Schwede wurde von seiner Ehefrau gefoltert

Erik: Ich habe meine Wunden mit ihrer Schminke abgedeckt

21. Mai 2021 - 13:59 Uhr

Häusliche Gewalt gegen Männer - ein Tabuthema

Es ist nach wie vor fest in unserer Gesellschaft verankert: Das Bild des starken Mannes. Er wird gesehen als der Beschützer, der Starke. Doch was, wenn ein Mann zum Opfer einer Frau wird? Betroffene schämen sich oft dafür, gehen nicht zur Polizei. Erik, der eigentlich anders heißt, ist einer dieser Betroffenen. Auch er wollte sich freiwillig keine Hilfe holen – bis seine couragierten Kollegen eingriffen.

Erik kümmert sich jetzt allein um seine einjährige Tochter.
Erik kümmert sich jetzt allein um seine einjährige Tochter.
© FAX-Film

Plötzlich schlug Eriks große Liebe zu

Erik wohnt in Schweden. Er lernte seine große Liebe 2017 über eine Datingplattform kennen. Im März 2018 traf er sie zum ersten Mal und verliebte sich Hals über Kopf. Nur wenige Monate später heiratet das Paar. Kurz darauf ist auch schon ein Baby unterwegs. Eine perfekte Liebesgeschichte – könnte man denken. Doch dann wird Eriks Frau plötzlich gewalttätig.

"Am Anfang hat sie es nur selten gemacht", erinnert sich der Ehemann. Mit "es" meint der Schwede die schlimmen Misshandlungen, die er monatelang erträgt. In der Silvesternacht 2020 eskaliert die Situation dann völlig: Seine Frau schlägt 75 Mal auf ihn ein – mit einem Kabel und Küchenutensilien. Zur Polizei geht er damals nicht. Immerhin liebt er seine Frau und möchte sie vor drohenden Konsequenzen schützen.

Es sind schließlich Eriks Arbeitskollegen, die eingreifen. Sie sehen einen Tag später die Wunden an seinem Körper und bringen ihn in die Notaufnahme. Erst da kommt heraus: Seine geliebte Frau hat ihn über Monate gefoltert und gedemütigt. Doch Erik nimmt sie immer noch in Schutz. Im Interview sagt er: "Ich denke, tief in ihr ging es ihr einfach nicht gut." Er vermisse seine Ehefrau, vor allem, weil sie auch schöne gemeinsame Stunden gehabt hätten. Und weiter: "Auf viele Weise ist sie auch eine wirklich fantastische Frau."

Björn Süfke leitet das Hilfetelefon "Man-o-Mann"

Björn Süfke ist Leiter des Hilfetelefons von "Man-o-Mann".
Björn Süfke ist Leiter des Hilfetelefons von "Man-o-Mann".
© RTL

Erik ist mit seinem Leid nicht allein. Björn Süfke ist Leiter beim Hilfetelefon "Man-o-Mann" und weiß, dass Gewalt gegen das vermeintlich starke Geschlecht gar nicht so selten ist. Es gebe allerdings ganz viele Gründe, weshalb Opfer die Gewalt oft lange hinnehmen würden, ohne sich Hilfe zu suchen. "Das kann mit ganz einfachen Phänomenen wie wirtschaftlicher Abhängigkeit zu tun haben, es kann damit zu tun haben, dass Kinder im Spiel sind, dass der Verlust des Kontakts zu den Kindern droht", sagt er.

Es gebe aber auch die innerpsychischen Faktoren. "Wenn beispielsweise ein Opfer schon sein Leben lang Gewalt erfahren hat, dann hat es womöglich gar nicht das Gefühl, dass es es wert ist, ein gewaltfreies Leben zu haben." In Telefonaten gehe es häufig darum, das Selbstbild erst einmal "zurechtzurücken" und den Männern klarzumachen: Du bist es wert.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Eriks Frau hat ihre Strafe bekommen

Bei Erik war es die Liebe, die ihn schweigen ließ. "Ich hatte alle möglichen Ausreden, weil ich meine Frau schützen wollte", sagt er. Er habe nicht gewollt, dass sie Probleme kriegt. "Weil ich sie liebte, habe ich lieber meinen Körper geopfert. Ich habe Schminke von ihr ausgeliehen, um es zu verstecken", gesteht das Opfer häuslicher Gewalt. Er hatte Glück, dass seine aufmerksamen Arbeitskollegen einschritten und ihm aus dem Teufelskreis heraushalfen.

Mittlerweile wurde seine Frau zur Rechenschaft gezogen. Sie sitzt für ein Jahr und vier Monate hinter Gittern.

Auch Tami Weissenberg wurde Opfer von Gewalt – lesen Sie hier seine emotionale Geschichte.

Erfahren auch Sie daheim körperliche oder seelische Gewalt?

Seit vergangenem Jahr gibt es das bundesweite Hilfetelefon speziell für Männer. Unter der 0800-1239900 oder auch per Mail an beratung@maennerhilfetelefon.de erhalten Sie Hilfe. Zudem ist auch das bundesweite Opfer-Telefon des "Weißen Rings" an sieben Tagen in der Woche von 07 bis 22 Uhr für Sie unter der 116 006 erreichbar. Dort haben geschulte, ehrenamtliche BeraterInnen ein Ohr für Sie, bieten Unterstützung und zeigen Wege auf, wie Sie dem Kreislauf aus Gewalt und Demütigung entkommen können.