Jung, weiblich, rechts

Frauen in der rechtsextremen Szene: Eine unterschätzte Gefahr

01. Oktober 2020 - 18:34 Uhr

Jung und weiblich statt männlich und gewaltbereit

Bislang galten Frauen in der rechten Szene als Mitläuferinnen. Aber Experten warnen: Grundsätzlich werden auch von den Sicherheitsbehörden Frauen immer noch unterschätzt, verharmlost und zu wenig wahrgenommen. Ihr Anteil in der Szene macht zwar "nur" 16 Prozent aus, doch sie geben der rechten Ideologie ein neues Gesicht: jung und weiblich. Ein Imagewechsel, der einer klaren Strategie folgt, wie unser Video zeigt.

Frauen als Sympathieträger und Türöffner

Die rechte Szene gilt als absolute Männerdomäne. 2019 wurden laut Verfassungsschutz nur 8,4 Prozent der rechtsextremistischen Straftaten in Deutschland von Frauen begangen. Aber Experten warnen: Die Szene nutzt das Klischee der gewaltfreien freundlichen Frau zu ihrem Vorteil. Eines der bekanntesten Gesichter ist Melanie Schmitz, 24 Jahre alt, aus Halle/Saale. Die Studentin steht bei Demonstrationen der Identitären Bewegung in der ersten Reihe. Seit Juli 2019 gilt die Gruppierung beim Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextremistisch". Schmitz gibt sich auf ihren Social-Media-Profilen zum einen als taffe Kämpferin, zum anderen gibt sie die biedere Hausfrau – alles garniert mit völkischen Botschaften und Verschwörungstheorien wie dem drohenden Bevölkerungsaustausch.

Zwischen sexy Lolita und treusorgender Hausfrau

Für die Berliner Rechtsextremismus-Expertin Esther Lehnert ist das Auftreten von Frauen wie Melanie Schmitz nichts Neues: "Die rechtsextreme Ideologie wäre nicht möglich, wenn Frauen keinen Einfluss nehmen würden. Heute sind wir mit Frauen konfrontiert, die im rechtsextremen Kontext in der ersten Reihe stehen", sagt Lehnert und erklärt weiter: "Die Inszenierung von Schmitz als sexy Lolita und treusorgender Hausfrau deckt genau die Facetten ab, die im Rechtsextremismus möglich sind."

Auch Matthias Müller, Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin, beobachtet die wachsende Präsenz von Frauen bei Aufmärschen und anderen Aktionen der rechtsextremen Szene: "Besonders dort wo Bilder gemacht und Filme gedreht werden, wo die Presse anwesend ist, dort werden Frauen bewusst in den Vordergrund geschoben, um dem [Bild von Rechtsextremen] etwas entgegen zu setzen."

"Sex sells" – auch unter Rechten

Frauen werden in der rechten Szene bewusst sozial und oft auch durchaus sexy positioniert - denn "Sex sells", auch unter Rechten. Und das bleibt nicht ohne Folgen, weiß Esther Lehnert: "Es geht hierbei um das Problem der doppelten Unsichtbarkeit. Das bedeutet, dass Mädchen und Frauen seltener eine politische Meinung zugetraut wird – und wenn, dann keine rechte. Die Zuschreibung von Friedfertigkeit und Mütterlichkeit führt dazu, dass das rechtsextreme Gedankengut nicht als gefährlich eingeschätzt wird." Das könnte dazu führen, dass rechte Gruppen in der Gesellschaft noch mehr Akzeptanz bekommen. Klar ist: So harmlos die Frauen in der rechten Szene sich auch inszenieren mögen - ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen.