Kommentar zur Kimmich-Debatte

Darum ist seine Entscheidung Privatsache

Joshua Kimmich sorgt für Diskussionen.
Joshua Kimmich sorgt für Diskussionen.
© deutsche presse agentur

26. Oktober 2021 - 10:27 Uhr

Bayern-Star Joshua Kimmich und die Impfdebatte

Fußball-Nationalspieler und Bayern-Star Joshua Kimmich hat vor Kurzem öffentlich gemacht, nicht gegen Corona geimpft zu sein. Seitdem debattiert Deutschland über seine Rolle als Vorbild und ob er als Person des öffentlichen Lebens nicht mit gutem Beispiel – also einer Impfung – vorangehen sollte. Zwei unserer Autoren diskutieren mit – und ergreifen in ihren Kommentaren einmal Partei für Kimmich und einmal Partei für die Menschen, die seine Entscheidung kritisieren.

Ein Held in der falschen Ecke

Joshua Kimmich hat ein Problem. Eines von nationaler Tragweite. Denn der Anführer des FC Bayern ist (noch) nicht gegen das Coronavirus geimpft. Das kann man nicht gut finden. Denn man weiß ja, dass die Impfung schützt. Nicht immer gegen die Infektion, aber doch sehr zuverlässig gegen schwere Verläufe einer Covid-Erkrankung.

Für einen Sportler, dessen Körper ein heiliger Tempel ist, sollte das Argument genug sein, sich den Piks verpassen zu lassen. Joshua Kimmich sieht das (noch) anders. Er hat Bedenken wegen möglicher Langzeitfolgen. Dieses Risiko gibt es allerdings auch nach einer Infektion. Die Mehrheit der Experten hält das sogar für deutlich höher. Stichwort: Long Covid.

Der Druck, der nun öffentlich auf Kimmich aufgebaut wird, ist immens. Er ist unmenschlich. Denn er zwingt Kimmich in ein widerliches Dilemma. Mit seiner (noch) ablehnenden Einstellung wird er unter anderem von der AfD und Corona-Leugnern als Held gefeiert. Das will er nicht. Er hat sich in seinem Statement von den Schwurblern und Querdenkern distanziert. Auch die Schmeicheleien von Rechtspopulisten werden ihm nun nicht gefallen. Die Lösung gegen diesen unerwünschten Heldenstatus wäre einfach: sich impfen lassen.

Umfrage zur Impfdebatte um Kimmich

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Diesen Vorwurf muss man Kimmich machen

Aber wer würde ihm jetzt abkaufen, dass das aus Überzeugung geschieht und nicht durch den Druck, den er gerade aushalten muss. Er solle seiner Vorbildfunktion als Star einer Generation gerecht werden. So heißt es. Er solle solidarisch sein (siehe unten). Manche vermischen das mit der Sonderbehandlung des Profi-Fußballs während des Lockdowns. Das passt nicht. Das Kollektiv lässt sich nicht gegen einen Einzelnen ausspielen. Aber wie soll jemand ein Vorbild sein, wenn er unter massivem Druck gegen seine eigenen Überzeugungen handelt? Das funktioniert nicht. Was funktioniert: Seine Überzeugungen überprüfen und gegebenenfalls anpassen. Das wäre Größe.

Was man ihm vorwerfen kann: Wohl kaum jemand dürfte besseren Zugang zu medizinischen Informationen haben als ein Fußballprofi. Diese nicht in Anspruch zu nehmen, das ist ein Fehler. Und unsolidarisch. Aber für Kimmich gilt, was auch für alle anderen Gültigkeit hat: Er kann sich impfen lassen. Er sollte es aus Schutzgründen tun. Aber er muss es nicht. Denn eine Pflicht gibt es in Deutschland nicht.

Kimmich ist zwar populär und besitzt eine große Reichweite für seine Meinungen und Einstellungen. Aber er ist auch ein Privatmann. Er darf Entscheidungen treffen, wie er möchte. Und dass sein Impfstatus nun öffentlich geworden ist, das geschah, soweit man weiß, nicht freiwillig. Er ist verpfiffen worden. Das ist übrigens ein Skandal. Und Kimmich damit die personalisierte Konfliktlinie der deutschen Impfdebatte.

Und dann kommt bei Kimmich noch ein weiteres Problem hinzu. Über die Initiative "we kick Corona", die er gemeinsam mit Leon Goretzka gegründet hat, hat er viel Geld für eine weltweite Impfstoff-Verteilung gespendet. Eine ehrenwerte Sache. Aber eben eine, die nun von einem Glaubwürdigkeitsproblem unterminiert wird. Denn wie kommt das denn an, wenn ein Gesicht der Initiative das ablehnt, für das sie sich einsetzt? Aber das ist eine andere Diskussion. (tno)