Kinderschutzbund warnt am "Tag der gewaltfreien Erziehung" vor hoher Dunkelziffer

In den Familien liegen die Nerven blank: Gewalt gegen Kinder nimmt während der Pandemie zu

Kinder haben seit 2000 ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Seitdem hat sich schon viel getan, dennoch wird es noch viel zu häufig missachtet.
Kinder haben seit 2000 ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Seitdem hat sich schon viel getan, dennoch wird es noch viel zu häufig missachtet.
© Graham Oliver (Graham Oliver (Photographer) - [None], iStockphoto, Graham Oliver

30. April 2021 - 11:36 Uhr

Warnungen von Kinderschützern bewahrheiten sich

Nach einem Jahr Corona-Pandemie liegen in vielen Familien die Nerven blank. Oft müssen Eltern Lehrer und Erzieher ihrer Kinder sein - und zudem den Haushalt managen und arbeiten. Warnungen von Kinderschützern, die Gewalt in den Familien könne in der Corona-Pandemie zunehmen, scheinen sich laut Experten leider zu bewahrheiten. Zum "Tag der gewaltfreien Erziehung" haben wir RTL-Zuschauer und RTL.de-Nutzer gefragt, wie ihre Erfahrungen mit dem Stresslevel der vergangenen Monate war. Erziehungsexpertin Elisabeth Elsner gibt Tipps, wie Eltern in Stress-Situationen besser reagieren können.

"Ja, ich kam oft an meine Grenzen"

Daniela S.* ist 35 Jahre jung und lebt gerade in Trennung von ihrem Ehemann. "Das belastet mich auch physisch", sagt sie. Ihre beiden Töchter Paula und Alina leben bei ihr und gehen in die 5. und 7. Klasse - auf verschiedene Schulen. Daniela selbst arbeitet Vollzeit bei einem Lebensmittel-Discounter. Ein Knochenjob. "Wenn ich um 5:30 Uhr anfange, lenke ich die Kids mit dem Telefon. 1. Anruf: Steht ihr auf! 2. Anruf: Seid ihr alle wach? 3. Anruf: Habt ihr alles, Brotdose, zu trinken, Schlüssel, Handy, Maske! Wenn ich Spätschicht habe, sind sie den ganzen Nachmittag und Abend alleine, da ich erst um 22:30 nach Hause komme." Daniela gibt zu: "Ja, ich kam bisher oft an meine Grenzen, manchmal habe ich das Gefühl, ich brauche 20 Arme. Ich sitze oft da und denke: Ich kann nicht mehr - wo soll das alles hin?"

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Berliner Gewaltschutzambulanz: 8 Prozent mehr Fälle

So wie Daniela geht es zurzeit Millionen Menschen in Deutschland. Aber Daniela kann sich glücklich schätzen: Ihre Kinder unterstützen sie, wo sie nur können. In anderen Familien ist das anders: "Die Luft wird dünner, und die Menschen explodieren schneller", sagt zum Beispiel der Gründer des Kinderprojekts Arche, Bernd Siggelkow. "Der Stresspegel ist hoch und die psychische Belastung für Kinder immens."

Die Arche ist bundesweit an 27 Standorten vertreten, macht Angebote für Kinder aus benachteiligten Familien. Kinder seien aggressiver untereinander und gegenüber ihren Eltern. "Wir hatten kürzlich eine Situation, in der eine Achtjährige ihre Mutter erwürgen wollte", so Siggelkow. Allein in Berlin wandten sich im Coronajahr 2020 1.661 Gewaltopfer an die Gewaltschutzambulanz – das sind acht Prozent mehr als im Vorjahr.

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Online-Dienste und Kinderschutzhotlines werden häufiger benutzt

Repräsentative Daten, die eine Zunahme von Gewalt in Familien während der Corona-Pandemie belegen, liegen laut Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Jörg Fegert bislang nicht vor. "Online-Befragungen weisen allerdings darauf hin, dass etwa ein Drittel aller Kinder psychische Auffälligkeiten aufweisen, während es vor dem ersten Lockdown etwa ein Fünftel waren", so der Kinderschutzexperte.

Nach dem Ende des ersten Lockdowns sei bei der Medizinischen Kinderschutzhotline ein deutlicher Anstieg der Anrufe verzeichnet worden, so Fegert, der die Hotline leitet. Dort können sich Ärzte, Psychotherapeuten und Mitarbeiter der Jugendhilfe melden, wenn sie Beratung bei Verdacht auf Kindesmisshandlung wünschen.

