„Corona hat Tat mitausgelöst“

Er wollte seinen kleinen Sohn (14 Monate) töten: Mildes Urteil gegen Vater in Lübeck

Der Angeklagte während des Prozesses in Lübeck.
Der Angeklagte während des Prozesses in Lübeck.

11. Februar 2021 - 16:01 Uhr

Ehefrau und Familie halten trotz der Tat zu ihm

Ein Mann versucht, seinen kleinen Sohn umzubringen und sich selbst zu töten. Beide überleben dieses Drama. Der Vater wurde jetzt zu fast drei Jahren Haft verurteilt. Dennoch bleibt er vorerst auf freiem Fuß. Was den Fall besonders ungewöhnlich macht: Die Familie verzeiht ihm, auch seine Ehefrau und Mutter des Kleinen steht weiter zu ihm. Denn er handelte unter dem Einfluss einer vorübergehenden Depression. Auch die Corona-bedingte Isolation, in der sich der Mann befand, spielte eine Rolle.

Keine Fluchtgefahr: Täter vorerst auf freiem Fuß

Das Landgericht Lübeck verurteilte den Vater wegen der versuchten Tötung seines 14 Monate alten Sohnes zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Der Richter sah mildernde Umstände, aber keine Schuldunfähigkeit, sondern lediglich verminderte Schuldfähigkeit. "Corona hat Tat mitausgelöst", diese Einschätzung floss in das Urteil mit ein.

Der 37-Jährige aus Sereetz (Schleswig-Holstein) hatte bereits zu Prozessbeginn gestanden, den Jungen Ende April 2020 bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt zu haben, um ihn zu töten. Anschließend versuchte er, dem Kind das Genick zu brechen.

Er suchte Hilfe, bekam aber nur Tabletten

Suizidversiuch
Nach der Tat unternahm der Mann einen Suizidversuch, als er auf der Autobahn 1 absichtlich einen Unfall auslöste.

Das Geständnis, so der Richter, erlebe man in dieser Form nicht alle Tage. Es sei von Reue geprägt gewesen und auch das habe sich mildernd ausgewirkt. In der Urteilsbegründung nannte der Richter mehrfach konkret Corona und den Lockdown im April 2020. Beides habe unzweifelhaft eine Rolle gespielt. Für den Angeklagten spreche auch, dass er vor der Tat mehrfach versuchte, sich Hilfe zu holen, aber immer nur Tabletten verschrieben bekommen.

Der Vater begründete seine Tat unter anderem damit, dass die Corona-Pandemie und der Mitte März 2020 in Kraft getretene Lockdown ihm sehr zugesetzt habe. Er sei immer dünnhäutiger geworden. Nach der Tat - er hielt sein Kind für tot und ließ es zu Hause zurück - hatte der 37-Jährige auf der Autobahn 1 bei Neustadt in Holstein absichtlich einen Unfall verursacht, um sich das Leben zu nehmen. Er überlebte mit schweren Verletzungen.

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Staatsanwältin: „Ich halte das Urteil für sehr milde"

Mit dem Urteil hob das Gericht den Haftbefehl auf. Es bestünde keine Fluchtgefahr. Man gehe davon aus, dass der Mann sich freiwillig zum Haftantritt stellen werde, so der Richter. Die Staatsanwaltschaft, die vier Jahre Haft gefordert hatte, kündigte an, das Urteil und besonders die Aufhebung des Haftbefehls prüfen zu wollen.

"Ich halte das Urteil für sehr milde, aber immerhin sind sie mir soweit gefolgt, dass sie keine Bewährungsstrafe ausgesprochen haben", sagt Staatsanwältin Mareike Lindner.

"Die Menschen um ihn herum stoßen ihn nicht weg“

Landgericht Lübeck
Das Landgericht in Lübeck. Foto: Markus Scholz/Archiv
© deutsche presse agentur

Die Verteidigung des Mannes hatte eine Bewährungsstrafe beantragt. Anwalt Frank-Eckhard Brand sieht das Urteil "mit einem lachenden und einem weinenden Auge." Der Verurteilte habe "ein Päckchen mitbekommen", findet er. "Wichtig für ihn ist, dass er aus der JVA kommt", so der Verteidiger. Dort habe man nichts mehr für ihn tun können. Er müsse sich jetzt seiner Krankheit stellen. "Damit wird er noch lange zu kämpfen haben", glaubt Brandt.

Der Täter ist nun vorerst auf freiem Fuß. Der Richter sieht keine Fluchtgefahr. Der Angeklagte entstamme "keinem kriminellen Milieu." Er erwähnte das sichere soziale Umfeld. Das hebt auch Verteidiger Brand hervor. "Seine Ehefrau steht ausdrücklich zu ihm. Auch sein Vater und seine Mutter. Die Menschen um ihn herum stoßen ihn nicht weg", sagt er.