Neues Fahrer-Duo, neuer Mercedes-Motor & Unterboden-Kniff

Was McLaren-Teamchef Andreas Seidl von der neuen Saison erwartet

18. März 2021 - 23:09 Uhr

Formel 1: Verteidigt McLaren den dritten Platz?

Die Farbe Orange könnte zu einer prägenden der neuen Formel-1-Saison werden. Der britische Rennstall McLaren war ein Gewinner der Testfahrten in Bahrain und gilt als heißer Anwärter auf den begehrten Platz hinter den Platzhirschen Mercedes und Red Bull. Teamchef Andreas Seidl sieht seine Mannschaft im Kampf um den dritten Platz der WM-Wertung auf einem guten Weg. Von der reibungsfreien Integration des neuen Mercedes-Motors im MCL35M ist der 45-Jährige überrascht. Was Seidl sich nach den verheißungsvollen Testfahrten für 2021 genau vornimmt, erklärt er im exklusiven RTL-Interview.

Von Emmanuel Schneider

"Ich bin sehr happy mit dem, was wir in Bahrain erreichen konnten", bilanzierte Seidl im RTL-Interview. Ziel sei es gewesen, nach dem Winter-Wechsel auf die Mercedes Power Unit, viele Runden zu drehen und Neuzugang Daniel Ricciardo "bestmöglich zu integrieren", um auf das erste Rennen (am 28. März ebenfalls in Bahrain) vorbereitet zu sein. "Das ist uns über die drei Tage gut gelungen." Wo man in Sachen Performance genau stehe, sei aber schwierig einzuschätzen. Im vorderen Mittelfeld erwartet Seidl einen "engen und spannenden" Kampf, der sich zwischen ein, zwei, drei Zehntel abspiele. Als größte Konkurrenten sieht er Ferrari, AlphaTauri, Alpine, Aston Martin – und auch Alfa Romeo.

Ricciardo habe auf ihn "sehr fokussiert" gewirkt und einen "super Test" absolviert. Schon in der ersten Session am ersten Testtag holte der 31-Jährige die Bestzeit. Am Tag darauf war Ricciardo wieder der schnellste Mann in der Wüste. Der Australier brauche aber noch mehr Runden, um auf 100 Prozent zu kommen, fügte Seidl an. Der "Honigdachs" der Formel 1 hatte zur neuen Saison bei McLaren das Cockpit vom Carlos Sainz übernommen, der wiederum Sebastian Vettel bei Ferrari ersetzte.

Seidl sicher: Norris profitiert von Ricciardo

Um das neue Teamgefüge bei McLaren macht sich der Teamchef aber keine Sorgen. "Wir müssen sicherstellen, dass wir beiden die gleichen Möglichkeiten geben, die Sache unter sich auf der Strecke fair auszumachen. Das ist uns in den vergangenen Jahren gelungen und wird uns auch in diesem Jahr gelingen." Zudem profitiere Youngster Norris von dem neuen Stallgefährten. "Daniel ist für Lando eine super Messlatte. Er hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er mit dem richtigen Material Rennen gewinnen kann. Das hilft Lando, den nächsten Schritt zu machen", sagte er über den 21-Jährigen. "Man darf nicht vergessen, wie jung er ist. Nach allem, was ich gesehen habe, macht er diesen Schritt."

Beide Piloten durften in Bahrain auch schon richtig aufs Gas drücken. Seidl verriet, dass sowohl Norris als auch Ricciardo Quali-Simulationen gefahren sind. "Wie weit wir weg waren von Limit, darüber sprechen wir im Detail natürlich nicht", sagte er und lachte. "Es ist sehr schwierig zu lesen, wo jeder steht. Ich glaube, wir sind gut vorbereit und dass wir uns wieder in einem sehr engen Kampf befinden."

Video: Seidl - "Mit Vettel muss man kein Mitleid haben"

Die Vorteile des neuen Mercedes-Motors

Im Vergleich zu Hinterbänkler-Teams wie Haas verfügt das Seidl-Team 2021 auch über "scharfe Waffen". Der neue Papaya-Renner, der MCL35M, ist eine Weiterentwicklung des Vorjahreswagens. Die McLaren-Ingenieure hatten im Winter allerdings mehr Arbeit als viele ihrer Kollegen. Das Team tauschte den Renault-Motor mit einem Mercedes-Antrieb.

Seidl erklärt den Gedanken dahinter: "Wir haben uns ganz klar erwartet, mit dem Weltmeister-Antrieb im Heck den besten für uns verfügbaren Motor zu bekommen. Nicht nur in Bezug auf Leistung, auch auf Haltbarkeit und Packaging im Auto. Ich glaube, dass wir in den drei Themen ein Stück nach vorne sind." Das erste Fazit fällt also positiv aus, trotzdem dämpft er allzu hohe Erwartungen. "Wir dürfen nicht unterschätzen: Die Kilometer, die wir gefahren sind mit der Mercedes Power Unit, sind sehr gering. Wir gehen mit Respekt ins erste Wochenende rein."

Neuer Motor? Kein Problem

Seidl gab zu, dass er von der einwandfreien Integration des neuen Motors überrascht sei. "Es war eine Riesenaufgabe für das ganze Team mit den Kollegen von Mercedes unter schwierigen Bedingungen. Wir haben die Entwicklung komplett aus dem Homeoffice erledigen müssen. Es war super zu sehen bei den drei Testtagen, dass wir keine größeren Probleme gehabt haben."

Überrascht war die Konkurrenz hingegen vom Unterboden bei McLaren. Durch einen Kniff in der Bauweise hat sich das Team wohl einen Vorteil verschafft. Zusätzliche Finnen unterstützen die Wirkungsweise des Diffusors und wurden dorthin gesetzt, wo sie vom Reglement her nicht verboten sind. Womöglich werden einige Teams nachjustieren und die McLaren-Version kopieren.

"Es wird interessant werden, wie sich das in den nächsten Wochen darstellen wird. Ob Teams sich einen Sprung erhoffen, wenn sie die Lösung nachbauen. Es ist super zu sehen und freut mich für unser Aerodynamik-Team, dass sie diese Lösung gefunden hat."

Was also geht für das Team aus Woking? "Mit einem Podium im ersten Rennen wären wir sehr, sehr zufrieden", sagte Seidl mit Blick auf den Bahrain-Auftakt. Erhärtet sich der starke Eindruck und die Frühform von McLaren, könnte Orange sogar zum wiederkehrenden Podiums-Gast werden.

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