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Formel 1 in Imola: Mercedes-Teamchef Toto Wolff im Interview - "Unsere Fahrer brauchen einen Osteopathen"

Mercedes-Teamchef im exklusiven RTL-Interview

Wolff: "Unsere Fahrer brauchen einen Osteopathen"

Jeddah - 27-03-2022, Jeddah Corniche Circuit, Toto Wolff at the Formula 1 Saudi Arabian Grand Prix, Formula 1 Saudi Arabian Grand Prix PUBLICATIONxNOTxINxNED x15899010x Copyright:
Toto Wolff sieht sich 2022 mit unangenehmen Fragen konfrontiert
www.imago-images.de, IMAGO/Pro Shots

von Felix Görner und Martin Armbruster

Bei Mercedes brodelt es. Nach jahrelanger Formel-1-Dominanz fahren die Silberpfeile dieses Jahr nur noch hinterher, sind in Imola gar historisch schlecht unterwegs. Vor dem Grand Prix der Emila Romagna (Sonntag, 14 Uhr, LIVE bei RTL) erläutert Teamchef Toto Wolff im RTL-Interview das alles überlagernde Problem des Mercedes-Boliden, verrät, wie er mit der Krise umgeht – und ob er an einen „Trainerwechsel“ auf der Silber-Bank nachdenkt.

Pessimist Wolff hat "immer Hoffnung"

Welche Schulnote würden Sie Ihrem Team für den Saisonstart geben?

Man verändert seine Erwartungshaltung immer. Es ist definitiv eine 4, aber es ist auch keine 5. Wir haben als Team achtmal gewonnen, aber das zählt nicht mehr, sondern nur das Hier und Jetzt und da sind wir einfach nicht gut genug. Wir sind irgendwo im Niemandsland zwischen den vorderen Teams und dem Mittelfeld. Grundsätzlich ist keiner happy mit der Situation.

Ab wann sagt man: Der Mercedes W13 ist eine Fehlkonstruktion?

Es ist nie so schwarz und weiß, dass man sagt, das ist eindeutig eine Fehlkonstruktion oder ein Wurf. Aber es ist doch so, dass unser Auto auf dem Papier viel Downforce hat, wir das aber nicht auf die Strecke bringen. Deswegen muss man jetzt über die nächsten Rennen immer besser verstehen: Welche Entwicklungsrichtung wollen wir einschlagen.

Haben Sie noch Hoffnung?

Ich habe immer Hoffnung. Ich bin grundlegend ein Pessimist und versuche immer mit dem schlechtmöglichsten Szenario weiterzukommen. Aber das heißt nicht, dass man keine Hoffnung hat. Wir sind Zweiter in der Konstrukteurs-Meisterschaft, wenn auch mit dem Quäntchen Glück, aber man muss auch die Rennen zu Ende fahren. Deswegen ist überhaupt noch nichts verloren.

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Silber-Chef sieht keine "Sattheit"

Wie ist die Stimmung im Team – gerade, wenn man so viel Erfolg hatte?

Es ist immer schwierig. Auch die Anfangsjahre bei Mercedes waren schwierig. Wir vergessen zu schnell, dass auch 2019 ein Problemjahr war gegen den Ferrari. Jetzt ist das Problem noch größer. Wir sind definitiv nicht schnell genug, das muss man auch als Mensch aushalten und damit umgehen können, aber gleichzeitig auch all die Energie in den richtigen Weg kanalisieren, das versuche ich so gut wie möglich.

Ihr Team ist gleichgeblieben: Wie kann so ein Absturz passieren, was ist über den Winter nur geschehen?

Eine interessante Frage. Es sind die gleichen Leute, hochmotiviert, mit der gleichen Infrastruktur. Es ist nun mal passiert und wir werden in fünf Jahren zurückblicken und sagen: ‘Das war so eine wichtige Lektion, die wir da gelernt haben.’ Denn auf den ersten Blick ist es nichts, wo wir falsch gelegen haben. Es ist schlichtweg so: Wie wir dieses Auto auf die Strecke in Bahrain gebracht haben, statt eine Sekunde schneller zu fahren, wie wir das erwartet hatten, sind wir eine Sekunde langsamer gefahren. So ist es nun mal. Diese Dinge passieren. Wir werden uns wieder aus dem Schlamassel rausgraben.

War das Team zu satt?

Das kann ein ganz großes Problem sein und vielleicht mit einer der Gründe, warum viele Teams nicht jahrein, jahraus gewinnen. Es gibt wenige, die Weltmeisterschaften gewinnen und noch weniger, die Meisterschaften in Serie gewinnen, und noch einmal weniger, die das öfters schaffen. Mit unseren acht Titeln – ohne, dass ich mich darauf ausruhen möchte – haben wir diesen Level schon sehr weit gepusht. Aber: Als Menschen müssen wir schon auf uns schauen und fragen, ob wir eine gewisse Sattheit haben. Ich sehe das nicht. Trotzdem müssen wir auf der Hut sein. Gibt es irgendjemanden, der nicht das gleiche Energielevel hat, nicht mehr die gleiche Motivation, nicht mehr den gleichen Spaß an der Arbeit? Diese Fragen stelle ich gnadenlos.

