Nachruf auf den Ex-Motorsport-Chef Max Mosley

Mit Sicherheit die Formel 1 verändert

Max Mosley beim Italien-GP 2005
Max Mosley beim Italien-GP 2005
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26. Mai 2021 - 8:03 Uhr

Umstritten, mächtig, visionär

Von Emmanuel Schneider

Die Formel-1-Welt trauert um Max Mosley. Der langjährige Boss des Weltverbandes FIA war eine der zentralen - allerdings auch umstrittenen - Figuren in der Neuzeit des Motorsports und prägte eine wichtige Ära der Königsklasse. Er setzte sich vehement für die Sicherheit der Fahrer ein und bewies mit einem unkonventionellen Vorschlag schon früh Weitsicht – der ihn aber auch den Job kostete.

FILE - Staff extinguish flames from Haas driver Romain Grosjean's car after a crash during the Formula One race in Bahrain International Circuit in Sakhir, Bahrain, in this Sunday, Nov. 29, 2020, file photo. Mercedes announced Wednesday, May 5, 2021,
Grosjean entkam dieser Flammen-Hölle
© AP, Brynn Lennon, ASC

Romain Grosjean hatte im November 2020 beim Horror-Crash in Bahrain einige Adventsschutzengel um sich. Der Franzose überlebte im Feuerball und zweigeteilten Haas-Wrack wie durch ein Wunder mit Verbrennungen und Verletzungen an der Hand. Es waren aber nicht nur Schutzengel, sondern auch die immer wieder verschärften Sicherheitsvorkehrungen der Formel 1, die den Haas-Piloten retteten.

Diese hohen Sicherheitsstandards sind Teil des wichtigen Erbes von Max Mosley. Der langjährige FIA-Boss ist am Montag im Alter von 81 Jahren an einem Krebsleiden verstorben. In seiner 16-jährigen Amtszeit drängte der Brite unermüdlich auf Verbesserungen und ein Höchstmaß an Sicherheit für die Fahrer, nicht nur in der Formel 1, sondern auch im allgemeinen Straßenverkehr.

Das Duo Mosley/Ecclestone formte die F1, wie wir sie heute kennen

 L to R: Max Mosley GBR FIA President with Bernie Ecclestone GBR F1 Supremo. French Grand Prix, Rd 10, Practice, Magny Cours, France, 2 July 2004. DIGITAL IMAGE ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY d04fra279
Sie prägten die Formel 1 und sorgten für einige Kontroversen: Max Mosley und Bernie Ecclestone (r.)
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Mosley hatte die Macht, dieses Projekt voranzutreiben. Von 1993 bis 2009 führte er die Geschicke des Weltverbandes FIA und war in dieser Position der starke Mann neben Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone. Das Duo prägte die Rennserie enorm, machte sie zum Milliarden-Business und scheute dabei wenig bis keine Konflikte. Ecclestone war im Gespann dabei oft der Dealmaker, der Verkäufer. Mosley das anwaltliche Hirn und Strippenzieher.

Der promovierte Physiker und Jurist hätte sicher auch eine steile Karriere in der Politik hinlegen können, nicht zuletzt wegen seines legendären Machtinstinkts und Intellekts. In die englische Politik verirrte sich Max Mosley aber nur kurz. Das dunkle Familienerbe war eine Last. Mosleys Vater Sir Oswald war der Gründer der faschistischen Partei Großbritanniens und ist bis heute höchst umstritten. Statt in der Politik startete Max Mosley also im Motorsport durch.

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Mosley hinter dem Steuer - Nicht nur Funktionär!

Max Mosley bei der Vorstellung des neuen March-Renners 1972
Max Mosley bei der Vorstellung des neuen March-Renners 1972 .
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Dass der Physiker auch ordentlich Benzin im Blut hatte, unterstrich er schon in den 1960er-Jahren. Mosley setzte sich selbst hinters Lenkrad, schaffte es als Fahrer aber "nur" bis in die Formel 2 und attestierte sich selbst eher weniger Talent. Nach dem Rücktritt als aktiver Fahrer gründete er kurzerhand das Formel-1-Team March. Es stand für die Namen Mosleys und seiner Freunde: Max Mosley, Alan Rees, Graham Coaker und Robin Herd. Zwei dritte Plätze in der Konstrukteurswertung erreichte das Team unter Mosley zwischen 1969 bis 1977 – beachtlich!

