Mehr Zirkus-Dompteur als Teamchef

Kommentar: Der Schaden ist angerichtet - das Binotto-Aus kommt viel zu spät

F1 Grand Prix of Spain Mattia Binotto of Scuderia Ferrari looks on during previews ahead of the F1 Grand Prix of Spain. Barcelona Circuit of Catalunia Monaco Copyright: xCristianoxBarnix
Chiao Chiao! Mattia Binotto kommt seiner Entlassung zuvor und kündigt bei Ferrari.
www.imago-images.de, IMAGO/Marco Canoniero, IMAGO

Von Ludwig Degmayr

Vier Jahre Pleiten, Pech und Pannen haben ein Ende – jedenfalls dankt der Kopf der zur Comedy-Bande verkommenen Scuderia Ferrari ab. Eines hat Mattia Binotto geschafft: Er hat den erfolgreichsten Hersteller der Königsklasse wieder zum Gesprächsthema gemacht – doch nicht wegen des sportlichen Erfolges.

Beschiss rächt sich!

Vorweg: Mattia Binotto hat einen Platz in der Formel 1 verdient, denn er ist ein hervorragender Ingenieur, der als Chef der Ferrari-Motorenabteilung maßgeblich für die Titel Michael Schumachers in Rot verantwortlich war. Doch im Gegensatz zu den technischen Fähigkeiten ließen die Führungsqualitäten gelinde gesagt stark zu wünschen übrig.

Nicht alle Entscheidungen Binottos waren falsch. Die Verpflichtung von Charles Leclerc und die Trennung von Sebastian Vettel waren rückblickend richtige Schritte. Viel mehr clevere Kniffe fallen dann aber nicht mehr ein.

Stattdessen gibt es eine Chronologie des Versagens. Begonnen 2019, als Ferrari auf einmal den mit Abstand stärksten Motor hatte. Wie sich später herausstellte aber nur, weil beim Motor getrickst wurde. Dafür sanktionierte die FIA den Hersteller zwar, bei all den festgestellten „Unregelmäßigkeiten“ war die Strafe allerdings viel zu niedrig. Und trotz Beschiss reichte es nicht gegen Mercedes. Sogar Max Verstappen war in der WM vor Leclerc und Vettel. Letztlich wurden die Auflagen für die Saison 2020 zur eigentlichen Strafe für das italienische Team. Das auf Grundlage des illegalen Motors designte Fahrzeug musste mit den von der FIA verhängten Strafen (etwa weniger Benzin) an den Start gehen und versagte kläglich. Rang sechs in der Konstrukteurs-WM war die schlechteste Platzierung seit 1980!

Wie konnte Binotto überhaupt so lange seinen Job behalten?

2021 kam dann wieder ein Aufschwung, nach dem Seuchenjahr zuvor war Platz drei bei den Konstrukteuren ordentlich. Mehr aber auch nicht. Dann 2022: Zum ersten Mal in über einem Jahrzehnt hatte Ferrari das klar beste Auto im Feld. Das Resultat? Max Verstappen wird vier Rennen vor Schluss Fahrerweltmeister. Nach einem guten Saisonstart verbockt Ferrari Autoentwicklung, Strategie und Fahrermanagement total. Bezeichnend die Aussage von Binotto in der Sommerpause: „Es gibt nichts, das wir ändern müssten. Ich sehe keinen Grund, warum wir nicht die restlichen zehn Rennen alle gewinnen können.“ In der Realität gewann Ferrari keinen einzigen GP mehr. Die Versäumnisse bei der Unterstützung von Mick Schumacher wollen wir als Teil der Fehlerreihe erst gar nicht ansprechen.

Dass Binotto seinen Job überhaupt so lange halten konnte, widerspricht sämtlichen Regeln der freien Wirtschaft. Stefano Domenicali, Marco Mattiacci und Maurizio Arrivabene mussten für viel kleinere Fehlentscheidungen gehen.

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Ein gutes Beispiel dafür: Seit dem Jahr 2019 bekam die Formel 1 durch die Netflix-Serie „Drive to Survive“ einen unglaublichen Fan-Zuwachs in der ganzen Welt. Millionen Zuschauer in der U23-Kategorie interessierten sich plötzlich für einen Sport, der es lange Zeit enorm schwer hatte, junge Fans zu gewinnen. Das Problem: Die Nachwuchsfans erhielten ein historisch völlig falsches Bild der Marke Ferrari. Denn die unzähligen Malheure zwischen 2019 und 2022 stellten die Scuderia als absolute Lachnummer dar. Die großen Erfolge mit Schumacher, Lauda und Co. kennt diese Zielgruppe nicht mehr, sie erlebte, wenn überhaupt, nur die Dominanz von Mercedes.

Genau deswegen ist auch der Marketing-Schaden für die Zukunft enorm. Und da hilft es wenig, dass Binotto mit seiner Kündigung einer Entlassung zuvor kam. Der Schaden ist angerichtet. Und all diejenigen, die sich über den überraschenden Rauswurf des charismatischen Maurizio Arrivabenes ärgerten, lachen sich jetzt ins Fäustchen. Seit dieser Trennung Ende 2018 hat sich rein gar nichts nach vorne entwickelt, im Gegenteil. Und über die Aussage Binottos, er verlasse ein „geeintes Team“, kann nicht nur ein Charles Leclerc kräftig lachen.

Egal ob Frederic Vasseur (bisheriger Sauber-Teamchef) oder die ehemalige Ferrari-Legende Ross Brawn, Binottos Nachfolger wird höchstwahrscheinlich einen besseren Job machen. Doch die Latte hängt ehrlich gesagt nur knietief.