Ratgeber
Alles, was Sie zum Leben brauchen

'Ich. Du. Inklusion': In den Schulen ist noch viel Bedarf!

Jutta-Rogge-Strang
Nina, die Tochter unserer Autorin, ist auf verschiedene Schulen gegangen. Das Fazit zum Thema Inklusion: Es fehlt an Investitionen. Überall. © Jutta Rogge-Strang

Wie sieht Inkusion in der Wirklichkeit aus?

Der Film 'Ich. Du. Inklusion' beschäftigt sich mit dem Thema inklusive Schule. Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal wie er aussiehst, welche Sprache er spricht oder ob er eine Behinderung hat. Natürlich auch in der Schule. Aber klappt das auch? Wie sieht die Realität aus? 

Inklusion ja - aber wer ist bereit, dafür zu zahlen?

Bis vor einigen Jahren war die Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen und Besonderheiten das gesellschaftliche Ziel - also die Eingliederung von Menschen, die von der (vermeintlichen) Norm abwichen. Durch die Brille der Humanität betrachtet kein sonderlich beglückendes Konzept, aber immerhin eines, an dem man sich orientieren konnte - etwa in der Ausbildung von (Sonder-)Pädagogen, die sich mit der Förderung von lernschwachen oder beeinträchtigten Menschen auskannten. 

Mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention ist nun Inklusion das Leitbild: Jeder Mensch ist gleich zu behandeln und soll dieselben Chancen haben, von schwerst mehrfach Behinderten bis zu Hochbegabten. Alle sollen gemäß ihrer Fähigkeiten und Veranlagungen individuell gefördert werden. Endlich, möchte man sagen, weil das doch Herz und Vernunft gebieten - allein: Wer ist bereit, das zu bezahlen? Die Antwort lautet: bislang niemand. Und das hat gravierende negative Auswirkungen. 

Meine Tochter wurde mit Steinen beschmissen

Eltern beraten Eltern Berlin
Inklusion bedeutet, dass alle - auf unterschiedlichen Niveaus - gemeinsam lernen. Das war in den Schulen von Nina leider oft nicht der Fall. © Eltern beraten Eltern Berlin

Zwar gibt es seit zwei Jahren für Kinder mit Unterstützungsbedarf einen Rechtsanspruch auf Unterricht an Regelschulen. Genügend Zeit eigentlich, um anfängliche Schwierigkeiten zu beheben und neue Lösungen zu etablieren. Doch die Realität sieht völlig anders aus: Es fehlt am Geld und am Willen vieler Beteiligter. 

Als Mutter einer Tochter mit Beeinträchtigung weiß ich genau, wovon ich rede. Seit vielen Jahren kämpfe ich gegen Missstände in den Schulen. Von der Grundschule über die weiterführende Schule bis hin zur Berufsschule ist nicht ein einziges Jahr ohne Katastrophen vergangen. Dabei waren wir in der Grundschule noch im (Bundes-)Land der Glückseligen: Wir wohnten in Köln und hatten tatsächlich regelmäßig eine Sonderpädagogin, die sich intensiv um die Kinder mit Förderbedarf gekümmert hat. Das Problem an der integrativen Grundschule waren nur die Mitschüler: Dass meine Tochter irgendwann einmal mit Steinen beschmissen wurde, als sie morgens vor der verschlossenen Schultür wartete, hatte ich bei einer ausgewiesen integrativen Schule nicht erwartet. Dass das noch unser geringstes Problem sein würde, ahnte ich damals zum Glück noch nicht. 

Von der integrativen Schule zur "Resteschule" ohne gymnasiale Oberstufe

Wir zogen nach Berlin und erwarteten mindestens ebenso gute Bedingungen wie in Köln. Doch weit gefehlt, wir wurden Opfer der Berliner Schulreform: Abschaffung der Hauptschulen, Zusammenlegung von Haupt-, Real- und Sonderschulen zu so genannten Sekundarschulen. Unsere Sekundarschule war bei Anmeldung unserer Tochter noch eine integrative Realschule mit hervorragendem Ruf. Jetzt wurde sie zur "Resteschule" ohne gymnasiale Oberstufe, von der die guten Lehrer und Sonderpädagogen in Scharen flüchteten - und die alles andere auf der Agenda hatte als die Umsetzung inklusiver Beschulung. Priorität hatte das Einsammeln von Messern, Polen-Böllern und Handys, auf denen Pornos gezeigt wurden. 

Und so hatten wir in der weiterführenden Schule anfangs für ganze drei Monate einen Sonderpädagogen, der die so genannte 'Doppelsteckung' (mit zwei Lehrkräften pro Klasse) ermöglichte. Doch damit war es schnell vorbei: Eigentlich wollte der gute Mann gar nicht als Sonderpädagoge arbeiten, zudem ertrug er das Chaos an der Schule nicht und ließ sich dauerkrank schreiben. Ersetzt wurde er von engagierten, aber fachlich nicht ausgebildeten Schulhelfern - meist Studenten der Sonderpädagogik (solange es diesen Studiengang in Berlin noch gab) oder andere Interessierte. 

