"Social Distancing" und seine psychischen Folgen

Bekommen unsere Kinder einen Corona-Knacks?

Kein Kontakt zu Freunden und Großeltern, keine Schule: Hat das Folgen für die Kinderseele?
© imago images/Photocase, giulietta73 / Photocase, via www.imago-images.de, www.imago-images.de

14. Mai 2020 - 16:34 Uhr

Schaden die Kontakteinschränkungen der Entwicklung?

Schulen, Kitas und Sportvereine waren wochenlang geschlossen, und bis es normal weitergeht, kann es noch lange dauern. Familien leben in einer ganz neuen Situation. Die Kinder müssen zu Hause lernen und betreut werden, sollen außerhalb der engsten Familie genau wie Erwachsene möglichst keine Freunde treffen, dürfen nicht zu Oma und Opa. Steckt die kleine Seele diese Isolation einfach weg – oder könnte sie durch Social Distancing Schaden nehmen? Müssen Kinder den Kontakt zu anderen nach Corona wieder ganz neu lernen? Und ab welchem Alter können sie bei der Wiedereröffnung der Schulen selbst Verantwortung übernehmen? Wir haben mit den Kinderpsychologinnen Elisabeth Raffauf und Sabine Werner-Kopsch über diese Fragen gesprochen.

+++ Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus können Sie im RTL.de-Liveticker nachlesen +++

Was macht das mit einem Kind, wenn die Eltern es bewusst von anderen Kindern fernhalten?

Dass Kinder den direkten Kontakt mit anderen immer noch nicht suchen dürfen wie gewohnt, etwa auf dem Spielplatz, sehen beide Psychologinnen als irritierend für die Kleinen an. "Das ist natürlich erst mal blöd und kleine Kinder werden es nicht verstehen", so Raffauf. "Je länger diese Zeit dauert, umso mehr wächst die Unzufriedenheit, da die Begegnung auf Augenhöhe fehlt. Plötzlich sind nur noch die Eltern da, im besten Fall noch Geschwister. Es sind keine Gleichaltrigen da, von denen man lernen kann oder mit denen man sich auseinandersetzt, Konflikte löst und zusammen spielt", erklärt auch Werner-Kopsch.

Umso wichtiger sei das Verhalten der Eltern, da sich das Kind an ihrer Haltung orientiere, macht Raffauf klar. "Wenn die Angst haben, färbt das auf das Kind ab." Gut sei in dieser Situation, wenn Eltern etwas anderes anbieten können. "Und wichtig ist die Aussicht, dass sich das wieder ändert." Laut Werner-Kopsch kann der aktuelle Alltag auch durchaus positive Effekte haben: "Kleine Kinder leben noch sehr symbiotisch mit den Eltern und fühlen sich wohl, wenn diese da sind und mit ihnen Zeit verbringen. Für einige ergibt sich eine regelrechte Luxussituation, wenn beide Elternteile regelmäßig verfügbar sind."

Schwieriger sei es für die Eltern selbst, sich im Jonglieren von Homeoffice und Kinderbetreuung gut abzugrenzen und der Überreizung vorzubeugen. Auch für ältere Kinder ist die Isolation eine Herausforderung: "Kinder zwischen 10 und 12 leiden schon mehr, da ihnen die Peer-Group fehlt und die Eltern nicht mehr den adäquaten dauerhaften Umgang darstellen," so Werner-Kopsch.

Können Kinder dieses neu beigebrachte distanzierte Verhalten schnell wieder „verlernen“ oder hat es langfristige Folgen für die Psyche?

"Es ist im Moment sicher viel Geduld notwendig, um mit der Situation umzugehen", sagt Raffauf. "Eltern sollten die eigene Verunsicherung und vielleicht auch Angst nicht vor den Kindern verstecken, sondern ganz offen sagen, dass es für sie auch schwer ist." Manche Kinder seien vielleicht irritiert, unsicher, andere werden wütend oder ängstlich, auch über die aktuelle Situation hinaus. Das sei aber nicht bei allen Kindern gleich. "Umso wichtiger ist das Verständnis der Erwachsenen für die Angst, die Unsicherheit und auch die Aggression und die Trauer und das langsame Einfinden in neue Regeln und Strukturen."

