Interview mit Dopingexperte Jörg Börjesson: "Anabolika ist die Droge unserer Zeit"

Joerg BOERJESSON, Deutschland, ehemaliger Bodybuilder, Initiator des Doping-Praeventionszentrums Dorsten, www.doping-frei.de, Portraet, Portrait, BrustbildSport, Recht, Medizin, Medien - Fachuebergreifender Kongress zum Thema Doping im Sport, 30.05.2008.
Jörg Börjesson setzt sich schon seit Jahren für einen Dopingfreien Sport ein.
picture-alliance / Sven Simon, Malte Ossowski/SVEN SIMON

"Die Regierung scheint es zu dulden"

Auf der Jagd nach dem perfekten Körper greifen immer mehr Menschen zu verbotenen Substanzen, sogenannter anaboler Stoffe. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene scheinen äußerst anfällig für die illegalen Muskelmacher zu sein. In den letzten Jahren ist der Trend zum Anabolikamissbrauch rapide angestiegen. Von einst unter fünf Prozent wie Studien aus dem Jahr 2007 belegen, zu erschreckenden 20 Prozent. Das ist ein Anstieg von 300 Prozent. Mehr als 1,6 von knapp acht Millionen Fitnessstudiomitgliedern dopen und nehmen regelmäßig Anabolika.

Wir haben deshalb mit Dopingexperte Jörg Börjesson gesprochen. Er ist seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Doping-Bekämpfung aktiv.

Wird der Umgang und die Bekämpfung von anabolen Steroiden noch immer unterschätzt?

Börjesson: Leider ist es so, dass noch immer keine repräsentative Studie vorliegt. Dazu kommt, dass die NADA (Nationale Anti-Dopingagentur) nur Kontrollen, Infos und Aufklärung umsetzt, die im Leistungssport zu finden sind. Es scheint nicht unterschätzt zu werden, sondern eher von der Regierung geduldet. Unterschätzt werden die Nebenwirkungen. Sowohl von Anfängern als auch von gestandenen Doping-Konsumenten. Auch die Krankenkassen fördern nur zögerlich Aktivitäten im Bereich Anti-Doping.

Gibt es Statistiken über Todesopfer durch anabole Steroide?

Börjesson: Zurzeit gibt es keine verlässliche Statistik. Die Rechtsmedizin München hat einige Todesfälle untersucht. Inwieweit dort eine Statistik geführt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ist ein Anstieg des Anabolikamissbrauchs zu erkennen? Wie sieht der Trend aus?

Börjesson: Es ist ein permanenter Anstieg zu beobachten. Vor allem auch in Berufszweigen wie Militär und Polizei. Überall, wo körperliche Anstrengungen gefordert sind, werden Substanzen eingesetzt. Das Trainieren in Fitnessstudios wird durch Ketten immer günstiger. Auch ein 24 Stunden-Betrieb birgt Gefahren. Denn gerade nachts fehlt die Kontrolle durch Trainer. Jugendliche können auf diese Weise mit entsprechenden Dealern bereits auf der Studiofläche oder dem Parkplatz in Kontakt treten. Erst in den letzten Monaten wurden verstärkt Razzien im Bereich Fitnessstudios, Sportvereine geführt. Dabei wurden große Mengen im Münchner Raum sichergestellt. Es zeigt, dass die Hinweise und Fälle -Todesfälle durch Doping - sich derart gehäuft haben, dass ein Handeln erforderlich wurde.

Wie kann man Menschen für die Gefahren sensibilisieren?

Börjesson: Ehemalige Doping-Konsumenten sowie Fitnesstrainier etc. müssen in den Schulen und in Fitnessstudios zu Wort kommen. Der Schulunterricht, zum Beispiel in Biologie, muss dementsprechend danach ausgerichtet werden. Nur so kann eine Vorbeugung stattfinden. Kontrollen und Sanktionen werden nicht allein zum Umdenken – hin zum gesunden Sport – führen.

Wie sollte man mit Konsumenten umgehen, um sie von der Droge/Sucht wegzubringen?

Börjesson: Man sollte ihnen glaubhaft vermitteln, dass Muskeln und Hochleistung im Sport nicht alles sind. Sportausübung kann auch aus Gesundheitsgründen erfolgen. Im Profi- und Amateurbereich sollte man die Gelder von Sportlern herunter fahren und ihnen psychologische Begleitung zur Seite stellen.

Gibt es ähnliche Entzugserscheinungen wie bei anderen Drogen?

Börjesson: Es gibt psychische Auswirkungen. Die Suchtfaktoren sind schleichend, da man nur Komplimente bekommt: mehr Kraft, mehr Muskeln, mehr Leistung. Die Abnahme der Leistung ist nach der Einstellung des Konsums mit der Psyche verknüpft. Depressionen und ähnliche Zustände sind sehr schwerwiegend.

"Anabolika ist eine Droge unserer Zeit"

Wird der Missbrauch von Anabolika auch durch die Medien forciert, indem das Schönheitsideal immer durchtrainierter und muskelbepackter dargestellt wird?

Börjesson: Die Medien proklamieren eine perfekte Figur, die schlank, muskulös und jederzeit einsetzbar aussehen soll. Dieses Bild verstärken Zeitschriften wie 'Men´s Health', 'Sportrevue' und ähnliche. Gerade für junge Menschen kann dies einen großen Druck bedeuten, der in Bulimie und Muskelwahn enden kann.

Wieso können viele der anabolen Wirkstoffe noch immer auf legalem Weg über das Internet erworben werden?

Börjesson: Da ist der Gesetzgeber gefragt. Zudem ist es auch über Facebook möglich, entsprechende Kontakte zu knüpfen. Viele Anbieter kommen aus den USA und aus Neuseeland.

Kann man Anabolika mittlerweile als eine Art Einstiegsdroge bezeichnen?

Börjesson: Doping/Anabolika ist eine Droge unserer Zeit. Die Hochleistungsgesellschaft fordert das. Wir alle müssen nur noch funktionieren. Es dient als eine Art Einstieg für alle, die körperlich mithalten wollen.

Gibt es bestimmte Gruppen. die eher zum Anabolikamissbrauch neigen?

Börjesson: Doping, Anabolika & Co. wird in allen Schichten genommen. Entweder um die Leistung zu erreichen oder zu erhalten. Auch die Bildung spielt dabei keine wesentliche Rolle.

Dominic Sana