DFB-Team in der Einzelkritik

Heiß wie Wüstensand: Ausgerechnet Timo Werner schießt Deutschland zur Weltmeisterschaft

18. Oktober 2021 - 14:52 Uhr

"Ich als Spieler weiß, was ich kann"

Im Stadion begnügte sich der erkältete Hansi Flick nach der deutschen Express-Qualifikation für die Fußball-WM in Katar noch mit einem kräftigen Schluck aus der Wasserflasche. "Wir haben unser Ziel erreicht, wir haben uns als erste Nation nach Katar qualifiziert für Katar", sagte der Bundestrainer nach dem 4:0 (0:0) im nasskalten Skopje gegen Nordmazedonien mit hörbarem Stolz trotz der angegriffenen Stimmbänder. Mann des Abends war Timo Werner, der mit zwei Toren eine Antwort auf die teilweise harsche Kritik an ihm als Stürmer nach dem 2:1 gegen Rumänien gab. "Wir als Mannschaft wissen, was wir können, ich als Spieler weiß, was ich kann", sagte der Angreifer vom FC Chelsea. Das knotenlösende 1:0 hatte kurz nach der Pause Kai Havertz erzielt. Danach lief der Ball auf dem tiefen Rasen deutlich flüssiger. Youngster Jamal Musiala rundete mit seinem ersten Länderspieltor den souveränen Sieg ab. Flick rühmte die "Mentalität" seines Teams. Unsere Einzelkritik.

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Der Torwart und die Abwehr

Manuel Neuer: Wenn der Kapitän fit ist, dann spielt er. Dieser Maßgabe war schon Joachim Löw gefolgt. Und unter Hansi Flick hat sich nichts geändert. Wäre auch überraschend gewesen, denn in München waren der neue Bundestrainer und der Torwart bereits Stammplatz-Buddys. Alexander Nübel fand das nicht so gut. Nun also war er wieder fit. Die Sache mit den Adduktoren hatte sich erlegt. Tja und was soll man ihm ins Nachweisheftchen schreiben? Auf der Linie sicher, aber auch kaum geprüft. Als elfter Feldspieler so präsent wie immer. Kann für sich persönlich verbuchen, dass er mit der Natonalmannschaft jetzt auch mal in Nordmazedonien war.

Lukas Klostermann: Wenn es darum geht, einen Platz auf den defensiven Außenbahnen zu besetzen, dann wurde zuletzt erstaunlich wenig über Lukas Klostermann gesprochen. Dabei ist der Leipziger doch auch schon länger dabei, wenn ein deutscher Länderspielkader berufen wird. Nun durfte er sich wieder Mal beweisen. Der polyvalente Jonas Hofmann bekam eine Pause. Allerdings war es jetzt nicht so, dass Klostermann nachdrücklich für sich werben konnte. Der Gegner war über seine Seite kaum aktiv. Wenn aber mal gekontert wurde, dann war er da und arbeitete alles vernünftig weg. Nutzte seine Freiheiten nach vorne aber viel zu wenig.

Niklas Süle: Der Hüne des FC Bayern trägt ein Zehner-Gen in sich. Sagt man. Das bedeutet, dass er nicht an der destruktiven Arbeit interessiert ist, sondern dem Spiel auch konstruktive Dinge geben möchte. Zeigte das gegen Nordmazedonien. Was er aber nicht ist: eine "Sieben", also der Typ Franck Ribéry. Sein Versuch eines Flankenlaufs auf der rechten Seite in Hälfte eins endete mit einem Zusammenspiel ins Nirwana. Dorthin gesellte sich auch seine wuchtige Hacken-Ablage auf David Raum. In seinem Kernressort war er stabil unterwegs. Der Abwehrchef strahlte erneut eine enorme Ruhe aus. Musste allerdings ein paar Mal aushelfen, als seine Kollegen nicht am Platz waren.

Thilo Kehrer: Der Mann, der den Luxus genießt, sich in jedem Training mit Kylian Mbappe, Lionel Messi und Neymar duellieren zu dürfen (vorausgesetzt alle sind gesund und glücklich), rückte für den angeschlagenen Antonio Rüdiger ins Zentrum. Im Zusammenspiel mit Süle fehlte zunächst die Harmonie, er leistete sich leichte technische Fehler. Aber auch er steigerte sich. Kehrer ist der Top-Gewinner unter Flick und eine Top-Alternative für das Wüsten-Abenteuer 2022.

David Raum: Überraschung, Überraschung: Der junge Hoffenheimer durfte in seinem zweiten Länderspiel erstmals von Beginn an ran. Er sortierte sich auf der linken Seite ein. Das ist seine beste Position und wenn er eine Chance auf ein WM-Ticket haben will, dann muss er sich hier beweisen. Er übernahm gleich Standards wie einen Freistoß (25.) aus günstiger Position. Die waren ebenso ausbaufähig wie seine Flanken. Die beherrscht eigentlich herausragend. Für Greuther Fürth hatte er vergangene Saison 15 Tore (!) in Liga zwei vorbereitet. Raum war extrem aktiv, hatte Bock auf seine Chance, ließ sich aber gerade am Anfang mehrere Male überlaufen. War bei Kontern nicht immer da, wo er sein sollte.

