"Ich habe die Schwangerschaft gehasst"

Schwangere erbrach sich 40 Mal pro Tag - und wollte aus Verzweiflung abtreiben

Jenny Simon litt in der Schwangerschaft unter Hyperemesis gravidarum.
Jenny Simon litt in der Schwangerschaft unter Hyperemesis gravidarum.
© Jenny Simon

02. Februar 2021 - 10:55 Uhr

Statt Baby-Vorfreude: Jenny übergibt sich Tag und Nacht

Eine Schwangerschaft ist für viele Frauen die Erfüllung ihrer Träume. So geht es zunächst auch Jenny Simon, als sie 2016 ihren positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält. Doch in der sechsten Schwangerschaftswoche ändert sich für die damals 33-Jährige alles. Statt sich auf die Ankunft ihres Wunschkindes vorbereiten zu können, verbringt Jenny Tag und Nacht über der Toilettenschüssel. Bis zu 40 Mal am Tag muss sie sich übergeben, kann nichts bei sich behalten und ist völlig erschöpft. Als Jenny feststellt, dass nicht mal die Ärzte ihre Beschwerden ernstnehmen, ist sie am Ende ihrer Kräfte. Nach Wochen voller Leid und ohne Hilfe oder Besserung in Aussicht, spielt sie dann sogar mit dem Gedanken, ihr Wunschkind abzutreiben.

„Ich verspürte langsam, dass ich die Schwangerschaft gehasst habe“

"Es fing Ende der sechsten Woche an und es hielt bis zur Geburt an", erinnert sich Jenny im Gespräch mit RTL. "An schlimmen Tagen, die ab der neunten Woche anfingen, erbrach ich bis zu 40 Mal am Tag. Alles, was ich einatmete oder im Mund hatte, brachte mich zum Erbrechen." Sie kann weder essen, noch trinken, bei jeder Bewegung fürchtet sie, ihren Magen erneut zu reizen. Die Übelkeit ist so heftig und konstant, dass sie ihr Bett schließlich im Badezimmer aufschlägt. "Ich verspürte langsam, dass ich die Schwangerschaft gehasst habe", sagt Jenny. "Nichts drehte sich mehr um das Baby, sondern nur noch darum, mal eine halbe Stunde speifrei zu sein." Schließlich bittet sie ihre Oma, den Krankenwagen zu rufen. Als Jenny Simon völlig entkräftet in einem Dresdener Klinikum ankommt, beginnen Tage des Horrors für sie.

"Ich hatte Angst, dass es mein kleiner Reiskorn nicht schafft"

"Ich wurde belächelt, nicht ernst genommen", erinnert sich die heute 36-Jährige. Die Ärzte legen Sie an den Tropf und verschreiben ihr Vomex A, ein handelsübliches Medikament gegen Übelkeit. "Ich bat um ein anderes Medikament, da Vomex mir nicht hilft."

Am nächsten Tag wird Jenny ein Gespräch mit einer Psychologin angekündigt. Als sie sich nach dem Grund für das Gespräch erkundigt, erschrickt Jenny. "Man sagte mir wortwörtlich: 'Es ist psychisch bedingt, weil Sie das Kind nicht wollen oder akzeptieren.'" Doch dem widerspricht die werdende Mutter mit aller Kraft: "Wenn ich eines wusste, dann dass ich das Kind wollte – aus vollem Herzen!" Zwar habe sie bereits vor ihrer Schwangerschaft seit vielen Jahren an Depressionen gelitten, gibt Jenny zu, doch darüber, wie sie während ihrer Schwangerschaft mit ihrer Erkrankung umgehen sollte, habe sie sich direkt nach dem positiven Test in einer Beratungsstelle informiert.

Jenny beschließt: Sie muss jetzt ganz stark bleiben und sicher auftreten, damit man sie ernst nimmt. "Ich musste meine Wut, Traurigkeit und das Erbrechen für einen Moment hintanstellen." Im Gespräch mit der Psychologin legt Jenny ihre psychische Vorerkrankung offen, betont jedoch, dass sie sich sicher ist, dass das, was sie da gerade durchmacht, nichts mit ihrer Psyche zu tun hat. "Im Gegenteil, ich hatte Angst, dass es mein kleiner Reiskorn nicht schafft, weil ich nichts mehr zu mir nehmen konnte." Die Psychologin glaubt ihr und Jenny beginnt, vorsichtig Hoffnung zu schöpfen: "Ich dachte, dass ich dort nun endlich Hilfe bekomme – aber dem war nicht so."