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Hohe Dunkelziffer bei Gewaltdelikten

Auch Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbunds, befürchtet eine enorme Zunahme der Gewalt in den Familien: "Bei Gewaltdelikten haben wir immer das Problem, dass wir es mit großen Dunkelziffern zu tun haben. Durch die Corona-Krise und die damit verbunden Schul- und Kitaschließungen und den Wegfall von sonstigen Freizeitangeboten werden betroffene Kinder noch leichter übersehen."

Kinder haben seit 2000 ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Seitdem hat sich schon viel getan, dennoch wird es noch viel zu häufig missachtet. Laut einer Untersuchung des Universitätsklinikums Ulm hält nach wie vor jeder Sechste eine Ohrfeige für angebracht. Ganze 42 Prozent halten einen "Klaps auf den Po" für ein zulässiges Mittel in der Kindererziehung. "Gewalt gegen Kinder ist niemals gerechtfertigt", mahnt Hilgers.

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Auch Demütigungen, Liebesentzug oder Herabsetzungen sind Gewalt

Die Berliner Erziehungsberaterin Elisabeth Elsner bestätigt die Befürchtungen der Experten: "Eltern sind mit den Kindern eingesperrt und es gibt ganz neue Probleme, abseits der Routinen, und dann gibt es keine Fluchtmöglichkeiten: Kinder können nicht zu den Nachbarskindern und Frauen nicht mal schnell für einen Tag zur besten Freundin." Und dabei geht es nicht nur um körperliche Gewalt: Auch Demütigungen, Liebesentzug oder Herabsetzungen sind Gewalt.

Doch für diese Form der Gewalt gebe noch zu wenig Bewusstsein, wie der Kinderschutzbund betont. "Wir brauchen eine breitere Strategie, welche gerade auch auf Demütigungen und psychische Misshandlungen sensibilisiert", sagt deswegen dessen Präsident. Die Forscher der Universität Ulm befürchten, dass sich Frustrationen und Wut in Erziehungskonflikten auf ein Feld verlagert haben, wo statt körperlicher Gewalt psychische Gewalt angewendet wird.

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Extrem hoher Stresslevel: Was können Eltern tun?

Aber was können Eltern selbst tun, wenn sie merken, dass sie in der Erziehung an eine für die Kinder gefährliche Belastungsgrenze kommen? "Wenn der Stresslevel schon so hoch ist, dass die Situation zu eskalieren droht, dann ist es am besten, sich aus der Situation zurückzuziehen, wieder herunterzukommen und zu deeskalieren", sagt Erziehungsexpertin Elsner. "Und danach wieder auf Augenhöhe zurückgehen, das funktioniert in der Regel ganz gut." Das Wichtigste sei dabei: Sich selbst wahrnehmen und merken, dass eine Grenze erreicht sei.

Und was sollte man tun, wenn einem dann doch einmal die Hand ausgerutscht ist? "Es ist eine unmögliche Situation für das Kind: Das Vertrauen zu den Eltern wird in diesem Fall zutiefst erschüttert." Eltern sollten sich dann demütig auf Augenhöhe begeben - und sich beim Kind entschuldigen.

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GUT ZU WISSEN: Hier erhalten Kinder und Eltern Hilfe!

Nummer gegen Kummer – Elterntelefon
Das kostenlose Elterntelefon richtet sich an Mütter und Väter, die sich unkompliziert und anonym konkrete Ratschläge holen möchten, wenn sie sich in ihrem Familienalltag oder bei Erziehungsfragen überfordert fühlen. Dabei besteht auch die Möglichkeit, direkt an eine Fachkraft für ein persönliches Beratungsgespräch weitergeleitet zu werden.

0800 111 0550
Mo-Fr: 9 bis 17 Uhr
Di und Do: bis 19 Uhr

Nummer gegen Kummer – Kinder- und Jugendtelefon
Kinder und Jugendliche, die nicht mehr weiterwissen, können sich kostenfrei und anonym beim Kinder- und Jugendtelefon beraten lassen. Dort sitzen erwachsene oder jugendliche Beraterinnen und Berater am Telefon und haben Zeit für die Probleme von Kindern und Jugendlichen. Die einfühlsame und vertrauliche Erstberatung senkt häufig die Hemmschwelle, eine weiterführende Beratungsstelle aufzusuchen.

116 111
Mo-Sa: 14 bis 20 Uhr
Mo, Mi, Do: zusätzlich 10 bis 12 Uhr

Mehr Infos: www.nummergegenkummer.de

DPA/IJA

*Name von der Redaktion geändert

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