Gift aus der Tube: Ärzte fordern EU-weites Verbot von Triclosan

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13. Januar 2015 - 21:37 Uhr

Von Christina Rings

Zahnpasta, Deo, Waschcreme - Triclosan ist überall drin. Dabei steht der antibakterielle Wirkstoff im Verdacht, wie ein Hormon zu wirken, Brustkrebs und Resistenzen gegen Antibiotika zu erzeugen und Spermien, Leber sowie Muskeln zu schädigen. Die Negativliste ist lang - und alarmierend. Mancherorts ist das Mittel deshalb bereits verboten, die EU prüft aktuell noch, ob das Biozid auf die Liste der 'besonders besorgniserregenden Stoffe' kommt. Nun haben Ärzte eine Petition ins Leben gerufen, die fordert, Triclosan endlich zu verbannen.

Wer Triclosan sucht, wird schnell fündig. Ein kurzer Streifzug durch den Drogerie-Markt und der Einkaufskorb ist voll: eine Tube 'Colgate Total Zahncreme', 'Deo-Spray' und 'Shampoo Extra-Mild' von Louis Widmer, Gehwohl-Fußpuder, Avène-'After-Shave Fluid' - alles Produkte namhafter Marken und alle enthalten sie Triclosan. Die Chemikalie, die in Kosmetika oft als Konservierungsmittel eingesetzt wird, ist quasi allgegenwärtig - auch in Desinfektions- und Waschmittel oder Kunststoff. Sie wird sehr gut über die Haut aufgenommen, setzt sich im Fettgewebe fest und kommt in der Muttermilch wieder zum Vorschein. Sogar in Nabelschnurblut konnte der Wirkstoff nachgewiesen werden, wie eine Studie der 'American Chemical Society' (ACS) belegt.

Problematisch ist, dass sich Triclosan in der Umwelt anreichert und so auch auf Umwegen in die Nahrungskette gelangen kann. Mit weitreichenden Folgen, wie schon ein Monitoringbericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz von 2006 zeigt. Ergebnis: Abbauprodukte des Biozids finden sich inzwischen sogar in Lebensmitteln wie Hühnereiern, Thunfisch und Räucheraal wieder. In Kindernahrung konnten zudem sogenannte Dioxine nachgewiesen werden - ein unerwünschtes Abfallprodukt, das unter anderem bei der Herstellung von Triclosan entsteht und ähnlich negative Eigenschaften aufweist wie selbiges.

EU prüft, ob Triclosan als 'besonders besorgniserregender Stoff' klassifiziert wird

"Es ist erstaunlich, wie oft Triclosan noch immer vorkommt. Dabei weiß man seit langem, dass das ein sehr problematischer Stoff ist", sagt Dr. Martin Forter, Geschäftsführer der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU), im Interview mit RTLaktuell.de. Sein Schweizer Verein hat deshalb eine Online-Petition ins Leben gerufen, die sich für ein Verbot der Substanz in der Schweiz und der EU einsetzt. "Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA wollte den Stoff schon 1974 verbieten, weil sie ihn als unsicher beurteilt", so Forter. "Sie konnte sich mit dem Verbot aber bis heute nicht durchsetzen." Unter anderem wohl auch, weil sich viele große Konzerne - allen voran Colgate-Palmolive - dagegen sperren.

Das schweizerische Unternehmen Louis Widmer hat sich bislang auf eine Anfrage von RTLaktuell.de nicht geäußert. Colgate äußerte sich wie folgt: "Unabhängige wissenschaftliche Komitees der Europäischen Kommission haben Triclosan mehrere Male beurteilt und als sicheren Inhaltsstoff für Zahnpasten anerkannt." Nach jahrelangen Untersuchungen habe man in der wissenschaftlichen Literatur keine Hinweise auf Antibiotikaresistenz aufgrund der Verwendung von Triclosan in Verbraucherprodukten gefunden. "Wir sind auf der Basis fundierter Studien von der Effektivität und Sicherheit unserer Zahncreme überzeugt", heißt es weiter.

Doch längst nicht alle Unternehmen schließen sich der Haltung von Colgate-Palmolive an. Im Juni 2014 verkündete der US-Kosmetikriese 'Johnson & Johnson' (produziert u.a. 'Penaten' und o.b.-Tampons) auf seiner Homepage, künftig weltweit auf Triclosan in Kosmetik- und Babyprodukten verzichten zu wollen. Kurz zuvor, im Mai 2014, war der US-Bundesstaat Minnesota dem Anliegen der FDA gefolgt, und hatte den Einsatz der Chemikalie untersagt. Begründung: Die Substanz sei für Mensch und Umwelt zu gefährlich. Auch Saudi Arabien hat den Wirkstoff deshalb aus Kosmetikprodukten verbannt.

Und die EU? Die stufte Triclosan im Rahmen der REACH-Chemiekalienverordnung schon 2012 als Verdachtssubstanz ein. Untersuchungen müssen nun klären, ob das Biozid auf die Liste der 'Substances of very high concerns' (übersetzt: besonders besorgniserregende Stoffe) gesetzt werden muss. Doch die Brüsseler Mühlen mahlen langsam. Und ob eine Empfehlung dann auch tatsächlich in bindendes Gesetz umgemünzt wird, bleibt abzuwarten.

Bis dahin ist die Chemikalie zugelassen und Unternehmen wie Colgate-Palmolive oder Louis Widmer dürfen sie legal bis zu einer von der EU als unbedenklich eingestuften Höchstmenge - zum Beispiel maximal 0,3 Prozent in Kosmetika - verwenden. Das Bundesamt für Risikobewertung hält es für unwahrscheinlich, dass sich diese Dosen negativ auf die Gesundheit auswirken. Dennoch habe man schon vor Jahren empfohlen, den Einsatz auf den medizinischen Bereich zu beschränken.



Christina Rings hat den Journalismus von der Pike auf gelernt: als Praktikantin, Freiberuflerin, Volontärin und schließlich Redakteurin. Verbraucherschutz, Politik und Gesellschaftsthemen sind ihre bevorzugten Ressorts. An der Uni Oldenburg hat sie BWL mit juristischem Schwerpunkt studiert - ist heute aber heilfroh, die potentielle Karriere als Personalmanagerin an den Nagel gehängt und stattdessen den Sprung in die digitale Redaktion von RTL geschafft zu haben. Hauptsache: Schreiben, texten, kreativ sein. Wenn sie nicht gerade mit ihrer kleinen Tochter über die Spielplätze Kölns zieht, traktiert sie das Manuskript zu ihrem ersten Roman und ist doch nie ganz zufrieden. Ob er je fertig wird? Wir sind gespannt…