Ex-Justiziarin spricht von "Kampagne" und fordert 50.000 Euro Schmerzensgeld

Erzbistum Köln kündigt Mitarbeiterin, weil sie Bürostuhl im Corona-Lockdown mit nach Hause nahm

Kardinal Rainer Maria Woelki
Kardinal Rainer Maria Woelki
© dpa, Oliver Berg, cd tba

06. September 2021 - 11:13 Uhr

Gütetermin vor dem Arbeitsgericht geplatzt

Der Ärger für den Kölner Kardinal Woelki reißt nicht ab: Seine ehemalige Justiziarin klagt gegen ihre Kündigung und verlangt zusätzlich mindestens 50.000 Euro Schmerzensgeld. Der Gütertermin vor dem Arbeitsgericht Köln scheiterte, die angestrebte einvernehmliche Einigung zwischen den Parteien wurde nicht erzielt. Bei der Verhandlung wurde bekannt, dass der Frau gekündigt worden war, weil sie zu Beginn der Corona-Pandemie einen Bürostuhl mit nach Hause genommen hatte.

Anwalt: "Absurdester Kündigungsgrund, den ich je gehört habe"

17.03.2021, Nordrhein-Westfalen, Köln: Die Plastik des Künstlers Jacques Tilly mit dem Slogan «11 Jahre schonungslose Aufarbeitung der Missbrauchsfälle!» steht vor dem Kölner Dom. Verschiedene Initiativen, die sich mit der Aufarbeitung des sexuellen
Protest gegen die katholische Kirche vor dem Kölner Dom
© dpa, Oliver Berg, obe lop

Für ihren Anwalt Stephan Vielmeier "der absurdeste Kündigungsgrund, den ich in meiner Laufbahn je gehört habe." Er sagte, dass es sich um einen speziellen, rückenschonenden Bürostuhl gehandelt habe, den sie mit ins Homeoffice genommen habe.

Der Anwalt des Erzbistums, Wolfgang Glöckner hielt dem entgegen: "Es ist ein Gegenstand von durchaus erheblichem Wert, der hier mitgenommen worden ist." Das könne man nicht machen, schon mal gar nicht "klammheimlich". Die Aktion sei "illegal" gewesen. "Es gibt keinen einzigen Bürostuhl, der in Corona-Zeiten mit nach Hause genommen werden durfte", so Glöckner. Für die Justiziarin gebe es da keine Ausnahme. Zudem habe sie sich kurz danach krankgemeldet. "Sie hat den Stuhl nicht fürs Home-Office verwendet."

Ex-Justiziarin: Posttraumatische Belastungsstörung wegen Missbrauchsakten der Kirche

Nach Angaben ihres Anwalts leidet die Justiziarin an einer posttraumatische Belastungsstörung. Sie habe jahrelang die Akten zu den Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch durch Priester des Erzbistums durcharbeiten müssen. Die Details seien schockierend und extrem belastend gewesen. Vielmeier sprach von einer "Kampagne" des Erzbistums gegen seine Mandantin.

Die Juristin klagt gegen die Kündigung und verlangt zusätzlich mindestens 50.000 Euro Schmerzensgeld. "Auch das Erzbistum Köln steht nicht über dem Gesetz", sagte ihr Anwalt. Der Gütetermin am Freitag brachte jedoch keine Annäherung zwischen den Parteien. Nun will das Gericht möglicherweise am 18. Januar kommenden Jahres in der Sache entscheiden.

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Erzbistum Köln steckt in tiefer Krise

Beobachter gehen davon aus, dass der Streit tiefere Ursachen hat als einen mitgenommenen Bürostuhl. Die Justiziarin ist nicht die einzige leitende Mitarbeiterin, von der sich Woelki in letzter Zeit getrennt hat. Das Erzbistum steckt in einer Krise, seit sich der Kardinal im vergangenen Jahr entschieden hatte, ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Missbrauchsvorwürfen nicht zu veröffentlichen.

Er führte dafür rechtliche Gründe an. Stattdessen gab er ein neues Gutachten in Auftrag. Diese Entscheidung führte zu einer Welle von Kirchenaustritten - und auch zu teils großer Verbitterung innerhalb der Bistumsverwaltung.

Im Juni hatten zwei Bevollmächtigte des Papstes die Situation in Köln untersucht und Franziskus anschließend einen Bericht vorgelegt. Seine Reaktion steht bis heute aus. (dpa, uvo)