"Bullen"-Berater Marko im Exklusiv-Interview

Windkanal-Strafe gegen Red Bull: "Wir können uns keine Flops leisten"

MEXICO CITY, MEXICO - OCTOBER 28: Red Bull Racing Team Consultant Dr Helmut Marko walks in the Paddock prior to practice ahead of the F1 Grand Prix of Mexico at Autodromo Hermanos Rodriguez on October 28, 2022 in Mexico City, Mexico. (Photo by Mark T
Helmut Marko ist optimistisch, dass Red Bull die Strafe für seinen Budget-Verstoß kompensiert

von Martin Armbruster

Sieben Millionen Dollar zahlen, zehn Prozent weniger Zeit im Windkanal: Wie hart trifft Red Bull die Strafe für das Überschreiten der Budgetgrenze wirklich? Eine Frage, über die in der Formel 1 trefflich gestritten wird. Helmut Marko findet die Strafe des Weltverbandes FIA „drakonisch“, ist aber optimistisch, dass der Rennstall die Folgen kompensieren wird. Im RTL/ntv-Interview erläutert der Österreicher, wie es zum Bruch der Finanzregeln durch Red Bull kam und was die Strafe für das Team bedeutet. Einen Seitenhieb gegen Mercedes kann sich der Österreicher nicht verkneifen.

Bei Red Bull muss jetzt "jeder Schuss sitzen"

„Sieben Millionen Dollar ist sehr, sehr viel Geld. Zum Glück sind wir von den Sponsor-Einnahmen so aufgestellt, dass wir das aus diesem Topf erledigen können“, hakte Marko die Strafzahlung schnell ab. Schwerwiegender sei die Kürzung der Testzeit im Windkanal, „die ja, wenn man Erster in der Konstrukteurs-Meisterschaft ist, sowieso schon reduziert ist im Vergleich mit dem Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten“, so der 79-Jährige.

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Für die Entwicklung des neuen Autos bedeute das, „in der Praxis, dass jeder Windkanal-Versuch erfolgreich sein muss, wir können uns keine Flops leisten, jeder Schuss muss sitzen. Aufgrund der Stärke und Tiefe unserer Mitarbeiter in der Aerodynamik glaube ich, dass wir das schaffen können.“ Design-Guru Adrian Newey sei für Red Bull außerdem „ein zusätzlicher Bonus, der zum Glück mit einer solchen Strafe nicht weggeschafft werden kann“, sagte Marko.

Marko gibt Steiner recht

Red Bull hatte 2021 die Budgetgrenze von 148,6 Millionen Dollar um rund 2,15 Millionen Dollar überschritten. Nahezu alle Formel-1-Teams, vorneweg Mercedes, Ferrari und McLaren, empfinden die Strafe für Red Bull als zu lasch.

Haas-Teamchef Günther Steiner monierte im Gespräch mit RTL/ntv, dass auch die Reduzierung der Aerodynamik-Testzeit Red Bull nicht wirklich treffe. Der Rennstall könne das im Windtunnel gesparte Geld in anderen Bereiche investieren, so der Südtiroler.

„Ich muss Steiner recht geben“, sagte Marko mit einem Schmunzeln: „Natürlich werden wir uns auf andere Sachen spezialisieren, zum Beispiel das Gewicht, wir sind ja heuer teilweise mit relativ viel Übergewicht an den Start gegangen. Wir werden also schauen, dass wir ein Auto am Gewichtslimit bringen, man kann an den mechanischen Komponenten arbeiten. Also, man verlagert halt das, was man im Windkanal nicht erreichen kann, auf andere Bereiche.“ Insgesamt habe Red Bull ein sehr gutes Paket. „Wir hoffen, dass wir mit der Breite des technischen Teams wieder ein siegfähiges Auto werden hinstellen können.“

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Komplexes Finanz-Regelwerk

Die Budgetgrenze in der Formel 1 gilt seit der Vorsaison. Red Bull ist das erste Team, dass den Kostendeckel gesprengt hat und dafür bestraft wurde.

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Marko wies darauf hin, wie komplex das 52-seitige Finanzreglement der Formel 1 sei. Es gebe „immens viele Ausnahmen“, was unter die Budgetgrenze falle und was nicht. „Da sind 17 bis 20 Punkte, wo man in der Interpretation aus derzeitiger Sicht mehrere Möglichkeiten hat.“ Red Bull habe die Grenze letztlich aufgrund von „Interpretationsfehlern“ überschritten, sagte Marko. „Wir dachten, wir sind mit 3,4 Millionen im sicheren Bereich, war aber nicht der Fall.“

Deshalb überschritt Red Bull die Kostengrenze

Marko nannte Beispiele für das Überschreiten der Kostengrenze. „Wir hatten eine Mitarbeiterin, die eine Operation am offenen Herzen hatte. Wir haben die Kosten – ungefähr in Höhe von einer Million Pfund – nicht im Budget berücksichtigt, weil sie ja nicht gearbeitet hat.“ Die Auslegung sei aber so: „Wenn sie gestorben wäre, hätten die Kosten nicht berücksichtigt werden müssen, aber da sie im Krankenstand war, obwohl sie nicht gearbeitet hat, muss das berücksichtigt werden.“

Ebenso hätten die FIA-Buchprüfer die Versetzung eines von der Konkurrenz abgeworbenen, hochrangigen Aerodynamik-Mitarbeiters in eine andere Abteilung „nicht anerkannt“. Unterschiedliche Auffassungen habe es auch beim Thema Catering gegeben.

Spitze gegen Mercedes

Die FIA habe in ihrem Bericht bestätigt, „dass bei uns nie Betrugs- oder Schwindelabsicht im Hintergrund war“, betonte Marko. Hätte Red Bull eine Steuervergünstigung geltend gemacht, „wären wir 460.000 Dollar drüber gewesen“.

Angesichts dieser Summe könne man Red Bulls Verstoß als Kavaliersdelikt sehen, so Marko. „Aber dadurch, dass das Cost Cap erstmals zur Anwendung gekommen ist, hat man hier diese drakonische Strafe verhängt, natürlich auch auf Druck der anderen Teams. Es sind ja im Vorfeld Informationen herausgegangen, die wir nicht hatten, die eigentlich nur ein Team hatte. Da ist natürlich auch viel Politik drin“, grantelte Marko in Richtung Mercedes.

Anzeige: Red Bull stellt Buchhalter ein

Red Bull also das Opfer einer Mercedes-Kampagne? „Es ist eigenartig: Eine Mitarbeiterin von Mercedes ist zur FIA gewechselt, hat bei Mercedes diese Unterlagen für das Cost Cap bearbeitet und war dann bei der FIA für die Überprüfung zuständig“, kritisierte Marko: „Da ist unserer Ansicht nach sicher ein Compliance-Verstoß oder zumindest ein Hinweis auf Compliance-Verletzungen gegeben. Das Ganze macht keinen guten Eindruck.“

Immerhin: Marko rechnet damit, dass die Finanzregeln von der FIA „nachgeschärft“ werden. „Ich bin überzeugt, dass das in den nächsten Jahren viel klarer über die Bühne gehen wird.“

Red Bull rüstet sich dennoch. „Wir stellen mehr Buchhalter an, um hier die nötige Sicherheit zu haben.“