RTL.de-Polit-Kolumne von Franca Lehfeldt

„Everything is political“: Diese Fußball-EM ist so politisch wie nie

Francas Flurfunk - die politische Kolumne von Franca Lehfeldt für RTL.de
Francas Flurfunk - die politische Kolumne von Franca Lehfeldt für RTL.de
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18. Juni 2021 - 15:04 Uhr

Liebe RTL-Gemeinde,

die Fußball-Europameisterschaft ist in vollem Gang. Und ähnlich wie die Hitzewelle, die über dem Land liegt, spaltet das Event die Nation. Während die einen es lieben und zelebrieren, ermüden und ignorieren die anderen.

Dem Sommer muss man an dieser Stelle zugutehalten, er hat die deutsche Seele nicht annähernd so stark strapaziert wie die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. 2014 das Sommermärchen! Erinnern Sie sich noch an dieses Gefühl? Plötzlich waren "wir alle" Weltmeister und rückten gesellschaftlich so eng zusammen, wie zuletzt bei der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 – so bewerten es Historiker. Im Sommer 2021 ist die Lage eine andere: Die Euphorie ist verflogen, das Wir-Gefühl verglimmt. Es war nicht nur die Corona-Pandemie, die einen gesellschaftlichen Mindestabstand von 1,5 Meter definiert und die Endorphine auf Sparflamme gedreht hat. Es war auch die Entfremdung gegenüber der Nationalmannschaft, verursacht durch eine gewisse Überheblichkeit gepaart mit ausbleibenden Erfolgen.

Jenseits des Spielstands ereignen sich die eigentlichen Sprechthemen dieser EM

An dieser Stelle könnte man Team "Schwarz-Rot-Gold-Tröte" und Team "Interessiert mich nicht" getrennte Wege gehen lassen. Doch das Gegenteil tritt ein. Jenseits des Spielstands ereignen sich die eigentlichen Sprechthemen dieser EM: Englands Nationalmannschaft kniet vor dem Anpfiff nieder, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Die Geste spaltet die Fans des Vereinigten Königreichs.

Beim ersten Spiel des deutschen Teams sticht die Regenbogen-Kapitänsbinde am Arm von Manuel Neuer den Kommentatoren und Fans ins Auge. Der Nationaltorwart setzt ein Zeichen für Vielfalt und Toleranz.

Ein Zeichen setzt wenige Stunden später auch Weltfußballer Cristiano Ronaldo, als er kurzerhand die zwei Coca-Cola Flaschen vor sich zur Seite schiebt und sich betont für Wasser entscheidet. Dass ein Top-Sportler keine Zucker-Brause in sich reinkippt, konnte man ahnen, doch diese überdeutliche Ablehnung führt zur Brüskierung eines Hauptsponsors der EM auf offener Bühne. Jedes Schulkind, das auf dem Pausenhof oder dem Bolzplatz kickt und von seinem großen Vorbild träumt, hat in diesem Moment verstanden: Coca-Cola ist ungesund, trinkt Wasser.

Schock-Moment: Gleitschirmflieger segelt ins Stadion

Der Eindruck, dass dieser EM-Auftakt hochpolitisch ist, manifestiert sich spätestens in den Schreck-Minuten, als ein Greenpeace-Gleitflieger im Rahmen seiner Protestaktion in die Münchner Allianz-Arena segelt. Unkontrolliert kracht er in einen Zuschauerrang, zwei Menschen werden schwerverletzt. Ab jetzt diskutiert man in Deutschland über die Gemeinnützigkeit der Organisation. Die Wiedervereinigung der beiden Lager ereignet sich in der gesellschaftlich breit geführten Debatte über Öko-Protest. Während die Umweltaktivisten stets den Schutz "des guten Motivs" für sich verbuchten und Protest für Umwelt- und Klimaschutz legitimierten, verwandelt sich an diesem Abend das Prädikat gemeinnützig in gemeingefährlich. Die Europameisterschaft als Plattform zu missbrauchen, schadet dem Protest als solchem: Aktivisten, die Menschenleben gefährden, treten ganz offensichtlich nicht für das Gute ein. Die Glaubwürdigkeit und das gesellschaftliche Verständnis schwinden. Gleichzeitig bietet diese Aktion den Nährboden für Nachahmer außerhalb des Öko-Spektrums.

Und nicht zuletzt ist es eine Respektlosigkeit gegenüber denjenigen, die sich über Wochen und Monate auf dieses Sportevent vorbereitet haben. Nach der dritten Corona-Welle war schließlich lange unklar, ob die EM mit Publikum in den Stadien stattfinden kann. Zahlreiche Köpfe haben an Hygienekonzepten und deren präziser Umsetzung gefeilt. Mit dem Virus hat sich an diesem Abend wohl niemand infiziert – es kam schlimmer.

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Spahns Stadion-Posting kommt nicht bei allen gut an

Ganz Deutschland spricht spätestens jetzt über den EM-Auftakt, auch im politischen Berlin verfolgt man die Eigentore von Hummels und Greenpeace. Dass die Bundeskanzlerin am Abend der Niederlage gegen Frankreich etwas enttäuscht und verstimmt gewesen sein dürfte, liegt auf der Hand – ihre Liebe zum Fußball ist kein Geheimnis. Stellt sich die Frage, ob sie das Spiel im Kanzleramt nebenbei verfolgt hat oder auf der heimischen Couch. Auf der VIP-Tribüne in der Allianz-Arena saß Merkel jedenfalls nicht. Vor Ort zeigten sich der bayerische Landesvater Markus Söder und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Als Spahn nach dem Spiel ein Foto des Stadions auf seiner Instagram Seite teilte, aufgenommen aus der Perspektive der oberen Reihen, war auch das politisch. Der Bundesgesundheitsminister, der sich seit Monaten in Masken- und Testaffären windet, wöchentlich in der Bundespressekonferenz Versprechen ausgibt oder die Nation zur Vorsicht mahnt, thront an diesem Abend über allen anderen. Der Betrachter fragt sich, warum Spahn nicht einfach zwischen anderen Fans in der Kurve Platz genommen hat. Sozusagen, um das Hygienekonzept auf Herz und Nieren zu testen. Der Satz unter seinem Post aus der Promi-Loge – "Es tut gut, wieder ein Stück Normalität zu erleben …" – kommt bei seinen eigenen Abonnenten jedenfalls nur durchwachsen an.

Müsste man dieser EM eine Überschrift verpassen, könnte sie lauten: "Everything is political" – alles ist politisch.

Für die Partie am Samstag gegen Portugal wünsche ich allen ein schattiges Plätzchen, ein eisgekühltes Getränk und starke Nerven!

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