Wenn Daddeln das Leben bestimmt

Computerspiele, Internet, Social Media: Wo liegt bei Kindern die Grenze zur Sucht?

Wenn der Spaß am Zocken zur Sucht wird, kann eine Beratung außerhalb der Familie helfen.
Wenn der Spaß am Zocken zur Sucht wird, kann eine Beratung außerhalb der Familie helfen.
© Symbolbild: iStock

20. August 2019 - 18:29 Uhr

Suchtexperte gibt Antworten

Die digitale Welt ist ihr Zuhause: Auf Social Media oder Computerspiele zu verzichten, ist für die meisten Jugendlichen nicht vorstellbar. Aber wann ist der Punkt erreicht, an dem aus dem virtuellen Zeitvertreib eine ernstzunehmende Sucht entsteht? Ein Experte erklärt, woran Eltern das erkennen – und was sie dagegen tun können.

Was sind die Anzeichen?

Ab wann spricht man von einer sogenannten internetbezogenen Störung? Das zentrale Kriterium hierfür ist Dr. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am UKE Hamburg, zufolge der Kontrollverlust:

  • Kein anderes Thema mehr

Das gesamte Denken und Verhalten verengt sich auf das Zocken oder die sozialen Medien. Andere Hobbys und "echte" soziale Kontakte werden nach und nach aufgegeben.

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  • Häufiges Schule schwänzen

Die Sucht frisst Zeit - und die geht bei der Bildung drauf. Viele Betroffene drücken sich vor dem Unterricht, um heimlich weiterzuspielen oder sich durch die Netzwerke zu scrollen.

  • Lügen

Das Kind belügt seine Eltern, um herunterzuspielen, wie viel Zeit es tatsächlich im Internet verbringt.

  • Ständige Müdigkeit

Der Schlaf wird immer weiter hinausgezögert. Am Tag sind die Betroffenen dann ständig müde und gereizt.

  • Depressionen​

​Ein typischer Patient ist laut Dr. Thomasius geplagt von Versagensängsten und einem geringen Selbstwertgefühl. Den Studienergebnissen zufolge haben Social-Media-Abhängige ein 4,6 Mal so hohes Risiko, an einer Depression zu erkranken.

100.000 Jugendliche zeigen Suchtverhalten

Junge Frau liegt mit Smartphone im Bett
Smartphone vor Schlaf: Nur eines von vielen möglichen Anzeichen für eine Sucht.
© Symbolbild: iStock

Experte Dr. Thomasius untersucht das krankhafte Verhalten von Kindern und Jugendlichen im Bezug auf digitale Medien. Und bei dem gibt es eindeutige Tendenzen: "Mädchen neigen eher dazu, exzessiv Social Media zu nutzen", sagt Thomasius der Deutschen Presse-Agentur. Bei Jungen seien es eher Computerspiele wie "Call of Duty" oder "Counter Strike". Erst Anfang des Jahres sorgte ein Hilferuf einer philippinischen Mutter für Entsetzen: Sie musste ihren Sohn "zwangsfüttern", damit er während seiner exzessiven Zock-Sessions überhaupt etwas isst.

In Deutschland sind aus einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK in Kooperation mit Dr. Thomasius sind 2,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen als abhängig von sozialen Medien einzustufen – also rund 100.000 Jungen und Mädchen.

Was können Eltern tun?

Eine Internet-Sucht beim Kind belastet die komplette Familie. Streit ist an der Tagesordnung - trotzdem sind klare Regeln unverzichtbar. Der Konsum sollte genau beobachtet und mit eindeutigen Abmachungen kontrolliert werden. Betroffene sollten sich außerdem nicht scheuen, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen.

Das DSKJ bietet auf der Website computersuchthilfe.info - gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit - erste Informationen für betroffene Jugendliche, Erwachsene, Angehörige und Lehrer. Dort kann über eine Suche auch die nächstgelegene Beratungsgestelle gefunden werden.

Stationäre Therapie als letzter Ausweg

Wenn die Sucht zu Hause nicht in den Griff zu bekommen ist, kann eine stationäre Therapie für einige Wochen oder Monate den nötigen Abstand schaffen: "Wir nehmen ihnen das Wichtigste weg", erklärt Dr. Thomasius. Die Patienten müssen ihr Smartphone abgeben, werden von Sonderpädagogen wieder an den Schulalltag herangeführt und lernen dank der Therapie durch Sport und Musik, sich wieder anderen Dingen im Leben zu widmen.

Eine komplette Abstinenz könne allerdings nicht das Ziel sein, betont der Experte – schließlich gebe es praktisch keinen Beruf ohne PC mehr. Ein verantwortlicher Umgang damit steht daher im Vordergrund der Therapie. Im Gegensatz zur Alkohol- oder Drogensucht sei die Heilungsquote mit 70 bis 80 Prozent sehr hoch.