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Emetophobie: Panische Angst vor dem Erbrechen – Frau (32) lebt mit seltener Phobie

„Wird nie weggehen“

Panische Angst vor dem Erbrechen! Junge Mutter (32) lebt mit seltener Phobie

Viola Heinrich
Viola Heinrich (32) lebt mit der Erkrankung Emetophobie.
Privat

von Madeline Jäger

Niemand erbricht sich gerne und vor dem Gedanken daran ekeln sich viele Menschen. Doch bei Phobikern, die unter der Krankheit Emetophobie leiden, ist die Abscheu vor dem Erbrechen besonders ausgeprägt. Viola Heinrich aus Burg im Spreewald leidet seit ihrer Kindheit unter der permanenten Angst vor dem Erbrechen. Was bedeutet diese Krankheit für den Alltag der Mutter von zwei Kindern? Im RTL-Gespräch will die 32-jährige Außenstehende für die noch sehr unbekannte Angststörung sensibilisieren.

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Angst vor dem Erbrechen: „Habe Panik-Gefühle, verkrampfe mich und werde ohnmächtig“

Erst vor neun Jahren wurde die Krankheit Emetophobie bei Viola Heinrich diagnostiziert. Die Angststörung spielt sich im Kopf ab, doch die Symptome wirken sich immer wieder auch stark körperlich aus. „Immer wenn ich glaube, dass ich selbst erbrechen muss, oder eine andere Person, habe ich diese Panik-Gefühle! Ich verkrampfe mich, habe einen hohen Puls und bin auch schon im Badezimmer ohnmächtig geworden, oder lege mich einfach auf den Boden, bis die Attacke vorbei ist“, schildert Heinrich.

Oft bleibe ihr nichts anderes übrig als zu warten, bis die Attacke vorbei ist. Die Phobie sei durch ihre Kinder verstärkt worden. „Wenn man weiß, dass man schwanger ist, freut man sich eigentlich total! Ich habe mich auch gefreut, doch bei mir war sofort auch der Gedanke da: Oh Gott, muss ich in der Schwangerschaft jetzt erbrechen? Diese Angst ist allgegenwärtig“, so Heinrich.

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Emetophobie: „Schaue mir im Zug erst einmal an, ob mein Gegenüber gesund aussieht“

Deutlich zeigt sich die Erkrankung auch, wenn ihren Kindern schlecht ist und sie zum Beispiel über Bauchschmerzen klagen. „Ich habe dann hohen Puls und panische Angst, dass es zum Erbrechen kommt. Mein Mann muss sich dann kümmern“, so die 32-Jährige im Gespräch mit RTL. Wenn sich jemand neben ihr erbricht, könne sie absolut nichts unternehmen, außer hilflos danebenstehen. „Wie ein kleines Kind“, schildert die Betroffene.

Ähnlich wie bei Hypochondern habe sie auch im öffentlichen Raum Angst, sich mit Krankheiten anzustecken, die ein Erbrechen auslösen können. „Im Zug schaue ich mir erst einmal an, ob mein Gegenüber gesund aussieht. Nur dann setze ich mich dorthin“, so die 32-Jährige.

Viola Heinrich
Emetophobie-Patientin Viola Heinrich (32) hat zwei Kinder. Oft wird sie im Alltag von ihrer Krankheit ausgebremst, doch sie kämpft gegen ihre Krankheit an.
Privat
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Emetophobie: Sitzplatz im Restaurant neben den Toiletten, keine Konzert-Besuche möglich

Bereits vor dem Antritt länger geplanter Zugfahrten ist die Mutter aufgewühlt und macht sich Gedanken, ob sich ein Kind auf der Fahrt übergeben könnte. Auch durch ihren Job als Steuerfachangestellte sei sie häufig in Kontakt mit anderen Menschen. Hier kreisen immer wieder ihre Gedanken um die Frage: Könnte sich hier jemand erbrechen?

Dabei sei sie nach langjähriger psychologischer Behandlung schon wieder auf einem guten Weg. „Früher wollte ich im Restaurant immer einen Platz neben den Toiletten, falls ich Erbrechen muss. An Konzerte oder Großveranstaltungen war nicht zu denken“, beschreibt Heinrich. Das alles sei mittlerweile aber wieder möglich.

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Anhaltende Übelkeit nach Missbrauchserlebnis in Kindheit: Auslöser für Angst vor dem Erbrechen?

Die Therapie habe ihr sehr dabei geholfen. Auch den möglichen Auslöser ihrer Krankheit habe sie innerhalb ihrer Therapie aufgearbeitet. Als 12-Jährige habe sie ein Missbrauchserlebnis gehabt. Danach sei ihr permanent übel gewesen. Zum Missbrauch sei es durch einen Bekannten aus dem Umfeld ihrer Eltern gekommen.