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Auch Herzogin Kate litt an „unstillbarem Schwangerschaftserbrechen“

Mittlerweile hat Jenny selbst eine Theorie, was es mit der extremen Übelkeit auf sich haben könnte. In Facebook-Gruppen hat sie sich mit anderen Schwangeren ausgetauscht, die ebenfalls eine extreme Form von Übelkeit während der Schwangerschaft erlebt hatten. Dort hört sie zum ersten Mal von der Krankheit Hyperemesis gravidarum, die auch "unstillbares Schwangerschaftserbrechen" genannt wird. Auch US-Komikerin Amy Schumer litt unter dieser extremen Form der Schwangerschaftsübelkeit, Herzogin Kate sogar bei jeder ihrer drei Schwangerschaften. Wir haben mit der Frauenärztin Natalie Reich darüber gesprochen, wie gefährlich die Erkrankung sein kann und wann Schwangere unbedingt einen Arzt aufsuchen sollten.

In der Facebook-Gruppe erhält Jenny den Tipp, dass die Charité in Berlin sich mit der Krankheit, die bei weniger als einem Prozent der Schwangeren in starker Form auftritt, auskennt. Immer wieder bittet Jenny die Mitarbeiter im Krankenhaus, sich mit der Charité in Verbindung zu setzen, damit sie endlich wieder essen und trinken kann – ohne Erfolg.

Völlig verzweifelt: Jenny denkt an Abtreibung

"Ich war nicht mehr bereit ,den Weg ohne Hilfe weiter zu gehen", erinnert sie sich an die wohl schwersten Stunden ihres Lebens. Schließlich erklärt Jenny den Ärzten, dass sie über die Möglichkeit einer Abtreibung nachdenkt. "Es tat mir so weh, aber ich wollte nicht mehr weiter leiden." Dieser Hilferuf habe dann endlich die nötige Wirkung gezeigt, erinnert sich Jenny. "Ab diesem Zeitpunkt nahm man mich ernst. Man kontaktierte die Charité und ich bekam das richtige Medikament." Eine Woche später kann die werdende Mutter endlich entlassen werden. "Durch das Medikament endete zwar nicht das Erbrechen – mir war immer noch den ganzen Tag lang schlecht – aber ich konnte kleine Dinge essen." Rückblickend hat sich für Jenny alles Leid am Ende ausgezahlt: 2017 erblickt ihr kleiner Sohn Maximilian gesund und munter das Licht der Welt – "das schönste Geschenk in meinem Leben", schwärmt Jenny im RTL-Interview.

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Jenny Simon und ihr Sohn Maximilian
Am Ende wurde alles gut: Jenny Simon und ihr Sohn Maximilian (3).
© Jenny Simon

Zweite Schwangerschaft? Für Jenny ausgeschlossen!

Doch ein großer Wermutstropfen bleibt: Obwohl Jenny und ihr Mann sich ein zweites Kind wünschen, haben sie schweren Herzens beschlossen, die Familienplanung abzuschließen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Jenny bei der nächsten Schwangerschaft wieder an Hyperemesis gravidarum erkrankt, ist groß. "Nochmal wollen weder ich noch mein Mann das durchmachen", erzählt sie uns. Noch heute leidet Jenny unter den Folgen der Erkrankung – sie hat einen krankhaften Ekel vorm Erbrechen entwickelt, den sie nun mithilfe einer Therapie bekämpft.

Ein wichtiges Anliegen sei ihr, dass anderen Schwangeren schneller geholfen werden kann als ihr, erzählt uns Jenny. Vielerorts, besonders in ländlichen Regionen, seien Gynäkologen häufig nicht darüber im Bilde, dass es neben der "normalen" Schwangerschaftsübelkeit auch diese extreme Form gebe, die für Kind und Mutter lebensgefährlich werden kann. In der Folge würden Schwangere mit heftiger Übelkeit nicht erst genommen. Deshalb hofft Jenny, durch Berichte wie ihren vor allem die Aufmerksamkeit der Ärzte verstärkt auf die Krankheit zu lenken. Und auch an betroffene Schwangere appelliert sie, sich dringend einen Spezialisten für zu Hyperemesis gravidarum suchen. "Sagt es den Ärzten klar und deutlich: 'Nehmen Sie mich bitte ernst!'"