Corona-Krise verändert die Bier- und Schinkenstraße

Ein Ballermann ohne Ballermann

RTL-Reporterin Linda Kotterba auf Palma de Mallorca
© RTL

31. Juli 2020 - 10:23 Uhr

von Linda Kotterba

Der Ballermann hat sich verändert. Für die einen war das wahrscheinlich längst überfällig, für mich ist es ein Trauerspiel. Nie habe ich die Straßen und den Strand der Playa in der Hochsaison so leer gesehen. Und auf der beliebten Bier- und Schinkenstraße? Tote Hose!

Strandurlauber sind zufrieden

Klar, am Strand sind zufriedene Urlauber. Die Sonne brennt, das Meer ist schön blau und es ist nicht viel los. Ein Strandurlaub kann hier wirklich genossen werden. Mit genügend Abstand und ohne Maske. Denn so schlimm, wie die Maskenpflicht hier verschrien wurde, ist sie gar nicht, finde ich jedenfalls. Die Maskenpflicht wird vor allem in Palma streng durchgesetzt. Dort muss die Maske beim Bummeln durch die Stadt konstant auf bleiben. Klar, es ist warm und man schwitzt unter der Maske, aber es ist auszuhalten. Und in El Arenal müssen Masken nur in den Shops und Restaurants getragen werden, am Strand geht es ohne. "Die Promenade ist eher eine Grauzone", verrät mir der Mitarbeiter eines Cafes. Wenn der Abstand gewährleistet werden kann, kann auch hier die Maske abgesetzt werden. Und genau daran halten sich auch die meisten Urlauber.

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Die Stimmung kippt

Auf der einen Seite gibt es also die zufriedenen Strand-Urlauber, auf der anderen Seite die Urlauber, die eigentlich zum Feiern nach Malle geflogen sind. Ob Junggesellinnen-Abschied oder Party-Urlaub mit den Freunden, das hatten sich die Partytouristen hier an der Partymeile für deutsche Urlauber anders vorgestellt. Hier steht man jetzt an der berühmten Schinkenstraße vor verschlossenen Türen. Immerhin haben noch die Bars an der Playa, also an der Promenade, auf.

Wo normalerweise Tausende Feierlustige rumlaufen, die sich schon Monate vor dem Malle-Urlaub Gedanken über abgestimmte Trikots mit einer lustigen Aufschrift gemacht haben, sieht man jetzt nur vereinzelt Gruppen in einer Bar sitzen. Ein kleiner Hauch vom Ballermann-Gefühl. Die richtige Stimmung ist allerdings in der Bier- und Schinkenstraße hinter verschlossenen Riegeln geblieben. Die Enttäuschung bei den Party-Urlaubern ist groß. So groß, dass sie sich bei manchen in Zorn verwandelt, vor allem gegen die Medien. Und das habe auch ich hier schon zu spüren bekommen. Kamerateams und Journalisten werden angepöbelt und beschimpft.

Das Ballermann-Beben

Denn am 16. Juli war, nach nicht einmal einem Monat, wieder Schluss für die Bier- und Schinkenstraße. Und das wegen eines Videos, das durch die Medien ging. In dem besagten Video sind Party-Touristen in einer Bar zu sehen, die den Abstand nicht eingehalten und ausgiebig gefeiert haben. In den Medien hat es schnell den Eindruck gemacht, dass auf der Bier- und Schinkenstraße alles aus dem Ruder läuft und Corona-Regelungen nicht eingehalten werden. Die Videos stammen aus zwei Bars und angeblich sei nach zwei Stunden alles wieder unter Kontrolle gewesen.

Die Bilder gingen um die Welt. Dafür büßen müssen jetzt nicht nur die beiden betroffenen Bars. Die spanische Regierung reagierte schnell und veranlasste die Schließung der kompletten Bier- und Schinkenstraße. Egal ob Restaurant, Bar oder kleiner Supermarkt. Schockstarre bei den Kellnern und Wirten, Unverständnis bei den Urlaubern.

Arthur Riegel ist langjähriger Manager aus dem Party- und Schlagerbereich und hätte sich gewünscht, dass die größten Lokalitäten am Ballermann wie der Megapark und Bierkönig öffnen dürfen. Somit hätten sich die Urlauber besser verteilen können, meint er. "Der Megapark hat monatelang ein hochwertiges Hygiene-Konzept erarbeitet, das Konzept ist auch in Madrid für gut befunden worden, aber trotzdem durften sie nicht öffnen. Obwohl sie (die Betreiber vom Megapark) Profis sind, die wissen was sie tun".

Nicht einmal auf eine zweiwöchige Testphase hätte sich die Regierung hinreißen lassen, sagt er. Das wollten die Wirte und Ballermann-Stars nicht auf sich sitzen lassen. Kurz vor der Zwangsschließung der Schinken- und Bierstraße demonstrierten sie gemeinsam für die Öffnung von Lokalen, die eine größere Fläche als 300 Quadratmeter haben, zu denen unter anderem auch der Megapark und Bierkönig gehören.

Weg vom Partytourismus

Das unter anderem für viele unverhältnismäßige Schließen und Öffnen von Lokalen lässt immer wieder Stimmen laut werden, die sagen, dass der spanische Tourismusminister Iago Negueruela schon seit Jahren versucht, die Partytouristen auf Mallorca loszuwerden. Ein weiterer Grund zu dieser Annahme ist, dass er die Ballermann-Urlauber ganz offen als unzivilisiert und asozial beschreibt. Könnte es also sein, dass Mallorca den Medienrummel um den Corona-Party-Exzess nutzt, um weiter gegen das bunte Treiben am Ballermann vorzugehen? Denn die Corona-Zahlen auf Mallorca sind weiterhin niedrig, die Schließung der Bier-und Schinkenstraße ist reine Prävention.

„Der Ballermann ist tot“

In Mallorca-Facebook-Gruppen sind sich viele schon sicher: "Es wird NIE mehr so werden, wie es einmal war. Die Playa ist TOT. RIP". Es gibt aber auch positive Stimmen: "Wann lernt ihr es endlich? Die Leute machen die Party, nicht die Läden", heißt es da. Oder: "Wer weiter so einen Quatsch schreiben will, dass die Playa stirbt, die Playa wird sich niemals ändern, die Playa sind wir". Uneinigkeit bei den einen, Zusammenhalt und Wir-Gefühl bei den anderen. Ihren Ballermann aufgeben wollen die wenigsten.

Manager Arthur Riegel geht davon aus, dass es im nächsten Jahr am Ballermann noch genau so leer sein wird wie dieses Jahr. Trotzdem ist er zuversichtlich: "Den Bierkönig, Megapark und andere gestandene Kneipen am Ballermann wird man nicht einfach so kaputt kriegen. Es sei denn, man wartet so lange, bis sie von selbst hinschmeißen." Aber er glaubt nicht daran, dass der Ballermann langfristig so bleibt, wie wir ihn kennen. "Es wird wahrscheinlich auch ohne Corona Vorschriften geben, von denen wir jetzt noch nichts wissen."

Egal wie die Vorschriften aussehen werden: Die Ballermann-Fans werden ganz sicher wiederkommen. Und auch ich werde es mir 2021 nicht nehmen lassen - natürlich nur solange es Corona zulässt - wiederzukommen.