Ersatzmechanismen zur Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts

Gesundheitslexikon: Kompensation

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30. Oktober 2019 - 11:41 Uhr

Kompensation: Ausgleichsmechanismen des Körpers

Kompensation kennen Sie aus der Wirtschaft und verstehen darunter den Ausgleich durch Entschädigungszahlungen? Richtig: Das Wort stammt vom lateinischen compensare ab und bedeutet wörtlich übersetzt ausgleichen oder ersetzen. Kompensation muss sich allerdings nicht zwingend auf den wirtschaftlichen Bereich beziehen. Psychologen meinen mit dem Begriff eine Ausgleichshandlung, die reale oder vermeintliche Minderwertigkeiten kompensiert. Auch die Allgemeinmedizin bezieht sich mit dem Ausdruck auf einen Ausgleich oder Ersatz. Anders als bei der psychologischen geht es bei der allgemeinmedizinischen Begriffsverwendung allerdings um körperliche Mängel und die Versuche, diese Mangelzustände zu beheben.

Definition: Was bedeutet Kompensation in der Medizin?

Mit der Kompensation meint die Medizin Ersatzmechanismen zur Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts. Ob Haltungsschäden am Rücken oder Nierenschädigungen: Funktionsbeeinträchtigungen können jedes Körpergewebe betreffen. Der Organismus ist in entsprechenden Fällen darum bemüht, die Funktion soweit wie möglich widerherzustellen. In diesem Kontext ist mit der Kompensation der Ausgleich krankhafter Körperzustände durch natürliche Mechanismen gemeint. In vielen Fällen bezieht sich der Begriff auf die verminderte Leistungsfähigkeit eines bestimmten Organs, die der Körper über eine Tätigkeitssteigerung anderer Körperteile oder Organregionen beantwortet. Mit Kompensierungsversuchen reagiert der Organismus also immer dann, wenn das wechselseitige Verhältnis zwischen Organ und Umgebung aus dem Gleichgewicht zu geraten droht.

Beispiele: Ausgleichmechanismen im Sinne von Kompensation (Allgemeinmedizin)

Der menschliche Körper ist stets darum bemüht, einen normalen Funktionszustand aufrechtzuerhalten. Bei Gewebeschädigungen treten abnorme Funktionszustände auf, die der betroffene Organismus über Gegenregulationen auszugleichen versucht. Folgende Ausgleichsmechanismen bezeichnet die Allgemeinmedizin mit der Kompensation:

  • organischen Gewebewachstum nach Organbeeinträchtigungen, so beispielsweise die Größenzunahme einer Herzkammer, durch die das Herz bei Herzklappenfehler die Mehrbelastung auszugleichen versucht (ventrikuläre Hypertrophie).
  • das gesteigerte Wachstum von Organen nach teilweisem oder vollständigem Organausfall, so beispielsweise das übertriebene Wachstum einer Einzelniere bei einseitiger Nierenagenesie (Nichtanlage einer Niere).
  • Gegenregulierungen im Sinne von Funktionsanpassungen, so im Hormonsystem beispielsweise die THS-Minderproduktion bei Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion).
  • Haltungsänderungen zum Ausgleich von Fehlstellungen

Beispiele: Ersatzmechanismen im Sinne von seelischer Kompensation (Psychologie)

Der Psychologe Adler bezog sich mit dem Begriff Kompensation auf bewusste oder unbewusste Strategien, echte oder vermeintliche Minderwertigkeiten auszugleichen. Er interpretierte die Psyche als Teil des Zentralnervensystems und ging im Wissen von organischen Kompensationsmechanismen davon aus, dass die Seele ähnlich der Organe Ungleichgewichte mit Kompensation beantwortet. Psychologische Kompensation hat viel mit Abwehrmechanismen zu tun. Minderwertigkeitsgefühle spielen dabei eine gesteigerte Rolle, so beispielsweise bei

  • einem Übergewichtigen, der zur Abwehr von Häme viel Humor entwickelt.
  • einer beruflich erfolglosen Person, die sich extrem arrogant gibt.
  • kleinen Menschen, die ihre Körpergröße durch überragende Leistungen zu kompensieren versuchen und Perfektionismus entwickeln.

Kompensation in der Humangenetik

Wie in der Psychologie und der Medizin bezeichnet die Kompensation im Bereich der Humangenetik einen Ausgleichsversuch zur Wahrung der Integrität. Der Begriff der kompensierenden Mutation bezeichnet eine Erbgutveränderung, die die physiologische Funktion von Genprodukten eines defekten Gens widerherzustellen versucht. Dieser Mechanismus kann verschiedene Form annehmen, so beispielsweise im Sinne einer

  • intragenen Restaurierung in Form der Rückmutation eines mutierten Gens
  • intergen ausgleichenden Mutation, bei der das Produkt eines anderen Gens mit einem defekt gewordenen Genprodukt zusammenarbeitet.
  • Komplementation in Form von rezessiven Mutationen in zwei verschiedenen Genen, die im Phänotypen keine sichtbaren Effekte nach sich ziehen.