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Das Mittelfeld

Joshua Kimmich: Gegen Rumänien zuletzt war er noch der Kapitän. Diese Rolle war er nun wieder los. Zumindest offiziell. Die Binde wanderte wieder an den Arm von Torwart Neuer. Aber kein Problem für Kimmich. Er ist auch ohne den Fetzen der Chef im deutschen Spiel. Hatte nach zwei Minuten per Kopf (!) die große Chance zur Führung. Sein guter Versuch wurde aber noch besser entschärft. Der Mann des FC Bayern war natürlich wieder ein unermüdlicher Antreiber. Das muss man eigentlich nicht erwähnen. Was man aber erwähnen muss: Defensiv war er in Skopje nicht immer auf der Höhe.

Leon Goretzka: Das Erstaunliche bei diesem Power-Tower ist ja sein Blick. Der ist immer voller Gier. Selbst wenn es mal nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. Und was sollen wir sagen, gegen Nordmazedonien war es mal wieder so weit. Der Mann der so HERZlich jubeln kann, erwischte keinen sonderlich guten Abend. Bei seinem sonst perfekt funktionierenden Wechselspiel mit Partner Kimmich haperte es auf tiefem Boden. Er hatte Mühe mit der dicht gestaffelten Abwehr der Nordmazedonier, konnte seine Dynamik nicht einbringen. Stieß häufig nach vorne rein, ohne dabei aber gefährlich zu werden. Bei Kontern wurde er zu einfach überlaufen. Ab 61. Minute Florian Wirtz: Na, bitte, da war es endlich mal wieder länger zu sehen, das Toptalent. Der Mann von Bayer Leverkusen, der Gott und die Welt verzauberte, wirkte zunächst verunsichert, leitete dann aber das 2:0 von Werner gut ein. Fügte sich als "Achter" mehr und mehr gut ein.

Thomas Müller: Die Ikone des FC Bayern übernahm die umkämpfte Zehnerposition von Marco Reus und zog mit seinem 108. Länderspiel mit Jürgen Klinsmann gleich. Herzlichen Glückwunsch dazu, das ist schon erstaunlich. Ansonsten fiel er wieder mit seinen unorthodoxen Laufwegen auf, hielt sich bei Ecken dieses Mal allerdings an die Vorgaben der Trainer. Man muss ja nicht schon wieder einen kleinen Disput heraufbeschwören. Vor dem 1:0 nahm er den Traumpass von Serge Gnabry an und schob ihn zu Kai Havertz weiter. Beim 2:0 durch Werner verrenkte er sich gewohnt kurios, um das Zuspiel von Wirtz auf den Torschützen abzulegen. Hatte sich in der ersten Halbzeit bei einem Kopfball schon einmal wild verdreht, unfassbar, dass da immer alles heile bleibt. Ab 80. Minute Florian Neuhaus: Der aktuell formsuchende Gladbacher durfte ein wenig Selbstvertrauen sammeln. Ordnete einige Minuten gelungen das deutsche Spiel.

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Der Angriff

Serge Gnabry: Ach, über diesen Mann ist doch alles gesagt. Er ist einfach ein Phänomen. Und so machte er auch nun wieder das, was er immer macht: Der Münchner war wieder extrem fleißig. Wirbelte die Mazedonier gehörig durcheinander, suchte mutig den Abschluss. Leitete das 1:0 durch Havertz mit einem phänomenalen Zuspiel ein. Mitte der ersten Halbzeit war ihm aber etwas durchaus Skurriles passiert. Bei einem Konter mit Werner liefen die beiden Deutschen allen davon. Doch dann verstolperte Gnabry den Ball, die Chance war dahin. Kennt man so gar nicht. Ab 74. Minute Jonas Hofmann: Der Polyvalente durfte sich dieses Mal dort austoben, wo er eigentlich beheimatet ist: auf der offensiven Außenbahn. Fügte sich prima ein, hatte aber keine Momente für die Geschichtsbücher.

Timo Werner: Was war in den vergangenen Tagen nicht alles über ihn gesagt worden. Nun, wir wollen das nicht alles wiederholen. Die Kurzversion lautet: Ist aktuell kein Mann, der Deutschland weiterhilft. Der Bundestrainer sah das anders und lobte seinen Stürmer. Eine gute Idee, denn Werner zahlte das Vertrauen gegen Nordmazedonien eindrucksvoll zurück. Der Mann aus London erzielte seine Tore 20 und 21 für die Nationalmannschaft. War stets unterwegs und oft anspielbar. Insgesamt wirkte das alles deutlich abgestimmter und harmonischer als zuletzt. Vielleicht auch, weil Havertz spielte? Beide kennen sich schließlich vom FC Chelsea. Hatte einmal Pech, als er unmittelbar vor der Pause nur den Pfosten traf. Ab 74. Minute Jamal Musiala: Das Supertalent gilt als kommender Weltfußballer. So sagte gerade erst sein Entdecker. Er wäre dann der Nachfolger von Lothar Matthäus. So weit ist es aber noch nicht. Musiala ließ gegen Nordmazedonien seine herausragende Qualität aber aufblitzen. Das 4:0 erzielte er ziemlich abgezockt.

Kai Havertz: Leroy Sané hatte zuletzt viel gespielt. Und das meistens sehr gut. Er durfte sich also mal schonen. Und was ist das eigentlich prima, wenn man eine solche Alternative wie Havertz hat? Der Champions-League-Sieger-Macher spielte seine Technik immer wieder aus. Er besetzte klug die Zwischenräume, was Flick von ihm gefordert hatte. Havertz leitete zahlreiche Angriffe ein - und erzielte selbst die Führung (50.). Ab 61. Minute Karim Adeyemi: Die Sturmhoffnung kam und sorgte direkt noch für Gefahr. Bereitete das 4:0 vor. Seine Entwicklung wird immer spannender. (tno)

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