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Mercedes schenkt 2022 noch nicht ab

Das Bouncing auf den Geraden ist beim Mercedes ein großes Problem. Gibt es dafür eine Lösung?

Ja. Es ist teilweise schon so, dass die Fahrer einen Osteopathen brauchen, um alles wieder richtig zu ordnen. Wir glauben, dass wir der Lösung aerodynamisch näher kommen. Aber man kann dieses Bouncing im Windkanal nicht replizieren. Wir werden das Problem definitiv lösen, aber das geht einfach nicht von einem Tag auf den anderen.

Gibt es Schuldzuweisungen im Team für diese Hoppelei?

Überhaupt nicht. Das hat es in unserem Team nie gegeben. Was es gibt, ist „Tough Love“, wir greifen massiv mit den Finger rein, wo es wehtut. Wir analysieren auch gnadenlos, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Aber wir sind alle in der gleichen Situation: die Chassis-Leute, die Motoren-Leute, die Fahrer, auch Marketing und Kommunikation gehören dazu. Nur wenn wir alle einen richtig guten Job machen, wird das Endergebnis gut sein und nur darum geht’s und deswegen ziehen wir alle am gleichen Strang.

Wie kommt man da jetzt schnell raus aus dem Tal?

Wunder gibt es nicht. Es wird Ausreißer nach oben und es wird Ausreißer nach unten geben, aber am Ende des Tages sind wir momentan dritte Kraft. Die anderen werden Performance aufs Auto bringen, so auch wir. Aber das grundlegende Problem ist, dass unser Auto springt und die Temperaturen nicht in den Reifen kriegt. Das müssen wir analysieren und nur, wenn wir das schaffen, werden wir auch den Anschluss an die anderen finden.

Ist es schon zu früh, das Jahr abzuschenken?

Ja absolut, viel zu früh. Wenn man einmal rein mathematisch rechnet, muss man sagen, uns fehlen fünf oder sieben oder acht Zehntel auf die Vorderen. Kann man das aufholen? Normalerweise nicht, aber wir haben dieses eine Thema, das uns über all die Rennen begleitet hat, das ist das Bouncing und das macht einfach alles viel schlechter.

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Wolff hinterfragt sich als "allererster"

Auch Lewis Hamilton ist erfolgsverwöhnt, ein genialer, aber auch sensibler Fahrer. Kommt bei ihm schon der Frust durch?

Wir sind alle Menschen. Ich glaube, es geht nicht um erfolgsverwöhnt oder nicht, sondern darum, so gut es geht zu performen und unsere eigene Erwartungshaltung zu erfüllen und momentan tun wir das alle nicht. Auch er nicht. Deswegen haben wir Druck im System, aber in einem Ausmaß, dass es auch schon wieder Spaß macht, jetzt dieses Ruder herumzureißen. Das werden wir tun.

Noch einmal zum Fahrzeugkonzept, es geht ja auch schon um nächstes Jahr. Wann kommt der Punkt, an dem Sie sagen: Wir müssen jetzt in eine andere Richtung gehen?

Es gibt überhaupt keine heiligen Kühe. Wenn wir der Meinung sind, damit kommen wir auf keinen grünen Zweig – und diese Entscheidung wird in den nächsten Monaten fallen -, dann muss man irgendwann sagen: Wo ziehen wir die Grundlinie ein? Zurück, wo hatten wir ein Auto, das funktioniert hat und warum hat es funktioniert? Und dann werden wir von dort weiterentwickeln und versuchen, diese Probleme zu lösen.

Wie ist die Situation für Sie persönlich? Sie werden nun ständig mit unangenehmen Fragen konfrontiert.

Macht mir überhaupt nichts aus, es war zu erwarten. Es war zu erwarten, dass nach so vielen Jahren der Tag kommt, an dem diese Fragen auftauchen werden. Man wird hinaufgeschrieben, man wird hinuntergeschrieben. Die „Trainerfrage“ wird nicht lange auf sich warten lassen. Aber überhaupt kein Problem, dazu sind meine Schultern breit genug. Ich bin Miteigentümer dieses Teams, gehe also nirgends hin. Man muss auch die Kritik einstecken.

Wäre das ein Schritt, dass sie sagen: Okay, ich bin Eigentümer, wechsle aber den Trainer, den Teamchef?

Man muss sich als allererster immer selbst infrage stellen. Was wir vorhin diskutiert hatten: Motivation, Energielevel, ist der Spaß noch da, das habe ich für mich alles positiv beantwortet. Wenn es eines Tages einmal nicht mehr so wäre, würde ich mir das als allererster eingestehen und den Stock an jemanden übergeben, der schneller läuft. Mir macht es Spaß, mir macht der Turnaround Spaß. Jetzt schauen wir mal, ob uns der gelingt.

Wie optimistisch sind Sie?

Ich bin nie optimistisch, ich bin immer pessimistisch …

Aber dann wird es doch nicht besser ...

Na ja, selbst der schlechtmöglichste Fall, so wie ich ihn jetzt einschätze, wird uns über die Dauer dann doch wieder zum Erfolg bringen (lacht).