Intensivstationen absichtlich überfüllen?

Streeck stellt klar: So funktioniert der Stresstest

Virologe Hendrik Streeck fordert einen Stresstest, um Grenzen des Gesundheitssystems aufzuzeigen.
© dpa, Oliver Berg, obe gfh

22. Februar 2021 - 13:29 Uhr

Streeck fordert Daten zu Grenzen des Gesundheitssystems - und stößt auf Kritik

"Für den Arzt ist es wichtig, ob ein Mensch krank wird, ob er ins Krankenhaus muss." An welchem Punkt das Gesundheitssystem an seine Grenzen stoße, sei noch zu wenig erforscht. "Wenn wir bei 5.000 belegten Intensivbetten schon an unsere Schmerzgrenze kommen. Was ist eigentlich unsere maximale Kapazitätsgrenze? Da fehlt mir ein Stresstest wie bei den Banken." – Mit dieser Aussage ist Virologe Prof. Hendrik Streeck Ende Januar bei der ARD-Talkshow "Maischberger" ordentlich angeeckt. Kritik hagelte es unter anderem auf Twitter. Zu Recht? Laut Streeck wurde seine Forderung nach einem Stresstest missverstanden. Im Interview mit RTL erklärt der Virologe, was er eigentlich meinte – und wie ein Stresstest funktioniert.

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Stresstest ist eine Computersimulation, die Schwächen aufdecken soll

"Das wurde [bei 'Maischberger'] leider missverstanden. Ein Stresstest für das Gesundheitssystem bedeutet nicht, dass man die Krankenhäuser überfüllen will, die Intensivstationen überladen will, geschweige denn, dass man das schon überarbeitete Personal in den Krankenhäusern noch weiter stressen will", betont Streeck im RTL-Interview. "Ein Stresstest für das Gesundheitssystem wurde zum Beispiel in Österreich durchgeführt und ist im Grunde eine Computersimulation, wo man verschiedene Daten aus den Krankenhäusern miteinspielt, um zu verstehen, wo eigentlich die Schwächen im Gesundheitssystem liegen, wo wir schneller als gedacht an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen."

Was er konkret damit meint? "Ein Beispiel: Nehmen wir mal an, in Greifswald gibt es einen großen Ausbruch mit Covid-19 und viele müssen auf die Intensivstation, aber wir haben nicht genug Betten in Greifswald. Wohin verlegen wir die Patienten? Wie würde so ein Transport logistisch stattfinden und haben wir überhaupt genug Krankenwagen, die solche Transporte durchführen können?" Das seien wichtige Fragen, die wir uns während der Pandemie stellen sollten, um zu sehen, ob jede Region in Deutschland gut abgedeckt ist und gut versorgt ist, so Streeck weiter.

Wenn es dann zu Problemen komme, zum Beispiel mit einem großen Ausbruch mit Covid-19, hätte man die Möglichkeit, die Menschen gut zu versorgen, weil man zuvor anhand einer Computersimulation getestet hätte, wo aktuell noch Luft nach oben wäre. "In so einer Computersimulation testen wir im Grunde unsere Grenzen und können dann spezifisch nachjustieren und auch investieren in Bereiche, wo wir nicht gedacht haben, dass wir dort investieren müssten, weil wir es vorher nicht gesehen haben." Worum es nicht gehe, sei ein Test auf den Intensivstationen selbst, sondern es gehe um eine reine Computersimulation.

Wer wäre für einen solchen Stresstest zuständig?

In der Pflicht, einen solchen Stresstest durchzuführen, sieht Streeck hier die Politik: "Das ist eine Aufgabe des Bundesgesundheitsministeriums, herauszufinden, wo die strukturschwachen Regionen sind, wo unser Gesundheitssystem nicht so belastbar ist, wie wir glauben. Im Grunde braucht das Bundesgesundheitsministerium einen Pandemiebeauftragten, der genau solche Simulationen durchrechnet und interdisziplinär, aber auch zum Beispiel die Forschung in diesen Bereichen voranbringt."

Stresstest im Bankwesen soll Schlimmeres verhindern

Der Begriff "Stresstest" ist uns zuletzt vor allem im Bankwesen begegnet. Nach der Finanzkrise 2007 wurde dieser verwendet, um die finanzielle Leistungsfähigkeit einer Bank, Risiken von Investitionen und der Geschäftspolitik sowie weitere Risikofaktoren zu überprüfen. Dadurch soll die tatsächliche Stabilität einer Bank getestet, mögliche Probleme erkannt – und je nach Ergebnis entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Wie Streeck bei "Maischberger" sagte, fehle ihm "ein Stresstest wie bei den Banken".

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