Zu wenig Zucker?!

Zuckerstreit geht weiter: Getränkehersteller Lemonaid kämpft gegen neue Regeln

Lemonaid ergänz ironisch gemeinten Warnhinweis, sonst wären Millionen von Glasflaschen unbrauchbar.
Lemonaid ergänz ironisch gemeinten Warnhinweis, sonst wären Millionen von Glasflaschen unbrauchbar.
© Lemonaid

29. März 2021 - 15:48 Uhr

Lemonaid nutzt für Rezeptur weniger Zucker als vorgeschrieben

Nach Protesten des Getränkeherstellers Lemonaid sollen die Zuckerregeln für Limonade geändert werden. Doch die Firma ist mit den neuen Regeln keinesfalls glücklich. Sie fürchtet, dass sie künftig Warnhinweise anbringen muss – oder Millionen Glasflaschen unbrauchbar werden.

Lemonaid enthält weniger Zucker als in Limonadenvorgaben gefordert

Der Kampf des Hamburger Getränkeherstellers Lemonaid gegen die behördlichen Zuckervorgaben geht weiter. Zwar sollen künftig auch Limonaden mit weniger Zucker verkauft werden dürfen, wie Lemonaid es gefordert hatte. Doch die Firma fürchtet neue bürokratische Hürden – und reagiert einmal mehr mit einem kreativen Protest, wie die Macher dem stern berichten.

Die Bio-Limonade von Lemonaid war in der Vergangenheit wiederholt von lokalen Lebensmittelkontrolleuren beanstandet worden, weil sie weniger Zucker enthält, als in den Leitsätzen für Limonade vorgesehen. Der Protest von Lemonaid gegen diese absurd anmutende Zuckerregel hatte große Wellen geschlagen. Denn dass eine Limonade, die weniger Zucker enthält, als irgendwann mal in den behördlichen Leitsätzen festgeschrieben, sich nicht Limonade nennen darf, erschien nicht nur der Firma selbst nicht mehr zeitgemäß.

Tipp: Erfrischungsgetränke bei Öko-Test: Viel zu viel Zucker!

Limo-Proteste bewirken Umdenken

Der laut Vorschriften zu geringe Zuckergehalt bei Lemonaid-Sorten von "nur" 5,6 Gramm, muss künftig auf den Flaschen kenntlich gemacht.
Der laut Vorschriften zu geringe Zuckergehalt bei Lemonaid-Sorten von "nur" 5,6 Gramm, muss künftig auf den Flaschen kenntlich gemacht.
© picture alliance / Zoonar | Katerina Solovyeva

Und tatsächlich hat Lemonaid mit seinen Protesten etwas bewegt. Die zuständige Lebensmittelbuch-Kommission hat vor wenigen Wochen beschlossen, die Leitsätze für Erfrischungsgetränke zu überarbeiten. Laut der Neufassung der Leitsätze, die nach einem Anhörungsverfahren abschließend beschlossen werden sollen, dürfen sich Getränke künftig auch Limonade nennen, wenn sie weniger als 7 Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten. Auch die Lemonaid-Sorten, bei denen im Labor "nur" 5,6 Gramm Zucker nachgewiesen worden waren, dürften demnach weiter als Limonade verkauft werden.

Doch als Sieg feiert Lemonaid das nicht. Denn in dem Entwurf findet sich ein Satz, der den Fairtrade-Limonademachern Bauchschmerzen bereitet. Unter Punkt 2.3.1 heißt es: "Bei Limonaden, die weniger als 7 g/100 ml Gesamtzucker aufweisen und keine Süßungsmittel enthalten, wird der geringere Zuckergehalt hinreichend kenntlich gemacht." Beispiele dafür seien Bezeichnungen wie "Limonade mit 5,7 % Zucker, mit Zitronen-Himbeer-Geschmack" oder "Limonade, weniger süß".

Ob die Angabe zum Zuckergehalt im Kleingedruckten auf der Lemonaid-Flasche ausreicht, ist ungewiss. Möglicherweise ist künftig ein deutlicherer Hinweis nötig, der auf den geringeren Zuckergehalt aufmerksam macht. "Dass wir einen Warnhinweis anbringen müssen, weil unsere Limonaden 'zu gesund' sind widerspricht jeder Intuition", empört sich Lemonaid-Gründer Paul Bethke. "Es sollten doch die Hersteller, die überzuckerte Getränke vermarkten, abgestraft werden. Nicht umgekehrt."

Lemonaid-Glasflaschen könnten unbrauchbar werden

Für Lemonaid ergibt sich aus dieser Kennzeichnungsvorgabe ein großes praktisches Problem. Denn auf den Lemonaid-eigenen Glasflaschen befindet sich gar kein Etikett, auf dem man einen solchen Hinweis mal eben ergänzen könnte. Die Schrift ist stattdessen unveränderlich direkt in die Mehrweg-Pfandflaschen eingebrannt. "Für uns würde es bedeuten, dass wir Millionen neue Flaschen anschaffen müssten – und das in der Corona-Krise", sagt Bethke.

Die bestehenden Flaschen weiterzuverwenden und mit einem zusätzlichen Sticker zu versehen, sei ebenfalls "nicht praktikabel und zu teuer", erklärt die Firma. "Die Abfüllanlage ist eben nicht darauf ausgelegt, kleine Sticker millimetergenau an eine bestimmte Stelle der Flasche anzubringen."

Um öffentlichkeitswirksam gegen die Vorgabe zu protestieren, wird Lemonaid mal wieder kreativ tätig. Vorübergehend tragen die Flaschen einen extra großen Aufkleber mit einem Warnhinweis, wie man ihn optisch von Zigarettenpackungen kennt: "Achtung – wenig Zucker", heißt es ironisch darauf.

Lemonaid-Gründer bekommen Unterstützung aus der Politik

Julia Klöckner (CDU) begrüßt einen neuen Leitsatzentwurf für weniger Zucker in Erfrischungsgetränken.
Julia Klöckner (CDU) begrüßt einen neuen Leitsatzentwurf für weniger Zucker in Erfrischungsgetränken.
© picture alliance / dpa | Monika Skolimowska

Außerdem haben die Lemonaid-Gründer ein Schreiben an die Lebensmittelbuch-Kommission formuliert, in dem sie sich dagegen wehren, solche Hinweise dauerhaft anbringen zu müssen. Die Leitsätze hätten das Ziel, Verbraucher vor Irreführung und Täuschung zu schützen, erinnern sie darin. "Die geplanten Änderungen der Leitsätze für Erfrischungsgetränke konterkarieren dieses Selbstverständnis und die formulierten Ziele jedoch auf geradezu absurde Weise– weshalb wir hiermit entschieden Einspruch gegen sie erheben." Kein Verbraucher erwarte heutzutage mehr, dass eine Limonade mindestens soundsoviel Zucker enthalte. Es bestehe im Gegenteil breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens, dass Fertiglebensmittel gesünder werden müssten.

Auf der Linie ist eigentlich auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) unterwegs. "Wir haben das klare Ziel, den Zuckergehalt in Fertiglebensmitteln und auch Erfrischungsgetränken deutlich zu reduzieren", kommentierte Klöckner Anfang März die überarbeiteten Leitsätze. "Daher begrüße ich ausdrücklich, dass der neue Leitsatzentwurf Raum für Innovationen lässt." Einen Warnhinweis vor zu wenig Zucker hatten sich die Lemonaid-Macher darunter allerdings nicht vorgestellt.

Hinweis: Dieser Artikel von Daniel Bakir erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.

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