Frau eines IS-Terroristen packt aus: So hart ist die Realität von Dschihad-Bräuten wie Linda W.

Linda W.: "Ich will nur noch weg"

Für die Eltern von Linda W. muss es furchtbar gewesen sein, als ihre Tochter im Sommer 2016 plötzlich verschwand. Kurz zuvor war das Mädchen zum Islam konvertiert. Jetzt ist die 16-Jährige im irakischen Mossul festgenommen worden. Wie viele andere hatte sie auf ein Leben an der Seite eines IS-Kämpfers gehofft - doch das entpuppte sich als naiver Irrglaube. Erstmals haben nun IS-Bräute ihr Schweigen gebrochen und in einem Interview verraten, wie weit die Träume von Mädchen wie Linda W. von der harten Realität entfernt sind.

Statt Abenteuer-Romantik gibt es Massenabfertigung

Vor einem Jahr verschwand die Schülerin aus dem sächsischen Pulsnitz plötzlich. Offenbar hatte sie sich über das Internet radikalisiert, war zum Islam konvertiert und hatte Kontakt zu anderen Frauen im Irak aufgenommen. Dann plünderte sie ihr Konto und haute ab. Und sie ist nicht die Einzige: Aus der ganzen Welt reisen Mädchen und junge Frauen in das Kriegsgebiet. Mit einem verheerenden Traum. "Diese Idee, dass man einen Helden heiratet im Irak, der auch noch der perfekte Ehemann ist, dass man gleichzeitig auf der richtigen Seite steht und ganz tolle Abenteuer erlebt, das motiviert solche jungen Mädchen", sagt Islam-Expertin Dr. Susanne Schröder.

IS-Bräute haben nun dem US-Nachrichtensender CNN und RTL von der Ernüchterung nach der Ankunft im Nahen Osten erzählt. Sie sagen, viele Frauen würden Tausende Euro zahlen, um überhaupt ausreisen zu können. Im Gegenzug sei ihnen eine kostenlose Gesundheitsvorsorge und Bildung versprochen worden. Doch mit der Realität habe diese Fantasie nichts zu tun. Statt Abenteuer-Romantik gibt es Massenabfertigung. Die Terrorbräute würden in Schlafsälen eingepfercht, wo Streit und Geschrei an der Tagesordnung seien. "Alles, was die Männer wollen, sind Frauen und Sex", erzählt eine der Frauen 'CNN'.

"Wenn die Frauen hier ankommen, geben sie eine Art Lebenslauf ab: Wie alt sie sind, wie sie heißen, welche Charakterzüge sie haben. Und die Männer machen das gleiche", sagt die Frau eines IS-Kämpfers im exklusiven Interview mit RTL. Wenn es auf dem Papier passt, geht alles ganz schnell. "Es ist wie Dating: Du triffst dich, sprichst 15, 20 Minuten und dann gibt es entweder ein 'Ja' oder 'Nein'. Und wenn beide einverstanden sind, heiraten sie", so Saida. Viele Frauen bereuen ihre Entscheidung später. Genauso Linda W..

Linda W.: "Ich will nach Hause zu meiner Familie"

Linda W. haute 2016 aus ihrer Heimatstadt ab, um im Irak ein neues Leben zu beginnen.
Linda W. haute 2016 aus ihrer Heimatstadt ab, um im Irak ein neues Leben zu beginnen.
Rtl, RTL

Einem Reporter des Recherchenetzwerks von 'Süddeutscher Zeitung', NDR und WDR erzählte sie, dass sie nur noch nach heim wolle. "Ich will nach Hause zu meiner Familie", sagte das Mädchen in irakischer Militärhaft. "Ich will nur noch weg. Ich will weg aus dem Krieg, weg von den vielen Waffen, dem Lärm." Dem Recherchenetzwerk zufolge wurde es dem Reporter gestattet, unter strenger Aufsicht der Armee auf der Krankenstation eines Militärkomplexes in Bagdad mit Linda W. zu sprechen. Der zuständige irakische Richter stimmte demnach dem Treffen zu, weil der Reporter auch für das irakische Fernsehen arbeitet.

Dem Bericht des Recherchenetzwerks zufolge hat die 16-Jährige am linken Oberschenkel eine Schusswunde, das rechte Knie musste ebenfalls versorgt werden. "Mir geht es gut", sagte sie dem Reporter. Sie wolle kooperieren und bereue ihren Entschluss, sich dem selbsternannten Islamischen Staat angeschlossen zu haben. Vernommen wurde Linda W. dem Bericht zufolge noch nicht. Von einem Richter sei zunächst die Behandlung der Verletzungen von ihr und weiteren verhafteten Ausländerinnen angeordnet worden.

"Ich freue mich, dass sie lebt", sagte die Schwester der 16-Jährigen dem NDR, WDR und 'Süddeutscher Zeitung'. Andere betroffene Familien hätten nicht solches Glück. Sie hoffe, ihre Schwester bald wieder in Deutschland in Sicherheit zu haben, trotz Ermittlungen gegen sie. "Das steht für mich jetzt nicht an erster Stelle. Hauptsache sie lebt."

Doch ob sie überhaupt zurück nach Deutschland gebracht wird, ist unklar: Es gibt kein Auslieferungsabkommen mit dem Irak. Sollte Linda W. dort vor Gericht gestellt werden, droht ihr die Todesstrafe.

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930 Islamisten aus Deutschland ausgereist - 145 von ihnen sind tot

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dpa, Syriadeeply.org

Irakische Sicherheitskräfte hatten angegeben, bei einem Einsatz in Mossul 20 ausländische Dschihadistinnen festgenommen zu haben. Ein Offizier der irakischen Anti-Terror-Einheiten sagte, die Frauen hätten Waffen und Sprengstoffgürtel in ihrem Besitz gehabt, um die irakischen Truppen anzugreifen. Demnach arbeiteten sie für die Polizei des IS. Unter den Festgenommenen seien auch Frauen aus Russland, der Türkei, Kanada und Tschetschenien gewesen. Unklar blieb, ob die 16-Jährige zu dieser einer Gruppe gehörte.

Nach 'Spiegel'-Informationen sitzen in Bagdad vier deutsche Frauen in Haft, die sich in den vergangenen Jahren dem IS angeschlossen hatten. Sie seien in den Tagen nach der Befreiung Mossuls gefangen genommen worden. Unter ihnen sei auch die 16-Jährige aus Pulsnitz, hieß es. Sie sei an einen dschihaddistischen Kämpfer verheiratet worden.

In den vergangenen Jahren waren mehr als 930 Islamisten aus Deutschland Richtung Syrien und Irak ausgereist, um sich dort dem IS anzuschließen. 20 Prozent der bislang Ausgereisten waren nach Angaben des Verfassungsschutzes Frauen, 5 Prozent Minderjährige. Von den Unter-18-Jährigen war die Hälfte weiblich. Inzwischen sind von den ausgereisten Islamisten 145 tot - sie starben etwa bei Kämpfen oder sprengten sich bei Attentaten in die Luft.