Kontinuität sei während des ganzen Prozesses ein wichtiger Punkt, etwa "Personen, die für das Kind da sind, gemeinsames Essen, das Stofftier und die Freunde – am Telefon oder bei Skype", empfiehlt Raffauf. Werner-Kopsch betont: Es ist sinnvoll, dass die Eltern sich eine Tagesstruktur überlegen und diese auch leben. Vielleicht lässt diese sich auch an den Kita- oder Schulrhythmus anlehnen."

Traumatische Folgen schließt Werner-Kopsch für einige Kinder nicht aus, dies hänge aber in erster Linie mit den Eltern zusammen. Insbesondere, wenn diese gewalttätig werden oder "mit der Situation so überfordert sind, dass sie sich dem Kind entziehen, zum Beispiel durch Nutzung von Rauschmitteln, oder bei psychischen Störungen wie einer Depression selbst nicht mehr aus dem Bett kommen."

Nicht zuletzt deshalb kommt gemeinsamen Erlebnissen bei der Verarbeitung eine Schlüsselrolle zu: "Kinder leben im Moment. Natürlich werden diese Erfahrungen in die Lebenserfahrungen mit aufgenommen, aber wenn keine besonders intensiven Erlebnisse damit verbunden waren, verblasst es ganz schnell. Je gemeinschaftlicher diese Zeit von Kindern wahrgenommen wird, umso mehr wird sie als schöne Erinnerung verbleiben. Der Mensch lässt negative Erinnerungen schneller vergessen als positive - die sich regelmäßig in der Erinnerung verstärken. Es ist wichtig, so viele schöne Momente wie möglich zu kreieren, damit die Kinder solche Erinnerungen haben", erklärt Werner-Kopsch.

Dennoch werden einige Kinder der Psychologin zufolge eine neue Eingewöhnungsphase in Kita oder Schule benötigen. Sie weist außerdem darauf hin, dass sich für uns alle etwas verändern wird: "Es ist zu erwarten, dass das distanzierte Verhalten noch länger, vielleicht für immer, eine wichtigere Rolle in unserer Gesellschaft spielen wird, als dieses in der Vergangenheit der Fall gewesen ist."

Ab welchem Alter ist ein Kind alt genug, sich bei der Rückkehr in den Schul- oder Kita-Alltag an strenge Regeln zu halten?

"Bereits im Alter von drei Jahren können Kinder mit hygienischen Regeln wie Händewaschen, Husten- und Nies-Etikette sehr gewissenhaft umgehen. Das muss jedoch spielerisch eingeübt werden und in Rituale übergehen", so Werner-Kopsch. Für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren ist die Anpassung ihrer Meinung nach oft eine größere Herausforderung. Entscheidend sei aber wie so oft das Umfeld und dass alle – Erwachsene wie Kinder - diese Hygieneregeln umfassend in gleicher Weise leben.

Unabhängig davon gibt es für Raffauf einen wichtigen Grund, die dauerhafte Wiedereröffnung von Kitas und Schulen nicht allzu lange aufzuschieben: "Dort haben die Kinder einen festen Rhythmus und dort gibt es andere Erwachsene, die auf ihr Wohl achten. Die auch Familien im Blick haben können, in denen es nicht so gut läuft und wo möglicherweise der Schutz der Kinder mehr in Gefahr ist, wenn sie 24 Stunden lang nur mit ihren Eltern zusammen sind und keiner sonst einen Blick für sie hat." Werner-Kopsch empfiehlt: "Je größer eine Gruppe wird, umso größer wird auch die Eigendynamik innerhalb der Gruppe. Es ist deshalb aufgrund der Dringlichkeit zu empfehlen, die Gruppen möglichst klein zu halten, um die soziale Kontrolle zu vergrößern."

Coronavirus: Alle aktuellen Videos

Podcast "Wir und Corona": Schwangerschaft, Homeschooling und Liebe

Wie geht Homeschooling richtig? Wie erleben Schwangere diese ungewisse Zeit? Und was macht Corona mit der Liebe? Diese und mehr Fragen beantworten wir im AUDIO NOW-Podcast "Wir und Corona".

RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus: Was wir aus der Krise lernen sollten"

In der dritten Folge der TVNOW-Doku zum Coronavirus geht es um die Frage: Welche Lehren können wir aus der bisher größten Krise der Nachkriegszeit ziehen? Wir haben mit Experten gesprochen. War der Staat zu inkonsequent? Wurden die Schulen zu schnell geschlossen? Was tun gegen das Hamsterchaos? Und was ist der tatsächliche Grund, dass tausende Urlauber auf der ganzen Welt gestrandet sind?