DAS macht Menschen mit Down-Syndrom besonders
DAS macht Menschen mit Down-Syndrom besonders Was Sie noch nicht über Trisomie 21 wussten 01:31

Kinder mit Förderbedarf wurden im Nebenraum unterrichtet

Bei uns sah es dann so aus, dass hauptsächlich die Schulhelfer die Kinder mit besonderem Förderbedarf unterrichtet haben - wegen der hohen Lärmbelastung in der Klasse allerdings in einem Nebenraum. Damit fand noch nicht einmal mehr Integration statt - von Inklusion ganz zu schweigen. Denn Inklusion bedeutet ja, dass alle - auf unterschiedlichen Niveaus - gemeinsam lernen. Hin und wieder tauchte noch ein "Ersatzlehrer" für unsere Kinder auf (den wir Eltern selber gesucht hatten), der allerdings nicht länger als ein halbes Jahr in der Klasse blieb. 

Wer nun glaubt, wir Eltern hätten nicht interveniert, irrt sich: Zwei Jahre lang waren wir (neben unserer Berufstätigkeit) im Dauerkontakt mit Schulleitung und der in Berlin zuständigen Schulbehörde - letztlich ohne Erfolg. Das einzige Ergebnis war die Doppelsteckung mit teilweise sehr unerfahrenen Schulhelfern - und ruinierte Nerven bei uns Eltern. Irgendwann haben wir aufgegeben und die Dinge hingenommen. Dabei gab es immer wieder tolle Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Beruf mit viel Engagement ausgeübt haben. Aber in unserer Schule gab es eben einen sehr hohen Krankenstand - was lag also näher, als die Doppelsteckung mit zwei "regulären Lehrern" immer wieder aufzuheben, weil in anderen Klassen ein Lehrer fehlte? 

Wer Inklusion ernst nimmt, muss die Etats für Schulen mindestens verdoppeln

Mitterweile macht meine Tochter für zwei Jahre einen Berufsschul-Lehrgang (in Berlin: BQL, berufsqualifizierender Lehrgang). Nach noch nicht mal einem Jahr wurde beschlossen, diesen BQL aufzulösen. Zum Glück darf sie den noch zu Ende machen. Danach gibt es diesen BQL an dieser Schule nicht mehr. Und warum? Lohnt sich nicht, ist zu teuer. 

Damit kommen wir zum eigentlichen Problem der inklusiven Schule: Es wird viel zu wenig investiert. Wer Inklusion ernst nimmt, muss die Etats für Schulen nach meinem Eindruck mindestens verdoppeln. Denn es müsste theoretisch für jedes (!) Kind ein individueller Förderplan erarbeitet und umgesetzt werden, mit Lehrkräften, die motoviert und anständig bezahlt sind. In Berlin ist häufig beides nicht der Fall. Stattdessen wird an allen Ecken und Enden der Mangel verwaltet. Das betrifft nicht nur die inklusiven Schulen, das betrifft (zumindest in Berlin) alle staatlichen Schulen: Da werden Turnhallen geschlossen oder an Vereine vermietet, die Toiletten sind so ekelhaft, dass die Schüler versuchen, tagsüber nichts zu trinken, um nicht auf die Toilette gehen zu müssen. Es gibt Unterricht bis 16 Uhr, allerdings gibt es kein Schulessen. Weil das nämlich so widerlich ist, dass kein Kind mittags essen dort möchte - denn die Berliner Schulverwaltung vergibt den Zuschlag für Schul-Catering jeweils an den billigsten Anbieter. 

Kein Geld für Lehrer - aber Millionen für Prestige-Objekte wie das Berliner Schloss
Die Sparmaßnahmen betreffen auch die Lehrerinnen und Lehrer: Abgesehen davon, dass sie in Berlin nicht verbeamtet werden, setzt die Politik darauf, dass die Lehrer auch neben ihrer (nicht besonders gut) bezahlten Tätigkeit zusätzlich Zeit aufwenden, um sich um ihre Schüler zu kümmern. Nach ein paar Jahren sieht das kein Arbeitnehmer mehr ein und macht dann nur noch Dienst nach Vorschrift. Stattdessen fließen Millionensummen in Prestigeprojekte wie zum Beispiel das Berliner Schloss. Denn mit Touristen lässt sich (vermeintlich) mehr Geld verdienen als mit gut ausgebildeten Kindern. 

Im Rahmen der UN-Konvention, nach der alle gemeinsam an Regelschulen unterrichtet werden sollen, stehen die deutschen Schulen vor dem Nichts. Nur aufgrund des persönlichen Engagements einzelner Lehrinnen und Lehrer findet eine Art Integration überhaupt statt - von Inklusion zu sprechen, wäre ein Hohn. Die meisten Lehrer fühlen sich überfordert, es fehlt an allen Ecken an Geld und Unterstützung. Künftig wird es in Berlin pro Schule einen einzigen Lehrer geben, der alle anderen zum Thema Behinderung und Sonderpädagogik berät. Aber mit wenig Geld und kleinen Mitteln große Ziele verwirklichen zu wollen, wird nicht funktionieren. Dabei betrifft die Frage, wie wir Menschen mit Unterstützungsbedarf in die Gesellschaft integrieren, uns alle. Denn niemand kann sich sicher sein, dass er nicht auch einmal in die Lage kommt, Unterstützung zu benötigen. 

All das geschieht, während es unserem Land wirtschaftlich so gut geht wie wohl noch nie. Armes, reiches Deutschland.

Explo Spielplätze
Explo Spielplätze 03:55

Themen, die Sie bewegen

Sie interessieren sich für Familien-Themen? Klicken Sie sich durch unsere Videoleiste! 

Mehr Ratgeber-Themen