Dann begann die große Zeit der Verbandsämter. Erst übernahm er einen Posten bei der Teamvereinigung FOCA (Formula One Constructors' Association). Dort arbeitete er als rechtlicher Berater an der Seite von Ecclestone gegen das F1- und FISA- (damaliger Weltverband)-Establishment. Der wohl größte Erfolg: Mosley war einer der Macher und Köpfe des Concorde-Abkommens, also der "Formel-1-Verfassung", die bis heute die wichtigsten Angelegenheiten der Königsklasse zwischen FIA, Teams und FOM (F1-Management) regelt.

1991 wechselte er dann die Seite, wurde Präsident der FISA (Verband, der für das sportliche Reglement der Formel 1 verantwortlich war und lange Jahre im Clinch mit der FIA lag). 1993, als er sich nach der FISA-Auflösung gegen Jean-Marie Balestre durchsetzte, wurde er mächtiger Chef der FIA. Kumpel Ecclestone (O-Ton: Mosley wäre ein guter Premierminister für Großbritannien) hielt in der F1 die Fäden in der Hand. Das Duo ganz oben angekommen. Nun waren Ecclestone und Mosley das Establishment. Beide verband eine große Vertrautheit und Freundschaft. Die Trauer beim 90-jährigen Ecclestone ist groß. "Es ist so, als würde man ein Familienmitglied, einen Bruder verlieren", sagte Ecclestone der BBC. "Er hat viele gute Dinge getan, nicht nur im Motorsport, auch in der Branche. Er war sehr gut darin, dafür zu sorgen, dass die Leute Autos bauen, die sicher sind."

"Auf Funktionärseben wie Michael Schumacher auf der Fahrerseite"

ARCHIV - Ärzte behandeln am 01.05.1994 beim Rennen um den Großen Preis von San Marino in Imola den verunglückten brasilianischen Formel-1-Fahrer Ayrton Senna. Er war in Führung liegend zuvor mit seinem Williams-Renault in der Tamburello-Kurve von der
Ayrton Senna starb 1994 nach einem Unfall in Imola, ein Schock für die Formel-1-Welt.
© dpa, Heikki Saukkomaa

Eben das war Mosleys großer Verdienst. Katalysiert wurde diese Entwicklung durch den tiefen Schock im Jahr 1994. Nach den tödlichen Unfällen von F1-Legende Ayrton Senna und Roland Ratzenberger beim schwarzen Wochenende von Imola im Mai 1994 trieb er das Projekt Sicherheit unablässig voran. Strecken wurden angepasst, die Leistung der Autos gedrosselt, neue Reifen führten zu langsamerem Tempo in den Kurven – auch gegen Widerstände aus der F1.

Die Einführung des HANS-Systems (Head and Neck Support) für den Schutz von Hals und Nacken geht ebenfalls auf Mosley zurück. Der Motorsport-Funktionär setzte sich auch abseits der F1 für mehr Sicherheit in Autos ein. Beispielsweise bei der Entwicklung von Crashtests und dem "Euro NCAP", einem Programm zur Bewertung der Sicherheit im Auto.

"Für mich war er auf Funktionärsebene wie Michael Schumacher auf der Fahrerseite", sagte RTL-Reporter und F1-Urgestein Peter Reichert im RTL Insta-Talk "Letzte Runde" zum Schaffen Mosleys. "Die Sicherheit in der Formel 1, im Motorsport und der Autoindustrie war etwas, was ihm ganz, ganz wichtig war. Da war er wie ein Duracell-Häschen. Er hat nie aufgehört, neue Systeme zu entwickeln."

