„Wir leben nur einmal“ – Aber wie?

Gegen den Corona-Blues: Was wir von unseren liebsten Karnevalsbands lernen können

Mike Kremer, Pierre Pihl, Basti Campmann und Juri Rother haben Songs mit dem Motto "Wir leben nur einmal" geschrieben.
Mike Kremer, Pierre Pihl, Basti Campmann und Juri Rother haben Songs mit dem Motto "Wir leben nur einmal" geschrieben.
© Planschemalöör, Agenturfoto

11. Februar 2021 - 15:07 Uhr

von RTL-Reporterin Daria Bücheler

Bestimmt gibt es einige Menschen, denen es in den letzten Wochen so ging wie mir. Ich habe viele Stunden damit verbracht, traurig darüber zu sein, was alles wegen Corona nicht möglich ist. Habe vergangenen Zeiten nachgeweint, als wir noch unbeschwert zusammenstehen, singen, lachen, tanzen und verrückte Dinge erleben konnten. Und ich habe mir die Zeit "nach Corona" herbeigesehnt. Mir geschworen, wenn es soweit ist, endlich all die Dinge zu tun, die ich mir jetzt so sehr wünsche. Dann habe ich wehmütig meine Karnevals-Playlist gehört und festgestellt - jeder meiner kölschen Lieblingssongs will mir eine Lebensweisheit vermitteln: "Wir leben nur einmal!"

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Ich lebe JETZT!

Ich wurde nachdenklich und habe mich gefragt: Wieso weine ich der Vergangenheit nach, lebe in der Zukunft oder verliere mich im Ärger über Corona? Ich lebe jetzt und sollte nicht trübsinnig auf bessere Zeiten warten.

Plötzlich hatte ich das riesige Bedürfnis, mich von meinen liebsten Karnevals-Musikern inspirieren zu lassen. Denn wer solche Songtexte schreibt, der hat doch sicher einige bereichernde Gedanken zu dem Thema, oder? Ich habe mich mit den Sängern meiner drei kölschen Lieblingssongs zum digitalen Interview verabredet, und gefragt: Wie nutzen sie ihre wertvolle Lebenszeit, jetzt, während Corona?

Unser Herz schlägt drei Milliarden Mal, dann ist unsere Zeit abgelaufen

Das erste Lied in meiner Karnevalsplaylist heißt "Drei Milliarde". Es ist ein Song von der kölschen Band Miljö. Darin singt Frontmann Mike Kremer davon, dass er nicht länger abwarten möchte, sondern jetzt all das will, was das Leben zu bieten hat. Denn das Herz eines jeden Menschen schlägt – so heißt es in dem Song - durchschnittlich drei Milliarden Mal, bis wir sterben. So lange haben wir Zeit, das zu tun, was uns glücklich macht. Ich möchte von Mike wissen, wie er es gerade im Moment schafft, seine Herzschläge auszunutzen.

Es ist Samstagnachmittag, 16:30 Uhr, als ich ihn via Videotelefonie anrufe. Normalerweise hätte Mike jetzt, mitten im Februar, sicher schon seinen fünften oder sechsten Karnevals-Auftritt hinter sich. Für ihn und seine Band ist es wichtig, Konzerte spielen und im Karneval auf Hunderten Veranstaltungen auftreten zu können. Corona nimmt dem Sänger diesen wichtigen Teil seines Lebens – wesentliche Einnahmen fallen weg. Der Vater zweier Töchter hätte sicher einige Gründe, das Virus zu verfluchen und den Kopf in den Sand zu stecken, bis irgendwann vielleicht wieder Normalität herrscht.

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Redakteurin Daria im Videogespräch mit Mike Kremer.
Redakteurin Daria im Videogespräch mit Mike Kremer.
© privat

Man darf nicht immer nur darauf hinarbeiten, IRGENDWANN eine gute Zeit zu haben

Stattdessen sitzt der 35-Jährige nun in seinem heimischen Musikstudio und erklärt mir – trotz allem – recht zufrieden und entspannt, wie er die Sache sieht: "Ich glaube, viele gehen mit der Denkweise durchs Leben: Ich lebe so, dass ich irgendwann eine gute Zeit haben werde", vermutet er. Zum Beispiel mit einem Nine-to-five-Job, den man nicht leiden kann und montags schon aufs Wochenende hin fiebert oder die Rente herbeisehnt. Aber da ist viel Zeit dazwischen. Und die sollte man nicht nur "überstehen".

