Entwicklungsstörung oder Mode-Diagnose?

Das viel umstrittene KiSS-Syndrom beim Baby

Bei Ärzten und Eltern umstritten: Was hat es mit dem KiSS-Syndrom auf sich?
Bei Ärzten und Eltern umstritten: Was hat es mit dem KiSS-Syndrom auf sich?
© deutsche presse agentur

23. September 2020 - 15:03 Uhr

Viel diskutiert bei Ärzten und Eltern: Das KiSS-Syndrom

Viele Ärzte und Alternativmediziner diskutieren heftig darüber, ob es das KiSS-Syndrom bei Kindern gibt. Während die Kritiker dieses Syndrom nicht anerkennen, halten die Befürworter der Theorie die Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung beim Baby für die Ursache diverser Entwicklungsstörungen. Hier lesen Sie Grundlegendes über diese umstrittene Diagnose.

Was ist das KiSS-Syndrom und welche Anzeichen gibt es hinsichtlich Körperhaltung, Bewegung und Verhalten?

Das KiSS-Syndrom beziehungsweise die Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung beim Baby ist keine Krankheit. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Fehlstellung der ersten beiden Halswirbel, welche die Wirbelsäule mit dem Kopf verbinden. Als typische körperliche Anzeichen für das Syndrom gelten diese Symptome:

  • schiefe Haltung von Kopf und Rumpf
  • Abplattung des Hinterkopfes
  • Schieflage im Bett
  • ungleiche Schädelform
  • Asymmetrie im Gesicht
  • asymmetrische Bewegungen von Armen und Beinen
  • Fehlstellung der Füße

Mediziner, die an die Existenz des KiSS-Syndroms glauben, erkennen auch im Verhalten des Babys Symptome dafür. Sie beschreiben, dass Kinder mit dem Syndrom besonders häufig schreien würden, eine eindeutig bevorzugte Blickrichtung haben und Schlafstörungen aufweisen. Zudem würden sie eine Brust zum Trinken bevorzugen.

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Warum ist das KiSS-Syndrom bei Schulmedizinern umstritten?

Einige Mediziner sehen im KiSS-Syndrom eine Modediagnose und warnen sogar vor den Behandlungsmethoden, die für dieses Syndrom vorgesehen sind. Sie argumentieren, dass verschobene Wirbel bei Säuglingen nicht untypisch seien und dies sogar oft vorkommen würde. Fehlstellungen würden sich zumeist auch ohne medizinischen Eingriff verwachsen.

Kritiker betonen ferner, dass eine Therapie nur auf Basis einer Verdachtsdiagnose zu schweren Schäden an den sensiblen Kopfgelenken des Babys führen könne. Des Weiteren würden letztlich die wissenschaftlichen Beweise fehlen, die einen Zusammenhang zwischen einer Fehlstellung der Wirbel und Störungen in der Entwicklung nachweisen.

Wie wird das KiSS-Syndrom behandelt und welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Mediziner, die von der Existenz des KiSS-Syndroms überzeugt sind, schlagen eine Therapie des Säuglings durch erfahrene Heilpraktiker und Osteopathen vor. Diese Behandlung zielt darauf ab, mithilfe von mobilisierten Griffen und einem zarten Druck auf bestimmte Punkte Blockaden sowie Verspannungen der Kopfgelenke zu lösen. Die einzelnen Behandlungen können je nach Beschwerdebild zwischen zehn und 45 Minuten dauern.

Zumeist reicht eine Therapiesitzung aus, an die sich eine Kontrolluntersuchung nach zwei, drei oder vier Wochen anschließt. Ist die Symptomatik stark ausgeprägt oder handelt es sich um ältere Kinder, können mehrere Behandlungen erforderlich sein. Einige Krankenkassen übernehmen manuelle Therapien, wohingegen eine osteopathische Therapie in der Regel nicht von der Versicherung bezahlt wird.

Was ist der Unterschied zwischen KiSS I und KiSS II?

Es gibt zwei Varianten des KiSS-Syndroms. Bei KiSS I sind beim Baby die Halswirbel und das Kopfgelenk so blockiert und verschoben, dass eine Drehung oder Neigung des Köpfchens zu einer Seite für das Kind unangenehm oder gar mit Schmerzen behaftet ist. Eine ähnliche Blockierung zeigt sich auch bei KiSS II beim Baby. Auch dann sind Kopfgelenk und Halswirbel verschoben, aber der Säugling überstreckt nun aufgrund des Schmerzes seinen Kopf nach hinten. Außerdem ist für KiSS II der KiSS-Fleck typisch. Dabei handelt es sich um einen kreisrunden Haarabrieb am Hinterkopf.