Nicht nur reiner Trotz

Die Stimme ist schuld! Warum Jugendliche nicht mehr auf ihre Mütter hören

Die Stimme der Mutter wird bei Teenagern anders verarbeitet.
Die Stimme der Mutter wird bei Teenagern anders verarbeitet.
© Machine Headz

09. Mai 2022 - 23:11 Uhr

Viele Eltern kennen das Problem: Wenn die Kinder mitten in der Pubertät stecken, kann jeder Tag und vor allem jede Unterhaltung eine echte Herausforderung sein. Es wird diskutiert und die Eltern haben das Gefühl, bei den Teenagern auf taube Ohren zu stoßen. Genau das ist jetzt aber nicht mehr nur ein Gefühl, sondern eine Tatsache. Eine Studie von Forschern der Standford-University in Kalifornien zeigt, dass sich die Reaktion von Jugendlichen auf bestimmte Stimmen in der Pubertät ändert und sie somit auch der mütterlichen Stimme immer weniger Aufmerksamkeit schenken.

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Jüngere Kinder zeigen erhöhte Aktivität bei mütterlicher Stimme

Bereits im Jahr 2016 untersuchte ein Forschungsteam um Daniel Abrams, was im Gehirn von Kindern passiert, wenn sie die Stimme ihrer Mütter hören. Das Ergebnis: Mit funktionellen Magnetresonanztomografien (fMRI) stellten die Wissenschaftler fest, dass bei Kindern unter 12 Jahren sowohl die Belohnungszentren als auch die Emotionsverarbeitungszentren im Gehirn aktiv sind, wenn sie die Stimme ihrer Mutter hörten. Das bedeutet, dass jüngere Kinder in diesen Gehirnsystemen eine erhöhte Aktivität für die Stimme der Mutter aufweisen.

Jetzt hat das Team erneut eine Studie zu diesem Thema herausgebracht. Dabei verglichen die Forscher die sechs Jahre alten Daten mit aktuellen Magnetresonanztomografien von Teenagern im Alter von 13 bis 16,5 Jahren. Dabei zeigten die Jungendlichen eine erhöhte Aktivität für nicht-familiäre Menschen im Vergleich zur Stimme der Mutter. "Die Ergebnisse zeigen eine entscheidende Rolle für Belohnungs- und sozialwertige Gehirnsysteme bei den ausgeprägten Veränderungen in der Orientierung von Jugendlichen auf nicht-familiäre soziale Ziele", schreiben die Wissenschaftler im Journal of Neuroscience.

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Bei den aktuellen Tests sollten die Mütter Unsinn reden

Bei den aktuellen Tests wurden Tonaufnahmen der Mütter gemacht, die Fantasiewörter aufsagten. Damit wollten die Wissenschaftler sichergehen, dass die Teilnehmer der Studie nicht vom Inhalt der Wörter abgelenkt werden, sondern sich rein auf die Stimme fokussieren. Hierbei zeigten die Gehirnscans der Teilnehmer im Gegensatz zu der Stimme eines Fremden, der oder die dasselbe sagte, sogar weniger Aktivierung in den Belohnungszentren des Gehirns. Dasselbe galt für den ventromedialen präfrontalen Cortex, den Teil des Gehirns, der dabei hilft, festzustellen, welche sozialen Informationen am wertvollsten sind.

"So wie ein Kleinkind weiß, wie es sich auf die Stimme seiner Mutter einstellt, weiß ein Heranwachsender, sich auf neuartige Stimmen einzustellen", erklärt Psychiater und Studienautor Daniel Abrams.

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Die Veränderungen im Gehirn tragen zu einer gesunden sozialen Entwicklung bei

Je älter die Teenager waren, desto stärker reagierten die zerebralen Zentren auf unbekannte Stimmen und desto geringer war die Aktivität in diesen Gehirnarealen angesichts der Stimme der Mutter. Der Zusammenhang ging sogar so weit, dass Forscher anhand der Gehirnscans das Alter der Teenager vorhersagen konnten.

"Wenn Teenager zu rebellieren scheinen, indem sie ihren Eltern nicht zuhören, dann liegt das daran, dass sie dazu veranlagt sind, Stimmen außerhalb ihres Hauses mehr Aufmerksamkeit zu schenken", so Neurowissenschaftler Vinod Menon von der Stanford University.

Das ist sinnvoll, da die Jugendlichen durch die Entwicklung im Gehirn dazu in der Lage sind, soziale Kontakte außerhalb der Familie aufzubauen. Vielleicht haben Eltern durch diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse jetzt mehr Verständnis und nehmen es nicht gleich persönlich, wenn die Kids nicht hören wollen.

Die Auswirkungen der väterlichen Stimmen auf das kindliche Gehirn wurde übrigens nicht untersucht. (kko)