Sexy mit Stil

Sind diese Tänzer die „Magic Mikes“ des Karnevals?

21. Februar 2020 - 17:49 Uhr

von Daria Bücheler

Wenn die neun Männer des "Gentlemen Ensembles" beginnen, sich auf der Bühne zu bewegen, ist innerhalb von Sekunden klar: DAS wird heiß. Die Jungs der "Fauth Dance Company" sind nicht nur extrem talentiert – sie haben auch eine Ausstrahlung, die einen umhaut. Nach ihren Auftritten werden sie von Frauen belagert, angeflirtet und sogar fast sexuell belästigt. Was die festen Freundinnen der Jungs dazu sagen und warum eine einzige Frau die Erlaubnis bekommt, die Tänzer nach ihrem Auftritt ganz in Ruhe zu berühren, sehen Sie im Video.

Reporterin Daria Bücheler mit dem "Gentlemen Ensemble".
Reporterin Daria Bücheler mit dem "Gentlemen Ensemble".
© Daria Bücheler

Es ist Samstagmittag – 13 Uhr. Ich treffe die Jungs des "Gentlemen Ensembles" in ihrer Tanzschule in Viersen – eine Stadt in der Nähe von Köln. Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Männer sehe. Genau zwei Wochen zuvor war ich mit meiner besten Freundin auf einer Karnevalsparty. Zwanzig Minuten sind die Tänzer dort aufgetreten – es waren mit Abstand die besten zwanzig Minuten des Abends.

Nun stehe ich wieder vor ihnen. Dieses Mal nicht als Partymaus, sondern als Journalistin. Ich darf die Tänzer heute einen Tag lang zu all ihren Auftritten begleiten, Zeit mit ihnen verbringen, sie kennenlernen. Zugegeben – heute ist nicht der schlechteste Arbeitstag meines Lebens.

„Alle Mädels wollen immer nur ihn, ihn, ihn!“

Unsicher gebe ich jedem die Hand, um mich vorzustellen. Einige Gesichter erkenne ich dabei direkt wieder. Das von Simon (20) zum Beispiel. Mit seiner quirligen Art ist mir der kleine, energiegeladene Tänzer auf der Bühne immer wieder ins Auge gefallen. Auch Lukas' (19) freches Grinsen ist mir in Erinnerung geblieben. Ich weiß noch genau, wie ein Mädchen aus der ersten Reihe verzweifelt versuchte, mit ihm zu flirten und am Ende zumindest ein Foto und ein Autogramm ergatterte. Mittlerweile ist es mir fast ein bisschen peinlich, dass ich auch Olivers (19) große Erscheinung noch genau im Kopf hatte. "Alle Mädels wollen immer nur ihn, ihn, ihn", verrät mir Lukas später. Tja. Da bin ich wohl Mainstream.

Oliver Stockschläger Lukas Gendig Simon Peeters
Oliver Stockschläger (19 Jahre, Student und Tänzer), Lukas Gendig (19 Jahre, Student und Tänzer), Simon Peeters (20 Jahre, Student und Tänzer)
© Daria Bücheler

In der Karnevalszeit rund 100 Mal auf der Bühne

Mittlerweile steht der Tourbus abfahrbereit vor der Tür. Es ist recht warm für einen Tag im Februar. Immer wieder kommt die Sonne hinter den Wolken hervor. Nur mit Jogginghose und T-Shirt bekleidet, hüpft ein Kerl nach dem anderen in den schwarzen Sprinter, denn in gut einer Stunde beginnt der erste Auftritt. Fünf Mal müssen die Jungs ihre Show heute zeigen. In der gesamten Karnevalszeit stehen sie rund 100 Mal auf der Bühne.

Besonders viel verdienen sie dabei nicht, denn ein Teil ihrer Gage geht an ihre Agentur, einer an die Tanzschule und etwas bekommt der Busfahrer – der Rest wird unter den Tänzern aufgeteilt. "Man könnte es vielleicht noch als kleinen Nebenjob bezeichnen", erklärt mir Trainer und Choreograph Marvin Schröder (35) während der Fahrt.

Ateş Kaykilar Christian Köhler Valeri Bannikov
Ateş Kaykilar (33 Jahre, Choreograf und Tänzer), Christian Köhler (27 Jahre, Immobilienkaufmann und Tänzer), Valeri Bannikov (30 Jahre, Erzieher und Tänzer)
© Daria Bücheler

Mit neun nackten Männern allein in einem Tourbus

"Jungs, wir sind in 10 Minuten da – umziehen!", ruft Marvin 50 Minuten später durch den Bus. Äh, wie - umziehen!? Jetzt? Hier? Ich war fest davon ausgegangen, dass sich die Gruppe vor Ort in einer Garderobe umzieht. Aber nun lässt tatsächlich einer nach dem anderen während der Fahrt die Hüllen fallen. Meine Anwesenheit scheint niemanden zu stören. Ich bin sicher, dass ich rot anlaufe und starre angestrengt aus dem Fenster. Ich höre, wie jemand eine Haarspraydose schüttelt und rieche, dass sich irgendjemand mit Deo einsprüht. Als ich das nächste Mal hinter mich in den Bus schaue, bindet sich Oliver gerade gekonnt seine Krawatte und Simon fährt sich durch seine dunklen Haare. Aus lässigen Jungs sind in wenigen Minuten Gentlemen geworden.

