Nach Skandal um Michael Wendler

Verschwörungsplattform oder WhatsApp-Alternative: Was steckt hinter Telegram?

12. Oktober 2020 - 10:11 Uhr

Rechtsextremisten, Corona-Leugner, QAnon-Anhänger

Was für eine Meldung: Michael Wendler verlässt die DSDS-Jury auf eigenen Wunsch – das kündigte er in einer Insta-Story am Donnerstag an. Zudem erklärt er seinen Fans, er sei jetzt bei Telegram. "Ladet euch so schnell wie möglich Telegram runter. Telegram ist die einzige Möglichkeit, zensurfrei Meinungen auszutauschen." Der Schlagersänger reiht sich damit in eine Riege weiterer in der Öffentlichkeit stehender Corona-Leugner und Anhänger anderer Verschwörungserzählungen ein, für die Telegram inzwischen die Plattform der Wahl geworden ist. Woran liegt das und was unterscheidet Telegram von WhatsApp oder sozialen Netzwerken wie Facebook, YouTube und Twitter?

Warum Telegram gerade in Deutschland als Verschwörungsplattform dient, welche Erzählungen dort unter anderen verbreitet werden und warum Telegram dafür die App der Wahl ist erklärt Andreas Greuel, Leiter RTL Verifizierung, im Video.

Wie sein Manager Markus Krampe auf Michael Wendlers Aussagen reagiert, lesen Sie hier.

Was ist Telegram eigentlich genau?

Weltweit nutzen laut eigenen Angaben 400 Millionen User Telegram. In Deutschland sind es rund 8 Millionen – WhatsApp zählt zum Vergleich knapp 60 Millionen deutsche Nutzer. In erster Linie handelt es sich bei Telegram um einen Messenger, vergleichbar mit WhatsApp. Nutzer können dort in Einzel- oder Gruppenchats Nachrichten, Videos und Bilder austauschen. Anders als bei WhatsApp, wo Gruppen auf 256 Teilnehmer begrenzt sind, können Telegram-Gruppen mit bis zu 200.000 Teilnehmern erstellt werden.

Zusätzlich kann man bei Telegram auch einen Kanal erstellen, dem unbegrenzt viele Nutzer folgen können. Auf diesem kann allerdings nur der Inhaber des Kanals Inhalte posten. Attila Hildmann folgen auf seinem Kanal beispielsweise über 88.000 Abonnenten. Michael Wendler kann schon nach so kurzer Zeit bereits 35.000 Abonnenten zählen (Stand: 9.10., 11:30).

Kleine Unterschiede zwischen WhatsApp und Telegram erklärt auch Andreas Greuel, Leiter RTL Verifizierung, im Interview: "Die End-zu-End-Verschlüsselung muss ich bei Telegram in einem privaten Chat extra anwählen. Das ist nicht standardmäßig." Zudem sehe man bei Telegram nicht, ob Nachrichten gelöscht wurden und der Chatpartner sieht auch die eigene Telefonnummer nicht, falls er sie nicht bereits vorher hatte.

Telegram ist also irgendwo zwischen einem privaten Messengerdienst und einem öffentlichen Netzwerk anzusiedeln und genau das machen sich Verschwörungserzähler zunutze.

Warum sind so viele Menschen – vor allem in der Corona-Krise – so anfällig für Verschwörungstheorien?

Wird Telegram wirklich nicht oder weniger zensiert als Facebook & Co.?

Michael Wendler nennt als Grund für seinen neuen Telegram-Account, dass seine Meinung dort im Gegensatz zu anderen Plattformen nicht zensiert werde. Telegram selbst wirbt ebenfalls damit, dass man dort Nutzer nicht daran hindere, "auf friedliche Weise alternative Meinungen zum Ausdruck zu bringen." Unter alternativen Meinungen scheinen jedoch auch bewusste Falschmeldungen, rassistische Hetze und Aufrufe zu Straftaten zu zählen, denn immer wieder kommen Telegram-Nutzer auf ihren Kanälen mit solchen Inhalten durch, ohne dass sie abgemahnt oder gelöscht werden – von den großen, privaten Gruppenchats ganz zu schweigen.

Facebook, Twitter und YouTube hingegen gehen aktiv gegen Falschmeldungen vor. Jeder kann Beiträge melden, die anschließend geprüft und in der Folge oft gelöscht werden. Zusätzliche Funktionen wie z.B. dem Verweis auf richtigstellende Quellen bei Fake News, sollen Nutzer helfen, im Informationswirrwarr rund um das Coronavirus nicht auf Verschwörungserzählungen hereinzufallen. Die meisten Telegramer nutzen die größeren Reichweiten bei den großen sozialen Netzwerken allerdings gezielt aus, um Menschen auf Telegram zu locken – oft, wie Michael Wendler, mit dem Versprechen, dort unzensierte Ansichten dargeboten zu bekommen.

Warum wird Telegram nicht stärker kontrolliert?

Facebook, Twitter und Co. gehen unter anderem deswegen so scharf gegen gefährliche Meinungsäußerungen vor, weil sie unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) fallen. Dies besagt, dass Anbieter eines sozialen Netzwerks es ihren Nutzern transparent machen müssen, wie rechtswidrige Inhalte gemeldet werden können und sich dazu verpflichten, die Beschwerde innerhalb von 24 Stunden zu prüfen und den entsprechenden Beitrag gegebenenfalls zu sperren.

Das Gesetz gilt allerdings aktuell für "Telemediendiensteanbieter, die mit Gewinnerzielungsabsicht Plattformen im Internet betreiben, die dazu bestimmt sind, dass Nutzer beliebige Inhalte mit anderen Nutzern teilen oder der Öffentlichkeit zugänglich machen". Telegram ist jedoch kostenlos, werbefrei und gibt nach eigenen Angaben auch keinerlei personenbezogene Daten an Dritte (wie z.B. Werbebetreiber) weiter. Als privater Messenger fällt Telegram also bei dem NetzDG aus dem Raster. Durch die Kanal-Funktion, die Telegram jedoch auch zum öffentlichen sozialen Netzwerk macht, wird dies von vielen bereits kritisiert.

Telegrams Selbstinszenierung als Einzelkämpfer spricht Verschwörungserzählern an

Hinzu kommt, dass Telegram als Betreiber nicht so transparent agiert wie Facebook und Co. Außer, dass die russischen Brüder Pavel und Nikolai Durov die App 2013 in St. Petersburg gegründet haben, ist über die Menschen hinter Telegram nicht viel bekannt. Die Zentrale zog in den vergangenen Jahren auch mehrmals um und ist heute in Dubai ansässig. Nach eigenen Angaben nehme man auch in Kauf, erneut umzuziehen, "wenn lokale Bestimungen dies erforderlich machen". Nicht nur bei Telegram fällt man also durch das Kontrollraster, auch die App-Betreiber selbst scheinen sich als alternative Einzelkämpfer gegen die große Maschinerie der Politik zu inszenieren. Damit sprechen sie Verschwörungserzähler wahrscheinlich zusätzlich an.