Genau so sei es auch mit Corona, meint Mike. Denn wer weiß, wie lange wir mit dem Virus noch Probleme haben? Deswegen will er sich nicht darüber ärgern, dass er gerade nicht auf die Bühne kann, sondern fokussiert sich auf andere Dinge, die ihm als Künstler und auch als Vater Freude bereiten und die ihn weiterbringen: "Ich bin fast jeden Tag im Studio, schreibe Songs und nehme Demos auf. Außerdem kann ich viel mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen. Der Lockdown hat uns als Familie viel enger zusammengeschweißt."

Lasst uns Sternstunden sammeln, die uns keiner nehmen kann

Zeit mit der Familie – für Bastian Campmann, dem Sänger der Band Kasalla (hier gibt's Eindrücke von einem ganz besonderen Kasalla-Konzert), sind das "Sternstunden". Wertvolle Momente, die man nie wieder vergessen wird. In dem Song "Kumm mer lävve" (Komm wir leben) heißt es, dass wir davon so viele wie möglich sammeln sollen, bevor wir sterben. Es ist der zweite Titel in meiner Karnevals-Playlist.

"Kleine Sternstunden", sagt Bastian nachdenklich, als ich an einem Montagnachmittag mit ihm via Skype telefoniere, "ich versuche sie gerade jeden Tag zu sehen. Im Moment ist ja schon alles sehr gleichförmig. Aber Sternstunden können ja auch Kleinigkeiten sein. Für mich war das zum Beispiel zuletzt, als meine Tochter eine neue Zahl gelernt hat oder als ich ihr dabei zusehen konnte, wie sie ein Bild zu Ende gemalt hat, weil die Kita zu hat und meine Frau und ich jetzt die Kita sind. Das ist anstrengend, aber auch wunderschön."

Skype-Fester in dem Basti Campmann sieht.
Basti Campmann hat den Song "Kumm mer lävve" mitgeschrieben und singt ihn als Frontmann der kölschen Band "Kasalla".
© privat

Corona führt einem vor Augen, dass man nicht ewig lebt

Diese Sternstunden kann dem 43-Jährigen niemand mehr nehmen. Egal was passiert. Dass einem sehr unerwartet die Möglichkeit genommen werden kann, weitere wertvolle Augenblicke zu sammeln, erfuhr Bastian zum ersten Mal 2007, als sein Vater völlig überraschend im Alter von 48 Jahren starb: "Ich konnte mich auch nicht verabschieden, er ist plötzlich im Garten verstorben", er schluckt kurz, als er das sagt. "Das hat mir die Endlichkeit des Lebens dann doch sehr vor Augen geführt. Das war ein Erweckungserlebnis. Seitdem versuche ich, alles etwas bewusster wahrzunehmen."

Diese Endlichkeit, so sagt er, würde ihm auch Corona vor Augen führen: "Man sieht Menschen, die leiden und schwer krank sind. Dann wird einem selbst auch wieder klarer, dass man nicht ewig lebt."

Wenn man dankbar ist, ist man empfänglicher für besondere Momente

Und deswegen versucht der Musiker, in möglichst vielen Momenten seines Lebens etwas Positives zu sehen. Das schafft er mit einer besonderen Haltung: "Ich versuche vor allem, dankbar zu sein. Dankbar für das, was man hat, dankbar für das, was man nicht erleiden muss, einfach für den Moment dankbar sein. Wenn man dankbar ist für das, was man schon hat, ist man glaube ich auch empfänglich für weitere Sternstunden. Ich weiß nicht, ob das zutrifft, aber für mich funktioniert das auf jeden Fall."