Budgetdeckel? Mosley wollte ihn schon vor Jahren

Bildnummer: 04567287  Datum: 21.06.2009  Copyright: imago/Crash Media/Peter J FoxFIA Präsident Max Mosley (England) umlagert von Fotografen und Medien - PUBLICATIONxNOTxINxUK; Vdig, quer, Funktionär, Fotograf, Sportfotograf, Medieninteresse, Medien G
Max Mosley - stets ein gefragter Mann im Paddock, erst recht nach seinem Sexvideo-Skandal
© imago sportfotodienst, imago

An Ideen und Projekten mangelte es bei dem umtriebigen Motorsport-Chef nicht. Und es hat etwas von Ironie, dass die Formel 1 nun eine Kernidee von Mosley mit deutlicher Verzögerung umgesetzt hat. Schon vor etlichen Jahren hatte Mosley den Kostendeckel für die F1-Teams gefordert (damals 45 Millionen Euro). Der Brite hatte immer wieder betont: Die F1 ist viel zu teuer. Gerade mit Blick auf die Mittelfeldteams. Seine Befürchtung: Zu wenig Wettbewerb bedroht die Formel 1 auf Dauer.

Und ausgerechnet jener Vorstoß kostete Mosley 2009 eine weitere Amtszeit. Er trat nicht mehr an. Der Streit mit den Teams um einen Kostendeckel brachte die Rennställe endgültig gegen Mosley auf. Die Teams waren außer sich, drohten gar mit einer eigenen Rennserie, wenn man so will, dem Pendant zur "Super League" im europäischen Fußball. Zwölf Jahre später ist der Budgetdeckel (145 Millionen Dollar) fester Bestandteil der Formel 1. Man könnte auch sagen: Der Visionär behielt recht.

Ein Skandal und die Folgen

Zur eindrucksvollen und bunten Lebensgeschichte von Mosley gehört allerdings auch ein unrühmlicher Skandal. Die britische Boulevardzeitung "News of the world" veröffentlichte ein Jahr vor seinem FIA-Aus (2008) ein pikantes Sexvideo, das weltweit Schlagzeilen machte. Mosley überstand die Affäre – die große Mehrheit der FIA stimmte im Misstrauensvotum für ihn. Mosley wehrte sich zudem juristisch erfolgreich gegen die Berichterstattung, die raunend von einer "Nazi-Orgie" gesprochen hatte – durch die familiäre Vorgeschichte Mosleys erregte der Skandal noch mehr Aufmerksamkeit.

Mosley hatte ein neues Projekt, für das er brannte: Der Kampf für das Recht auf Privatsphäre. Erst 2015 endete Mosleys juristische Auseinandersetzung mit dem Suchmaschinen-Giganten Google. Er wollte den Tech-Riesen zwingen, entsprechendes Video und die Bilder nicht mehr zu zeigen. "Ich habe mir gedacht, wenn ich es nicht mache, dann werden sie sich mindestens zehn Jahre weiter so benehmen und Leute bloßstellen, die sich nicht verteidigen können. Ich denke, ich habe das Richtige getan und bin sehr zufrieden damit", sagte Mosley einst in einem Interview mit der der "Deutschen Presse-Agentur".

Mosley arbeitete bis zuletzt an Film-Projekt

Anschließend zog er sich mehr und mehr ins Privatleben zurück. Schlagzeilen um Mosley hatten Seltenheitswert. Ab und an meldete er sich aber zu Wort, meist mit kritischen Tönen gegenüber der neuen F1-Führung Liberty Media.

Zuletzt wirkte er noch an einem Dokumentationsfilm über sich und sein Leben (schlichter Titel: "Mosley") mit. "Darin wird alles auf den Tisch kommen, auch das, was damals mit der 'News of the World' passiert ist und was danach geschah. Wir werden nichts beschönigen", sagte er in einem Interview zu dem Projekt. Es werde ein Film über sein Leben, "mit allen Schwächen und Stärken". Allzu kurz dürfte der Streifen daher wohl nicht geraten.

Auch wenn der "News of the world"-Skandal dort sicher wieder prominent auftauchen wird. Es sollte nicht die erste oder markanteste Erinnerung an den Ex-FIA-Boss sein.

Sondern vielmehr sein Einsatz für mehr Sicherheit im Motorsport, von der nicht zuletzt auch Romain Grosjean profitierte – oder fast jeder Autofahrer, wenn er in einen PKW steigt.