der Geschädigte habe den Angeklagten zunächst aufhalten können. Um sich zu befreien und die Entdeckung zu verhindern, soll der Angeklagte - wie vorab mit der Mitangeklagten abgestimmt - dann mit dem mitgeführten Messer in Richtung des Kopfes des Geschädigten gestochen und ihn hierbei mitten im Gesicht schwer verletzt haben.“

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Nach der Hochzeit ging alles bergab

Kamera
Täter Lars L.wird bei der Tat von einer Wildkamera aufgezeichnet (Fotos (3): Schlüter)

Zu Beginn war es eine Liebesgeschichte: Peter M. lernt Jessica 2009 kennen. „Mein Cousin bat mich, Jessicas Auto zu reparieren. Wir kamen zusammen und heirateten schon 2010“, berichtet Peter M. im RTL-Interview. Direkt nach der Hochzeit sei aber alles bergab gegangen.
„Jessica wurde launisch, aggressiv und eifersüchtig. Damals war ich Testfahrer im VW- und Audi-Konzern und sollte nicht mehr fahren, weil ich ja während der Fahrten andere Frauen kennenlernen könnte. Dann fing sie an, meine Unterschrift zu fälschen und mich um Geld zu betrügen“, behauptet Peter M.

Ende 2018 habe er dann versucht, seine Kinder zu treffen, was ihm durch seine Frau verweigert worden sei. Peter M.: „Dann kam eine SMS von ihr: ‚Ich reiche die Scheidung ein‘. Danach waren Treffen unmöglich. Ich versuche seitdem, ein Besuchsrecht zu erstreiten, aber ich glaube, sie hat meine Kinder inzwischen so negativ beeinflusst, dass die mich gar nicht mehr sehen wollen.“

Stieftochter Chantal mischt sich in den Streit ein

Peter M.s Stieftochter Chantal soll sich dann in den Streit eingemischt haben. Vor und nach der Tat hatte sie alles ihrer Freundin Joline S. gebeichtet. Joline berichtet später der Polizei, Chantal habe ihr schon vor der Tat berichtet, sie habe etwas vor. Nach der Tat hätten sie dann beide telefoniert. Chantal habe zugegeben, von weiter weg aufgepasst zu haben, während ihr Kumpel Lars die Bremsleitung zerschnitten habe. Schon vorher sei klar gewesen, dass, falls Peter M. von der Tat etwas mitbekommen würde, Lars das Messer gegen ihn einsetzen solle.

Peter M. kämpft noch heute mit den Folgen der Tat

Reha
M. leidet bis heute unter denFolgen der Tat

Warum Lars L. zum mutmaßlichen Täter wurde, ist noch völlig unklar. Eine Liebesbeziehung zwischen ihm und Chantal soll nach unseren Recherchen nicht bestehen. Lars lebte rund um die Tat bei seinen Eltern. Eine angefangene Lehre soll er abgebrochen und sich arbeitssuchend gemeldet haben.

Peter M. wird bei der Tat zwar schwer verletzt, aber überlebt. Er hat heute noch zu kämpfen mit seiner Wange (er hat z.B. kein Gefühl mehr und leidet unter unkontrolliertem Zucken). Als Testfahrer kann er aber wieder arbeiten.

Der 43-Jährige ist aus vielen Gründen sauer und enttäuscht: Die Ermittlungen würden sich viel zu lange hinziehen! Chantal habe nie in Haft gesessen, Lars nur 6 Wochen in U-Haft!

Warum sind die beiden Mordangeklagten auf freien Fuß?

Warum beide nicht in U-Haft sitzen, erklärt Christina Edinger vom Lüneburger Landgericht: „…die ermittelnde Staatsanwaltschaft (hat) gegen den zur Tatzeit 20-jährigen Angeklagten wegen dringenden Tatverdachts und Fluchtgefahr den Erlass eines Haftbefehls beantragt, den das Amtsgericht am 13.08.2021 erlassen hat. Aufgrund dessen befand sich der Angeklagte seit dem 13.08. bis zum 26.08.2021 in Untersuchungshaft. Der Haftbefehl wurde am 26.08.2021 nach Haftprüfung zwar aufrechterhalten, aber unter Auflagen außer Vollzug gesetzt. U.a. wurde eine Meldeauflage erteilt und Sicherheitsleistung erbracht. Hintergrund dessen ist § 116 Abs. 1 StPO, wonach der Vollzug eines Haftbefehls, der lediglich wegen Fluchtgefahr gerechtfertigt ist, auszusetzen ist, wenn weniger einschneidende Maßnahmen - hier die Auflagen - die Erwartung hinreichend begründen, dass der Zweck der Untersuchungshaft auch durch sie erreicht werden kann. In der Folge hat das Landgericht im Eröffnungsbeschluss vom 11.07.2022 die Aufrechterhaltung des Haftbefehls unter weiterer Außervollzugsetzung beschlossen. Es bestand und besteht nach aktuellem Kenntnisstand keine Notwendigkeit, den Haftbefehl zu vollziehen, um den Angeklagten davon abzuhalten, sich der Hauptverhandlung durch Flucht zu entziehen. Im Hinblick auf die zur Tatzeit 19 Jahre alte Mitangeklagte hat die Staatsanwaltschaft aus Rechtsgründen keinen Haftbefehlsantrag gestellt. Sie ist und war nicht in Untersuchungshaft.“

Rolle der Ex-Frau rätselhaft

Peter M. will nun endlich Gerechtigkeit. Dazu kommt, dass die Rolle seiner Ex-Frau rätselhaft sei, sie sei nur als Zeugin und nicht als Mittäterin oder gar Anstifterin angeklagt! Die Tat war im Juli 2021, und die Verhandlung (wegen versuchten Mordes) sollte eigentlich am 17.08.22 beginnen. Der Termin wurde aber auf den 9. November 2022 verschoben. Peter M.: „Ich hoffe nun, dass die Verhandlung endlich beginnt und alle, möglichst auch meine Frau, eine gerechte Strafe bekommen.“