Egoistisch, dreist, gescheitert

Novak Djokovic zerschmettert seine Karriere

16. Januar 2022 - 22:30 Uhr

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Novak Djokovic hat endgültig verloren. Sein fast zwei Wochen andauernder Kampf um das Bleibe- und damit um das Startrecht bei den Australian Open endet im Flieger statt auf dem Court – mehr oben im Video. Der Serbe droht mit seinem Egoismus seine ganze Karriere in wenigen Tagen zerstört zu haben.

Krachende Niederlage im Visum-Zoff

Niederlagen in Australien, die kennt Novak Djokovic eigentlich nicht. Denn wenn es neben seiner Heimat Serbien einen Ort auf dieser (Tennis)-Welt gibt, an dem der Weltranglistenerste nahezu unbesiegbar ist (war), dann ist es der fünfte Kontinent. Neunmal hat in Melbourne die Australian Open gewonnen. Niemand war je erfolgreicher. Doch den Status der Unangreifbarkeit hat der 34-Jährige nun auf gnadenlose Weise verloren. Und das ausgerechnet vor jenem Turnier, das ihn als größte Legende seines Sports (gemessen an den Grand-Slam-Triumphen) hätte krönen sollen.

Novak Djokovic hat verloren, noch bevor er zum ersten Mal in der Hitze von Melbourne gegen die kleine Filzkugel geschlagen hat. Im Land empfinden es verdammt viele Menschen als Genugtuung, dass der Serbe noch an diesem Sonntag ausreisen muss. Die übergroße Mehrheit der Australier, die monatelang unter einem strengen Corona-Lockdown litten, hätten es nicht ertragen, wenn sich der ungeimpfte Superstar trotz aller Widersprüche ins Land und Turnier privilegiert hätte. Die Partie um seine Aufenthaltserlaubnis endet mit einer krachender Niederlage. Djokovic, der Return-Spezialist, der auf dem Tenniscourt fast immer die richtige Antwort auf das Spiel seines Gegners hat, fand nun im finalen Showdown vor Gericht kein Mittel mehr, um doch noch im Land bleiben und die Australian Open spielen zu dürfen.

Chronologie: Der mysteriöse Fall Djokovic

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Ein mysteriöser Fall voller Widersprüche

Allerdings war dieses Spiel ein schäbiges. Auf fast allen Seiten. Die Behörden im Land haben sich mit absurden Formfehlern, mit einer desaströsen Informationspolitik (in Richtung der Spieler um Djokovic) mit Zweifeln und Zögern blamiert. Dass am Ende der Einwanderungsminister über ein persönliches Recht die Ausweisung anordnen musste, sagt alles über das verzweifelte Ringen nach einer sauberen Lösung. Die hatten auch Djokovic, sein Team und seine Anwälte nicht parat. Zu viele kuriose Dinge waren im Zusammenhang mit seinem Visum wieder und wieder aufgetaucht.

Der 34-Jährige muss sich vorwerfen lassen, dass er die immensen Zweifel nie entkräften konnte. Dabei geht es nicht nur um den möglicherweise manipulierten PCR-Test, sondern auch um den Zeitpunkt der Infektion, um seine Isolation (oder auch nicht) und um falsche Angaben bei den Einreisedokumenten. Ob er womöglich in egoistischer Naivität dachte, er sei einfach "too big to fall"? Anders etwa als die ebenfalls ungeimpfte und direkt nach Hause geschickte Renata Voracova aus Tschechien.

Djokovic ignoriert die Pandemie immer wieder

Wer als Ungeimpfter in ein Land einreisen möchte, dass eigentlich nur Geimpften oder Menschen mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen (zum Beispiel eine gerade überstandene Corona-Infektion) den Zutritt erlaubt, der sollte sich besser mehrfach absichern, dass keine Ungereimtheiten auftreten. Erst recht keine Häufung von Ungereimtheiten. Und Novak Djokovic musste damit rechnen, dass bei ihm besonders genau hingeschaut wird. Ganz egal, ob er nun tatsächlich eine größere Gefahr für die Menschen im Land ist als andere Spieler, die wegen eines offenbar sehr seltsamen Testsystems (Schnell- statt PCR-Tests) auch infiziert auf Turnieren im Land teilnehmen.

All das hilft Djokovic nicht. Und erst recht nicht seine Vorgeschichte. Denn der nach wie vor beste Tennisspieler der Welt hat sich nie den Ruf erworben, dass ihm die Regeln der Pandemie wichtig sind. So organisierte er im Sommer 2020 die Adria-Tour (ein Turnier vor vollen Rängen), während die Sportwelt im Lockdown verharrte. Djokovic wollte mit dem Turnier helfen. Er ist einer, der sich oft für Schwächere einsetzt. Dieses Mal half er dem Virus. Und dessen Verbreitung.

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Der egoistische Straßenkämpfer

Dass er sich selbst infizierte, war das eine. Was aber weit schlimmer wirkte: Sein Image nahm einen immensen Schaden. Dieser Typ, der mit seinen esoterischen Ansichten über Berge, Bäume und die Kraft der Gedanken bisweilen unverstanden ist, wirkte plötzlich seltsam überlegen. Ignorant sowie in einem verstörenden Maße entrückt und egoistisch. Begleitet von einem verstärkten Kampf seiner Familie, ihn als großen Helden (von Gott gesandt bis Jesus) zu inszenieren. Die Sehnsucht nach der Liebe und Anerkennung, die seinen beiden großen Rivalen Rafael Nadal und Roger Federer weltweit zuteilwird, starb spätestens im ersten Corona-Sommer.

Ob die Zuneigung neu erwachsen wäre, hätte er im Visumsstreit schnell das Urteil der Behörden akzeptiert? Vermutlich nicht. Der Spieler wird das geahnt haben. Djokovic ist seit jeher ein Straßenkämpfer mit dem aggressiven Motto "me against the world". Auch das macht ihn in besonderen Szenen zum Vorbild. Der Serbe polarisiert mit der endgültigen Eskalation in diesen ersten Januartagen von Australien, als es zwischen Held (in seiner Heimat und der Szene der Coronaleugner und Impfgegner) und Hassfigur keine graue Mitte mehr gibt.

Djokovic der große Verlierer

Was bleibt nun für Djokovic, dem in Spanien und Serbien auch noch juristischer Ärger wegen Verstößen gegen Coronaregeln droht? Er verlässt die Bühne als geschlagener Provokateur. Er ist der große Verlierer in diesem Wahnsinn, der zwischendurch als Thriller, Krimi oder Drama gelabelt wurde. Was es am Ende war? Egal. Ebenso egal, wie die Blamage der australischen Behörden. Niemand wird davon in Zukunft sprechen. Alles kapriziert sich auf Djokovic, der im Januar 2022 womöglich alles mit einem Schlag (ohne einen Schlag zu tun) zerstört hat, worauf seine Karriere ausgerichtet war. Auf die Anerkennung und den Erfolg.

Niemand weiß, wie es in dieser Pandemie weitergeht, niemand weiß, bei welchen großen Turnieren Djokovic als ungeimpfter Spieler starten darf und bei welchen nicht. Und niemand weiß, ob nicht Rafael Nadal vielleicht doch nochmal ein großes Turnier gewinnen kann und damit alleiniger Rekordhalter (mit dann 21 Titel) werden würde. Vielleicht schon in Melbourne. Es wäre die gnadenlose Pointe auf diese fast zweiwöchige Farce.