Marvin Schröder  Ramon Amalfi  Ivo Rupena
Marvin Schröder (35 Jahre, Trainer, Choreograf und Tänzer), Ramon Amalfi (20 Jahre, in der Ausbildung zum Friseur), Ivo Rupena (30 Jahre, Student, Personal Trainer und Tänzer)
© Daria Bücheler

Keine Stripper, sondern Profi-Tänzer

Als wir dann vor der ersten Location warten, das Publikum sehen und der Auftritt kurz bevorsteht, merke ich den Tänzern an, wie sie vom Adrenalin durchflutet werden. Voller Vorfreude springen sie auf und ab, dehnen sich und schlagen sich immer wieder heftig auf die Brust - bis mit "Careless Whisper" von George Michael endlich ihr Programm beginnt.

Augenblicklich spüre ich, wie sich die Stimmung im Zuschauerraum verändert. Alle Blicke sind plötzlich auf die Jungs gerichtet. Mit geschmeidigen Bewegungen tanzen sie von hinten durch die Menge bis zur Bühne. Dort explodiert die Choreografie dann zu "Maria" von Ricky Martin. Jeder Schritt sitzt, die Energie stimmt. "Wir feiern uns selbst auf der Bühne – so überträgt sich die Energie am besten auf das Publikum", erklärt mir einer der Tänzer später.

Und genau das tun sie: Sie singen mit, stacheln sich gegenseitig an, brüllen sich Dinge zu. An der intensiven Mimik der Tänzer erkennt man: Sie spüren jeden einzelnen Move der powergeladenen Choreografie. Schnell fängt ihre Haut vom Schweiß an zu glänzen. Die weißen Hemden kleben an ihren Armen. Frauen im Zuschauerraum beginnen zu kreischen. Als sich die Tänzer lasziv zu "Pony" (bekannt aus dem Film "Magic Mike") bewegen, ruft eine Frau direkt neben mir: "Ausziehen!!!". Doch das tun sie nicht. Niemals. Denn sie sind keine Stripper, sondern Profi-Tänzer – wenn auch ziemlich heiße.

Harmlose Fan-Girls oder sexuelle Belästigung?

20 Minuten später kommen die Jungs schwer atmend und nass geschwitzt von der Bühne. Augenblicklich werden sie von hingerissenen Mädels umringt. Fasziniert und auch ein bisschen amüsiert beobachte ich, wie die Tänzer stets höflich und geduldig versuchen, allen Fan-Girls gerecht zu werden. Viele möchten nur schnell ein Foto mit ihnen machen. Immer wieder müssen sie sich allerdings auch extrem anzügliche Kommentare anhören.

Völlig schockiert höre ich zum Beispiel, wie eine Dame Lukas und Oliver nach der Größe ihrer Gemächte fragt. Eine andere erklärt ihnen, sie wäre zwar so alt, dass sie ihre Mutter sein könnte – sie hätte allerdings nichts dagegen, wenn einer von ihnen ihr ein Baby machen würde. "Die schönsten Komplimente sind die, die Frauen auch am Tag danach noch zu uns sagen würden und nicht nur, wenn sie etwas getrunken haben", gesteht Oliver, als ich ihn später darauf anspreche. Vermutlich beziehen die sich dann eher auf sein tänzerisches Können und nicht auf seine Fruchtbarkeit.

Die Tanz-Crew ist wie eine Familie

13 Stunden bin ich an diesem Tag mit den Tänzern des "Gentlemen Ensembles" unterwegs. 410 Kilometer legen wir in dieser Zeit im Tourbus zurück. Hier verbringen die Jungs einen großen Teil ihrer Freizeit – viel Platz für andere Hobbys und Freunde bleibt da nicht. Ich habe allerdings auch nicht den Eindruck, dass einer von ihnen gerade lieber an einem anderen Ort wäre – inklusive mir.

So unterschiedlich und einzigartig jeder von ihnen auch ist – alle Männer scheinen sich wirklich gern zu haben. Und auch ich bekomme mittlerweile das Gefühl, zumindest ein kleines Bisschen zu ihrer Gruppe dazuzugehören. Ganz Gentlemen teilen sie ihren Proviant mit mir – versorgen mich mit Ingwerstückchen, Käsehäppchen und Schokoriegeln. Sie verraten mir ihr geniales Nudelsalat-Rezept und tragen sogar mein Equipment von Auftritt zu Auftritt.​

Simon mit Käsehäppchen.
Simon mit Käsehäppchen.
© Daria Bücheler

Es ist kurz vor 01:00 Uhr, als der letzte geschafft ist. Die erhitzen Tänzer hängen ihre klatschnass geschwitzten Hemden zwischen den Sitzen im Bus auf. Manche ziehen sich stattdessen warme Fleecejacken an, andere entspannen oben ohne und rufen Busfahrer Udo zu, dass er die Klimaanlage voll aufdrehen soll. Auf dem Navi erkenne ich: Wir brauchen nun noch gut eine Stunde zurück nach Viersen.

Ich schaue müde hinaus auf die dunkle Straße, als ich mich an etwas erinnere, dass Marvin zwischen zwei Auftritten zu mir sagte: "Daria, wenn du nochmal mitfahren möchtest – sag einfach Bescheid. Du bist immer willkommen." Ich lächele. Darauf werde ich todsicher zurückkommen.