Mentalitäts-Debatte um deutsches Team

Wir sind keine Turniermannschaft mehr - Schweinsteiger legt sich mit Flick an

Deutschland trotz Sieg raus Drama in Katar
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Zweites Vorrunden-Aus bei einer WM in Folge. Der deutsche Fußball steht in Trümmern. Eine neue Mentalitäts-Debatte zieht durchs Land. Weltmeister Bastian Schweinsteiger zählt das Team an. Bundestrainer Hansi Flick widerspricht im Live-TV.

Schweinsteiger legt Probleme schonungslos offen

Deutschland ist im „Woran hat es jelegen“-Modus. Wenn man es kompakt zusammenfassen will, liest sich der nächste deutsche WM-K.o. so: 20 schlampige Minuten im Auftaktspiel gegen Japan kosten das Team das Genick. Doch die Misere allein auf diese verschlafene Endphase zu reduzieren, ist zu wenig.

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Bastian Schweinsteiger, WM-Experte der ARD, legte am späten Donnerstagabend den Finger in die riesige deutsche Fußball-Wunde. Einen großen Knackpunkt hatte er ausgemacht. Immer wieder lässt die Nationalmannschaft ihre Gegner zurück ins Spiel kommen. Eine Demonstration der Stärke über 90 Minuten gab es schon lange nicht mehr. So auch gegen das vermeintlich schwächere Costa Rica, das sich zunächst in der eigenen Hälfte verschanzte. Die deutsche Defensive half sogar dabei mit, die Mittelamerikaner wieder im Spiel anzumelden. Sinnbildlich dafür steht die Doppel-Patzer von Antonio Rüdiger und David Raum, die in der 35. Minute Keysher Fuller gewähren ließen und beinahe das 1:1 verschuldeten.

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Genau solche Szene veränderten das Spiel, meint Schweinsteiger. „Ab Minute 35, als wir die große Möglichkeit durch Fuller hergegeben haben und als Manuel Neuer super hält, hat sich das Spiel sofort geändert. Und die Costa Ricaner haben daran geglaubt, dass sie eine Möglichkeit haben, hier Deutschland zu schlagen.“

Auch für Rüdiger hat das Aus mit der Mentalität zu tun. „Die letzte Gier, dieses etwas Dreckige - das fehlt uns“, Real-Profi. „Viel Talent, alles schön und gut. Aber da gehört mehr dazu als einfach nur Talent, da spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Da müssen wir uns verbessern, ansonsten kommen wir nicht weiter.“

DFB-Team beschenkt Gegner

Nicht das erste Mal, dass die DFB-Elf den Gegner an die Hand nahm. Auch gegen Japan hätte die Nationalelf früher viel höher führen müssen, leistete sich dann aber in der Defensive haarsträubende Fehler, die der Gegner dankend annahm. „Das war ähnlich wie gegen Japan. Dass wir da nicht die Ruhe haben, das Spiel einfach mal zu kontrollieren. Und nicht dem Gegner diesen Glauben geben“, analysierte Schweinsteiger in der ARD. „Davon bin ich enttäuscht. Das hatten wir früher nicht. Da haben wir den Gegner nicht mehr ins Spiel kommen lassen.“

Nun kann man das als „Früher war alles besser“-Gerede hinstellen. Dennoch hat der Ex-Nationalspieler einen Punkt. Abgebrüht eine Partie nach Hause bringen. Den Gegner dominieren. War das nicht mal eine deutsche Fußball-Tugend? Was uns zum nächsten Brennpunkt bringt: Führungsspieler.

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Auch hier hat Schweinsteiger eine klare Meinung. „Wir müssen wieder da hinkommen, dass wir Führungsspieler ausbilden, die, wenn es schwierig wird oder mal 0:0 steht, diese Spiele kontrollieren“, sagte der 38-Jährige.