Etwas Neues ausprobieren und dadurch Energie gewinnen

Man kann sich solche besonderen Glücksmomente aber auch selbst ziemlich kreativ erarbeiten - sogar in Zeiten von Corona. Das haben die Musiker der Band Planschemalöör in den letzten Wochen bewiesen. Ihr Song "M'r levve nor einmol" (Wir leben nur einmal) ist der dritte Titel in meiner Karnevals-Playlist.

"Wir hören immer wieder Leute sagen, das letzte Jahr sei verschwendete Zeit", erzählt mir Pierre Pihl, der Gitarrist der Band, an einem Sonntagabend via Videotelefonie. "Aber das ist crazy, sowas zu sagen. Ich meine, wie ätzend wäre das denn, wenn man das Gefühl hat, ein ganzes Jahr oder gleich zwei Jahre seines Lebens verschwendet zu haben?" Der 30-Jährige lacht herausfordernd. "Als uns bewusst wurde, dass es erstmal nichts wird mit Konzerten, haben wir uns gesagt, dann machen wir eben etwas anderes."

Sie beschließen, eigene Online-Konzerte zu veranstalten. Diese streamen sie jeden Samstag live aus dem Probenkeller ihres Bandhauses ins Netz. "Dass wir uns so etwas Neues geschaffen haben, hat uns ganz schön Energie gegeben", meint Juri, der Sänger der Band. Pierre stimmt ihm zu und sagt etwas, das ich erstaunlichen finde: "Seitdem ist die Laune fast sogar besser, als vor Corona."

Ein Ausschnitt aus der digitalen Karnevalssitzung der Band "Planschemalöör".
So sieht der Konzert-Stream der Band "Planschemalöör" aus.
© YouTube/Planschemalöör

Man muss wertschätzen, mit welchen Menschen man seine Zeit verbringen darf

Trotzdem meint Pierre, dass ihm durch Corona erst vor ein paar Wochen wieder so richtig bewusst wurde, dass er nur einmal lebt und was das für ihn bedeutet:

"Ich bin eigentlich nicht so ein Familienmensch - der Sohn, der sich nicht oft bei seinen Eltern meldet. Aber als ich dieses Jahr Weihnachten mit meiner Familie verbracht habe, ist mir aufgefallen, wie schön das ist", erinnert er sich und schaut kurz nachdenklich ins Leere.

"Ich glaube, das ist mir in den letzten dreißig Jahren gar nicht so bewusst gewesen, wie dankbar ich sein muss für jeden Moment, den ich mit meiner Familie verbringen kann. Denn, wie man jetzt merkt, weiß man nicht, wie schnell diese Momente auch wieder vorbei sein können und dass man vielleicht auch längere Zeit warten muss, um seine Lieben wiedersehen zu dürfen. Das war so ein Moment, in dem ich gedacht habe: Man muss das Leben genießen und wertschätzen, mit welchen Menschen man seine Zeit verbringen darf."

Juri Rother und Pierre Pihl im Skype-Interview
Inspirierende Skype-Session mit Juri und Pierre von "Planschemalöör".
© privat

Corona hindert uns nicht daran, nach dem „Wir leben nur einmal“-Motto zu leben

Nach diesen Gesprächen mit meinen liebsten Karnevals-Musikern ist mir eins klar geworden:

Corona hindert uns nicht daran, nach dem "Wir leben nur einmal"-Motto zu leben. Im Gegenteil - die Pandemie macht uns klar, wie wertvoll Momente sind, die uns früher vielleicht banal vorkamen, dass unsere Zeit, die wir gesund auf dieser Erde sein dürfen, schneller vorbei sein kann, als man denkt und dass wir – selbst wenn uns Corona unseren Job und damit unsere Existenzgrundlage nimmt – uns auf kreative Weise neue Perspektiven erschaffen können.

Mein Herzschlag wird mich jetzt auf jeden Fall öfter daran erinnern, dass ich nicht ewig Zeit habe, die Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Und selbst ich habe es geschafft, mit diesen drei Interviews auch während Corona ein paar Sternstunden zu sammeln. Trübsinnig auf bessere Zeiten warten ist für mich auf jeden Fall keine Option mehr.

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