Interview mit Dr. Specht

Leidet Hamilton an Long Covid? "Die Beschwerden passen ins Bild"

Lewis Hamilton hat wohl immer noch mit den Folgen einer Coronaerkrankung zu kämpfen.
Lewis Hamilton hat wohl immer noch mit den Folgen einer Coronaerkrankung zu kämpfen.
© picture alliance

03. August 2021 - 7:03 Uhr

Seit Corona ist alles anders

Es war ein hartes Rennen, ein sehr hartes. Vor allem Lewis Hamilton zollte der Hitze in Budapest Tribut. Auf dem Podium erlitt der Mercedes-Pilot nach seiner Aufholjagd beim Ungarn-GP einen Schwindelanfall. Und verriet: Seit seiner Coronaerkrankung vor einigen Monaten ist alles anders. Leidet der Rekordweltmeister an Long-Covid? RTL.de sprach mit dem Arzt und Medizinjournalisten Dr. Christoph Specht über Hamilton.

Wie bewerten Sie die Aussagen von Lewis Hamilton nach dem Rennen in Ungarn?

Eines vorweg: So etwas wie Long Covid gibt es. Es gibt sehr lange Verläufe von Corona, auch wenn vorher die Symptome gar nicht so stark waren. Es wäre auch erstaunlich, wenn es so etwas nicht gäbe bei Corona. Bei Viren ist so etwas eigentlich nichts Besonderes. Das sehen wir zum Beispiel auch beim Pfeifferschen Drüsenfieber. Die Krankheit kann bei manchen Menschen ziemlich lange anhalten und danach noch solche Symptome auslösen, die sehr ähnlich sind wie bei Long Covid.

Long Covid ist zudem eine Erkrankung, die nicht genau definiert ist. Es fußt sehr auf subjektive Befunde. Das hat man auch bei Hamilton gehört, zum Beispiel Müdigkeit, Belastungseinschränkung etc. Das sind alles Sachen, die nicht so knallhart zu diagnostizieren sind wie beispielsweise ein zu hoher Blutdruck.

Eine Erkrankung oder Symptom, das derart stark auf subjektives Befinden angewiesen ist wie Long Covid, lässt sich nicht seriös in einer Zeit erforschen, in der dieses Symptom derart stark in den Medien verbreitet ist. Sie bekommen eine Verzerrung von unglaublichem Ausmaß. Dann hat plötzlich fast jeder Long Covid. Wer es wirklich aufgrund des Virus hat und wer sich ansonsten nicht gut fühlt, lässt sich fast nicht untersuchen und unterscheiden. Es gibt sehr gute Studien, die das Phänomen beschreiben. Ich kann daher nicht sagen, ob Lewis Hamilton Long Covid hat oder nicht oder ob die Symptome auf das Virus zurückzuführen sind. Dass er Symptome hat, über die er klagt, ist unstrittig. Wenn er sie hat, empfindet er es so.

Sind Schwindel und Müdigkeit denn typische Symptome von Long Covid?

Zumindest ist Schwindel unter den typischerweise geklagten Symptomen. Auch die anderen Beschwerden, von denen er berichtet, passen ins Bild.

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Die mögliche Erklärung durch Dehydrierung ist aber auch plausibel, oder?

Ja, natürlich. Er hat auch gesagt, dass er dehydriert gewesen sein könnte. Aber dass es sich anders angefühlt hätte. Die Frage ist: Wie wollen sie das unterscheiden? Dann müssten Sie eine Studie machen mit ihm, am besten mit 25 Hamiltons. Die eine Gruppe ist nur dehyhdriert und hatte kein Corona und die andere ist deyhdriert und hatte Corona. Das ist alles gar nicht machbar.

Ist es denn gefährlich, wenn er bei den beschriebenen Symptomen weiter trainiert und weiterfährt?

Wenn es bei ihm so etwas wie Long Covid sein sollte, dann wissen wir das nicht. Wenn sie mit Schwindel zum Arzt gehen, schlägt er symbolisch die Hände über dem Kopf zusammen. Nicht weil er böse ist, sondern weil es ein sehr allgemeines Symptom ist. Schwindel kann auf 1.000 Krankheiten hindeuten und ist sehr unspezifisch. Auch bei Hamilton könnte es alles Mögliche sein.

Bei Long-Covid-Verläufen weiß man zu wenig darüber, um seriöse Aussagen treffen zu können. In anderen Ländern, wo sehr viele Menschen gestorben sind, kommen sie mit Long Covid nicht weit, da geht es um andere Dinge. Dass wir uns darum kümmern können, liegt daran, dass es insgesamt gut läuft.

Ist inzwischen bekannt, ob Sportler besonders anfällig sind für langfristige Corona-Verläufe?

Das wäre mir nicht bekannt und das glaube ich auch nicht. Vielleicht fällt es bei Sportlern eher auf, weil sie öfter untersucht werden.

Fakt ist, dass Hamilton über gesundheitliche Probleme klagt. Was könnte er nun in der Sommerpause tun, um sein Wohlbefinden zu verbessern?

Die offizielle Antwort wäre, dass er gar nicht viel tun kann. Er sollte ganz normal sein Training absolvieren, soweit er sich fit genug fühlt. Natürlich sollte er bei Schwächeanfällen nicht trainieren, dass muss er bei körperlichem Training berücksichtigen.

Wenn ich sein Arzt wäre, würde ich ihm raten, sich nicht verrückt zu machen und ihm aufzeigen, dass es auch harmlose Dinge sein könnten, die nichts mit der Corona-Erkrankung zu tun haben. Dass es für ihn keinen Grund gibt, in Panik zu verfallen. Dass er nichts verpasst, wenn er es gelassen angeht. Ich würde versuchen, ihm die Angst zu nehmen und hoffen, dass es ihm dadurch schon etwas besser geht.

Bei welchen Symptomen sollten die Alarmglocken schrillen? Und welche könnten noch folgen?

Man weiß von der Myokarditis, also der Herzmuskelentzündung. Diese tritt aber schneller nach der Erkrankung auf und nicht mit so langer Verspätung. Sie ist aber nicht einfach zu diagnostizieren. Als Profisportler wird Hamilton allerdings regelmäßig durchgecheckt. Man kann keine einzelnen Symptome herausgreifen uns sagen, jetzt kommt das oder das. Long Covid ist eine schwer greifbare Geschichte. Wenn sie ein Bein gebrochen haben, haben sie ein Bein gebrochen, das sieht man und kann man knallhart diagnostizieren. Hier ist es einfach viel schwieriger.

Wie lange können die Symptome, die er beschrieben hat, anhalten?

Auch das ist sehr vage. Es gibt zwei generelle Probleme. Das Ganze gibt es noch nicht so lange, dass man wissenschaftlich solide etwas was sagen kann. Zweitens, wenn sie das Symptome untersuchen, das gerade groß in den Medien ist, bekommen sie keine seriösen Daten.

Mit Dr. Specht sprach Emmanuel Schneider

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