RTL News>Gesundheit>

Krankenkassen zahlen Trisomie-Test für Schwangere: Alle Fragen - alle Antworten

Nach jahrelanger Diskussion

Krankenkassen zahlen Trisomie-Test für Schwangere: Alle Fragen - alle Antworten

Bluttest Trisomie
Eine jahrelange Diskussion findet ihr Ende. Ab sofort übernehmen Krankenkassen den Trisomie-Bluttest bei Schwangeren. Doch die Entscheidung hat nicht nur Befürworter
iStock, iStockphoto

von Jessica Bürger

Ab dem 01. Juli ist es nun so weit: Krankenkassen übernehmen zum Teil die vorgeburtlichen Bluttests auf Trisomien. Das Thema wird bereits seit Jahren hitzig diskutiert und auch die neuste Entscheidung sorgt für Redebedarf. Wir haben zusammen mit Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht alles Wichtige für Sie zusammengefasst.

Wie funktioniert der Bluttest?

Beim dem sogenannten nicht-invasiven Pränataltest (NIPT) wird eine Blutprobe der werdenden Mutter auf bestimmte Erbgutfehler des Fötus untersucht: etwa auf eine Trisomie 21 (Down-Syndrom). Mit dem gleichen Test können aber auch Trisomie 18 und Trisomie 13 festgestellt werden. Ab der 10. Schwangerschaftswoche enthält das Blut der Mutter nämlich ausreichend Erbgut des Kindes, sodass es im Labor untersucht werden kann.

Ist das Testergebnis negativ, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit (etwa 99,91%) ausgeschlossen werden, dass das Ungeborene Trisomie 21 hat. Ist es hingegen auffällig, muss ein weiterer Eingriff folgen, um eine sichere Diagnose zu stellen – etwa eine Fruchtwasseruntersuchung.

Deshalb sei der Test 2012 auch so ein „gigantischer Fortschritt“ gewesen, erklärt Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht im RTL-Interview. Während der Test absolut ungefährlich sei, gehe mit einer Fruchtwasseruntersuchung ein sehr geringes Risiko einer Fehlgeburt mit einher. Er erinnert aber auch daran: „Dieser Bluttest zeigt nur diese Trisomie-Veränderungen an! Kein Test kann sagen, ob das Kind zu 100 Prozent frei von Erbkrankheiten ist.“

Wer hat den Test bisher bezahlt?

Die NIPTs stehen Frauen schon seit 2012 zur Verfügung, allerdings müssen sie bislang in der Regel selbst bezahlt werden. Die Kosten liegen zwischen 200 und 450 Euro je nach Anbieter, so Specht. Das habe zu einer Ungerechtigkeit geführt. „Viele Frauen hätten diesen Test gemacht, konnten es aber finanziell nicht.“ Mit der neuen Regelung solle das nun ausgeglichen werden.

Laut einer Infobroschüre des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) übernehmen die Krankenkasse bisher die Untersuchung nur, wenn sich „ein Hinweis auf eine Trisomie ergeben hat oder wenn eine Frau gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt zu der Überzeugung kommt, dass der Test in ihrer persönlichen Situation notwendig ist“. Die Fruchtwasseruntersuchung haben die Krankenkassen anschließend jedoch übernommen.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Was ist neu?

Der Test wird nun nicht mehr nur bei begründeten Einzelfällen, sondern auch nach ärztlicher Beratung unter Verwendung einer Versicherteninformation durchgeführt, schreibt die Deutsche Presse-Agentur (dpa).

Heißt: Der Bluttest wird zwar keine allgemein empfohlene Vorsorgeuntersuchung – wie zum Beispiel der Test auf Chlamydien beim Frauenarzt bis zum 25. Lebensjahr – jedoch eine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen, die im Falle des Tests die Kosten auch übernehmen. Voraussetzung ist, dass es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt.

Und was sagen Sie dazu?

Welche Herausforderungen für Ärzte können nun entstehen?

„Wir haben es hier mit einem backweichen Gesetz zu tun“, erklärt Dr. Specht. Der Arzt müsse seiner Patientin erklären, dass es diesen Test gebe, dass sie einen Anspruch darauf habe und welche Konsequenzen damit in Verbindung stehen. Wenn der Arzt und die Eltern zu einer Einigung kommen, könne der Bluttest gemacht werden.

„Und da sehen wir, dass wir in den Bereich der Beliebigkeit kommen“, so Specht. Denn wenn der Arzt dem Test kritisch gegenüberstehe, werde er seiner Patienten auch eher vom Test abraten – und andersherum. Auf den Schultern der Ärzte ruhe nun eine enorme Verantwortung, sagt auch Thomas von Ostrowski der dpa. „Zentrale Herausforderung wird das Gespräch mit der Schwangeren sein, um dieser eine selbstbestimmte Entscheidung zu ermöglichen."

Melody Buzoku hat das Down-Syndrom.
Die kleine Melody Buzoku ist sechs Jahre alt und hat Trisomie 21. Die Krankheit kann mit einem einfachen Bluttest vor der Geburt bereits festgestellt werden.
Lorena Buzoku

Wieso steht der Bluttest weiterhin in Kritik?

Der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD) warnt vor einem „großen Selektieren“. Sozialberater Dennis Riehle sagte kürzlich, er denke, es sei „mit den geltenden Sozialgesetzen nicht vereinbar, wenn die Krankenversicherung künftig den Bluttest auf Trisomie 21 finanzieren soll“. Durch den Vorstoß steige der Anreiz zur standardmäßigen Durchführung der Gendiagnostik - ein Trend, der verhindert werden müsse. „Die utopische Ideologie des idealen Menschen fände weitere Anhänger. Wir dürfen keine Selektion zulassen, sondern müssen den Schutz jedes Einzelnen in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen“, so Riehle.

Ein medizinisch sicherer Test, der finanziell tragbar ist versus einer Vorselektierung von Kindern?

„Die Eltern müssen mit dem Befund der Trisomie umgehen können“, appelliert Specht. Natürlich werde die Nachfrage nach den Tests steigen, nun wo die Kassen ihn bezahlen. Es sei jedoch wichtig, den Test nicht leichtfertig zu machen, sondern sich im Klaren zu sein, was man mit dem Befund mache, sollte dieser positiv sein. Er selbst empfiehlt Offenheit. „Das ist meiner Meinung nach keine Frage der Existenz dieses Tests und mehr, wie die Gesellschaft tickt.“ Beide Entscheidungen – ob Abtreibung oder ein Kind mit Trisomie großziehen – seien nicht vorwerfbar und sollten respektiert werden.

Lese-Tipp: Leben mit Trisomie 21: Was erwartet Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom?

Riehle vom ABiD sieht das ähnlich. Anstelle einer Debatte über die Pränataldiagnostik müsse eine Debatte über das Bild von Behinderung stehen. „Die Anerkennung von uneingeschränkter Würde jeder Person zu praktizieren, das bleibt Aufgabe von uns allen.“ Auch Wolff von der Diakonie betont: Ziel müsse sein, alle Kinder, auch jene mit einer Trisomie, gut aufwachsen lassen zu können . „Hier sind noch viele Schritte hin zu einer inklusiveren Gesellschaft notwendig.“ (mit dpa)