Die Angeklagten schreiben sogar bei der Urteilsverkündung mit

Kinder in Wohngruppe missbraucht: Haft- und Bewährungsstrafen für Pädagogen-Paar

Missbrauchsprozess gegen Pädagogen-Ehepaar
Missbrauchsprozess gegen Pädagogen-Ehepaar
© dpa, Julian Stratenschulte, jst dul

09. Oktober 2020 - 13:09 Uhr

Sexueller Missbrauch und Misshandlungen

Sie sollten eigentlich Vertrauenspersonen für Kinder sein – doch das Ehepaar Johannes (57) und Maike W. (61) soll Kinder missbraucht und gequält haben. Die ehemaligen Leiter einer Wohngruppe in Gifhorn wurden am Landgericht Hildesheim dafür verurteilt: Johannes W. muss wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen und dem zweifachen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen für drei Jahre und zwei Monate in Haft, seine Frau Maike wurde zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen verurteilt.

Strenge Regeln, viele Sanktionen

Bei der Urteilsverkündung wird deutlich, wie das Ehepaar mit den hilfebedürftigen Kindern teilweise umgegangen ist: So gab es in der familienartig aufgebauten Wohngruppe, in der die Kinder teilweise jahrelang betreut wurden, wohl eine sehr strenge Herrschaft - wer gegen Regeln verstieß, musste mit erniedrigenden Sanktionen rechnen. Unter anderem durften die Kinder demnach beim Essen nichts übrig lassen, ansonsten bekamen sie das gleiche Essen immer wieder. Viele Kinder mussten ein "Windelpaket" tragen: Das waren mehrere Windeln übereinander, verschlossen mit einem Müllsack.

Johannes W. hatte einen Windel-Fetisch

Eine der Nebenklägerinnen musste als Kind mit so einem Windelpaket sogar auf den Brocken wandern. Außerdem soll Johannes W. von ihr verlangt haben, Windeln zu tagen, bis sie 16 Jahre alt war und obwohl sie das gar nicht brauchte. Doch damit nicht genug: Sie wurde für mehrere Tage in einen nur ein Meter großen Hundekäfig gesperrt und musste mit dem Angeklagten kuscheln. Laut Urteil hat er sie zudem mindestens einmal im Schambereich gestreichelt.

Eine andere Nebenklägerin musste als Kind Johannes W. in der Badewanne einseifen, sein Geschlechtsteil einschäumen und ihn dann abtrocknen. Weil sie bereits mit zwei Jahren in die Einrichtung gekommen war, habe sie das als Kind als "normal" empfunden. Ebenfalls soll der Angeklagte sie im Brustbereich berührt haben.

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Über die Taten wird Buch geführt

Bei der Urteilsbegründung schreiben Johannes und Maike W. mit – ganz so, als würden sie einem Lehrer zuhören. Die Pädagogen haben auch ihre Taten dokumentiert: Es gab wohl Tagesprotokolle, in denen z.B. die "Windelpakete" beschrieben sind. Auch Fotos und Bücher, die bei einer Durchsuchung gefunden wurden, sollen die fast unglaublichen Taten belegen. Ebenfalls wurde auch der Hundekäfig bei den Angeklagten gefunden.

Richterin: "Ein unglaubliches Geschehen"

Kinder und Jugendliche müssen Windeln tragen, werden allein in der Wohngruppe gelassen und müssen wie Babys sprechen – tun sie das nicht, werden sie bestraft: Die Liste der Vorwürfe gegen das Pädagogen-Paar ist lang. Bei beiden Angeklagten gibt es laut Gericht psychologische Auffälligkeiten, sie seien aber voll schuldfähig. Dabei sind wahrscheinlich die meisten Taten von Johannes W. verübt worden, seine Frau habe aber nichts dagegen getan, obwohl sie die Zustände mitbekommen habe. Dem Urteil zufolge seien beide mit der Betreuung der Kinder überfordert gewesen. Der Angeklagte habe auch Reue gezeigt.

Fall wird zweimal verhandelt

Bis zum Urteil ist es ein langer Weg: Die Taten selbst haben sich zwischen 1998 und 2007 ereignet. Erst Anfang 2019 wendet sich eine ehemalige Bewohnerin an die Polizei und bringt so den Fall ins Rollen. Die Wohngruppe in Gifhorn wird geschlossen, im März wird das Ehepaar festgenommen.

Nach dem Prozessauftakt im September 2019 wird der Prozess kurze Zeit später wieder ausgesetzt, weil weitere Ermittlungsakten vorgelegt werden. Ab Januar 2020 wird der Fall am Landgericht Hildesheim dann neu aufgerollt. Das Urteil fällt erst nach mehr als 30 Verhandlungstagen – es ist noch nicht rechtskräftig.