„Plötzlich wog ich mit 13 nur noch 29 Kilo und meine Eltern bemerkten ganz deutlich, dass etwas nicht stimmt“, schildert Heinrich. Endlich sei sie dann mit der Sprache herausgerückt. Dann folgte eine Strafanzeige gegen den Mann und für sie selbst ein sechswöchiger Aufenthalt in einer Klinik.

Im Laufe der Zeit hat sie gelernt, mit ihrer Krankheit umzugehen. Was ihr hilft, sei viel Ablenkung und zum Beispiel Musik hören. „Die Krankheit wird nie weggehen, man muss lernen, damit zu leben“, befürchtet Heinrich. Verletzend findet die Mutter vor allem, wenn Außenstehende komplettes Unverständnis äußern, weil die Krankheit so unbekannt ist. „Mich trifft vor allem, wenn ich gefragt werde, wieso ich dann überhaupt Kinder bekommen habe“, betont Heinrich. Denn nichts sei ihr wichtiger als ihre Familie.

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Michael Stefan Metzner
Dr. Michael Stefan Metzner ist psychologischer Psychotherapeut und hat ein Buch über die Krankheit geschrieben: „Mein Köpfchen sagt: „Ich muss erbrechen!“ Mit Achtsamkeit aus der Emetophobie." Ein Leitfaden für Betroffene und Therapeuten.
Michael Stefan Metzner

Emetophobie-Experte: Kommt nicht so selten vor – eine Person von 1.000 leidet darunter

Dabei steht die 32-Jährige mit ihrer Erkrankung ganz und gar nicht allein da. Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Dr. Michael Metzner ist an der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee tätig und einschlägiger Experte auf dem Gebiet der Emetophobie. Er weiß, wie häufig die Angststörung vorkommt. Nur werde sie oft zum Beispiel mit Essstörungen (vor allem Magersucht), sozialer Phobie, einer Zwangsstörung oder Hypochondrie verwechselt und daher nicht immer richtig diagnostiziert. Die Dunkelziffer sei daher hoch. „Bei Emetophobie handelt es sich um eine spezifische Phobie mit weitreichenden Folgen in praktisch allen Lebensbereichen. Die Häufigkeit liegt bei 0,1 Prozent, also eine Person von 1.000 leidet darunter. Patienten erleben eine extreme Entgleisung der Angst, wenn sie mit dem eigenen oder fremden Erbrechen konfrontiert werden“, erklärt Metzner. Oft würde sich die Störung schon bei Kindern im zehnten Lebensjahr erstmals zeigen. Doch was sind typische Auslöser?

Ihre Erfahrung ist uns wichtig: Haben Sie schon einmal von Emetophobie gehört?

Emetophobie-Experte: Traumatische Erlebnisse in Kindheit können Auslöser für Phobie sein

Doch was sind typische Auslöser? „Oft kommt zu einer erhöhten Ängstlichkeit und der Tendenz, psychische Zustände wie Gefühle mit starken Körperreaktionen – zum Beispiel Bauchschmerzen oder Übelkeit - zu erleben, ein konkretes, traumatisch verarbeitetes Erlebnis hinzu. Das kann eine schwere Magen-Darm-Infektion gewesen sein, oder sich als Kind in der Schule erbrochen zu haben und verspottet worden zu sein. Möglicherweise hatten Betroffene auch ein Elternteil, das sich wegen einer Chemo-Therapie häufig erbrechen musste und haben dadurch die Angststörung entwickelt“, beschreibt Metzner. Bei einigen Patienten sei das Vermeidungsverhalten sehr ausgeprägt, zum Beispiel würden viele Nahrungsmittel gemieden, Reisen (mit dem Schiff), Feierlichkeiten, auf denen getrunken wird, und teilweise sogar das Gründen einer Familie aufgrund der befürchteten Schwangerschaftsübelkeit. Doch insgesamt seien die Heilungsaussichten wie bei allen Angststörungen trotzdem gut.

„Eine gewisse Ängstlichkeit mag vielleicht bleiben, aber mit einer fachgerechten Therapie, die die schrittweise Konfrontation mit den Angstauslösern sowie den Transfer des Gelernten in den Alltag umfasst, können enorme Erfolge erzielt werden“, so der Psychotherapeut. Dabei sei auch Aufklärung wichtig. „Als ich 2019 ein Fachbuch über die Therapie dieser Krankheit geschrieben habe, gab es erst ein weiteres Buch darüber, ferner eine recht überschaubare Menge an Studien“, so der Experte. Das sagt einiges aus. Umso wichtiger sei es, öfter über die Krankheit zu sprechen und damit auch für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu sorgen.