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Es fehlt auch die Qualität

Durch den sich anbahnenden Abgang von Thomas Müller, dem sich nähernden Rücktritt von Kapitän Neuer oder Ilkay Gündogan entsteht womöglich schon bald ein Vakuum. Wo sind die Anführer, die das Team tragen? Außer Joshua Kimmich, der nach der Partie extrem enttäuscht war und besorgt ist in ein „Loch zu fallen“, sind keine in Sicht.

Zumal auch die Qualität, insbesondere in der Defensive und im Sturmzentrum ein echtes Problem ist, das sehr bald gelöst werden muss. Klartext von Schweinsteiger: Es mangelt an Qualität. „Wir haben in der Defensive nur einen Spieler, der auf einem hohen Niveau spielt: Das ist Toni Rüdiger. Die Anderen, das ist normales Bundesliganiveau.“ Damit meint er Spieler wie Niklas Süle oder Nico Schlotterbeck von Borussia Dortmund.

Schweinsteiger sauer: "Wo ist dieses Feuer?"

Apropos BVB: Der Vizemeister kennt diese Mentalitätsdebatte ja nur zu gut. Auch die Dortmunder wurden in den vergangenen Jahren für Patzer gegen vermeintlich einfache Gegner, die den Club dann in der Tabelle zurückwarfen, massiv angezählt. Und in der Tat ist es ja so: Gegen die Top-Mannschaft Spanien zeigte die DFB-Elf die beste Leistung des Turniers – über 90 Minuten. Gegen Japan und Costa Rica leistet sich das Flick-Team längere und qualvolle Aussetzer.

Deutschland sei keine Turniermannschaft, legte Schweinsteiger nach. „Du brauchst eine gute Defensive, du brauchst Stabilität in der Mannschaft, und das fängt hinten an. Du musst es schaffen, Mannschaften aus dem Spiel zu nehmen. Du warst zweimal 1:0 vorne und hast es wieder hinbekommen, dass der Gegner das Spiel dreht. Diese Sachen dürfen nicht passieren.“ An die deutsche Defensive gerichtet, wurde er deutlich. „Wo ist dieses Feuer? Diese Gier? Dass es auch mal scheppert und man dagegenhält.“

Fragen, die DFB-Direktor Oliver Bierhoff und Bundestrainer Hansi Flick alsbald beantworten müssen.

Flick zofft sich mit Schweinsteiger

Im Live-TV ging der DFB-Trainer direkt auf die Aussagen von Schweinsteiger ein. Als Moderatorin Esther Sedlaczek die Schweinsteiger-Analyse wiedergab, dass andere Teams mehr brennen als das deutsche, wollte Flick ihm nicht recht geben. „Weil das absoluter Quatsch ist. Wie machst du das fest?“

Die Antwort von Schweinsteiger: „Es gibt Situationen auf dem Spielfeld, da fehlen bei den Spielern die fünf Prozent Konzentration. Wenn man sich heute das 1:1 anschaut. Und brennen heißt ja nicht nur immer attackieren, sondern auch im Kopf dabei zu sein. Wir haben zu oft den Gegenspieler freigelassen und nicht zugestellt, vor allem die Verteidiger. Da habe ich mir viel mehr erwartet. Das meine ich mit Brennen, das habe ich in anderen Spielen viel deutlicher gesehen.“ Gegen Spanien hätte es das Team gut gemacht, so Schweinsteiger. „Gegen Japan und heute war mir es zu wenig. Da ist bei mir nicht der Funke übergesprungen. Toni Rüdiger macht das normalerweise, bei den anderen fehlt mir was. Wir haben fünf Gegentore kassiert. Seit der EM 2016 haben wir immer ein Gegentor kassiert. Wenn du nicht gut verteidigst, wirst du auch nicht weiterkommen und nicht gewinnen, das meine ich.“

Flick kontert: „Ja, das ist so. Wir haben Tore bekommen, Fehler gemacht. Dass die Mannschaft nicht brennt, sehe ich nicht. Sie hat gewollt. Gerade in der ersten Halbzeit war nach den vergebenen Chancen sicherlich eine kleine Enttäuschung da.“ (msc)