Drei Jahre Bürgerkrieg: Syrien steht vor einer "totalen Katastrophe"

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7. Januar 2015 - 12:53 Uhr

Größtes Flüchtlingsdrama der Welt

Rund 146.000 Menschen sind seit Beginn des Syrien-Krieges vor drei Jahren gestorben. Rund neun Millionen Syrer sind auf der Flucht - die Hälfte von ihnen Kinder. Die UN warnt vor einer "totalen Katastrophe". Ein Ende des Blutvergießens in Syrien ist nicht in Sicht.

Mit neun Millionen Vertriebenen hat der Bürgerkrieg in Syrien das derzeit größte Flüchtlingsdrama der Welt verursacht. Drei Jahre nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs schlagen die humanitären Helfer Alarm: Die Welt müsse mehr tun, um den Krieg zu beenden. "Dass sich eine derartige humanitäre Katastrophe vor unseren Augen abspielt, ohne dass es nennenswerte Fortschritte bei Versuchen gibt, das Blutvergießen zu stoppen, ist unglaublich", sagte der UN-Flüchtlingskommissar António Guterres.

Die Zahlen sind schockierend: Seit dem Ausbruch des Konflikts flohen nach UN-Angaben mehr als 2,5 Millionen Syrer ins Ausland. Weitere 6,5 Millionen seien zu Vertriebenen im eigenen Land geworden. Insgesamt seien das bereits mehr als 40 Prozent der Bevölkerung Syriens, heißt es in einer Erklärung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Mindestens die Hälfte der Vertriebenen sind demnach Kinder.

Doch hinter diesen Zahlen stehen Schicksale: Hunger, Tod, Vertreibung, Elend. Nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International' wurden - und werden - im syrischen Bürgerkrieg gezielt Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. "Hundertausende Leben sind verlorengegangen oder wurden zerstört. Und jeden Tag werden Hunderte weitere Menschen getötet", warnte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Die Öffentlichkeit bekommt davon meist nur wenig mit.

In der Stadt Yarmouk nahe der syrischen Haupstadt Damaskus sollen Menschen von Regierungstruppen systematisch ausgehungert werden: Mindestens 128 Opfer habe es alleine hier gegeben, heißt es in dem Bericht von 'Amnesty International'. Die lebensnotwendige Versorgung mit Nahrung und Arznei sei abgeschnitten worden. "Das Leben in Yarmouk ist zunehmend untragbar geworden für die verzweifelten Zivilisten, die hungern und in einer Abwärtsspirale des Leidens gefangen sind, ohne Möglichkeit zur Flucht", sagte Philip Luther, Direktor des Amnesty-Programmes für den Nahen Osten und Nordafrika. "Zivilisten werden wie Schachfiguren benutzt in einem tödlichen Spiel, über das sie selbst keine Kontrolle haben", so Luther weiter.

Immer wieder werden in Syrien auch zivile Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäuser oder Moscheen bombardiert. "Eine dicht bevölkerte Gegend anzugreifen, wo die Zivilisten keine Möglichkeit zur Flucht haben, zeigt eine rücksichtslose Haltung und eine kaltschnäuzige Missachtung der grundlegendsten Prinzipien internationaler Menschenrechte", betont Philip Luther.

Zwei Millionen Kinder brauchen psychologische Hilfe

Vor allem die medizinische Versorgung in Syrien ist katastrophal. In einem Bericht, den die internationale Hilfsorganisation 'Save the Children' veröffentlichte, heißt es, in einigen Fällen seien Patienten in Krankenhäusern mit Metallstangen vor Operationen bewusstlos geschlagen worden, weil die Ärzte keine Narkosemittel hatten. Mediziner amputierten Kindern Gliedmaßen, weil ihnen die medizinische Ausrüstung für die Behandlung schwerer Verletzungen fehle. Neugeborene stürben in Brutkästen aufgrund von Stromausfällen.

In der umkämpften Großstadt Aleppo, wo für die Gesundheitsversorgung rund 2.500 Ärzte benötigt würden, praktizieren derzeit nur noch 36 Ärzte. Diese Situation habe dazu geführt, dass verzweifelte Eltern ihren Kindern zum Teil selbst im Krankenhaus Infusionen verabreichten. "Oft sind die medizinischen Maßnahmen, zu denen das Gesundheitspersonal greifen muss, um Kinderleben zu retten, reine Verzweiflungstaten", berichtete Kathrin Wieland, Geschäftsführerin von 'Save the Children Deutschland'. Impfungen finden dem Bericht zufolge kaum oder gar nicht mehr statt. Ein alarmierendes Zeichen sei der Wiederausbruch von lebensbedrohlichen Krankheiten wie Masern oder Polio.

Kinder leiden besonders unter den Folgen des Bürgerkriegs. Rund zwei Millionen Kinder benötigen psychologische Hilfe, so die Einschätzung von Experten der Organisation 'Unicef'. "Für die Kinder in Syrien waren die vergangenen drei Jahre die längsten ihres Lebens", sagte der Direktor des UN-Kinderhilfswerkes, Anthony Lake. Nach seinen Worten sind eine Million Kinder von der Versorgung abgeschnitten oder nur sehr schwer zu erreichen. Etwa drei Millionen seien Schulkinder, die nicht zur Schule gehen könnten. Kaum leichter sei die Situation der Kinder in den Flüchtlingslagern. Jedes zehnte arbeite und jedes fünfte syrische Mädchen in Jordanien werde in eine frühe Ehe gezwungen. Als Kinder gelten für die Unicef alle Jungen und Mädchen unter 18.

Auslöser des Bürgerkriegs war ein zunächst friedlicher Protest im Zuge des Arabischen Frühling Anfang 2011. Das ursprüngliche Ziel der Opposition, das Land zu demokratisieren, rückte aber zunehmend in den Hintergrund. Die Proteste weiteten sich zu einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad und den Kämpfern verschiedener Oppositionsgruppen aus. Inzwischen stehen religiöse- und ethnisch-motivierte Konflikte im Fokus.