Die Angst vor dem nächsten Tag

Es kann jeden treffen: Vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen
Es kann jeden treffen: Vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen

28. Juni 2018 - 16:42 Uhr

Depressionen - die Volkskrankheit die jeden treffen kann

"Es geht immer nur um das blöde Geld. Wir arbeiten, um uns dann in Rente zu begeben und zu sterben. Zwischendrin ein paar halbherzige Kontakte, ein bisschen Party und wenn ich raus gehe dann sehe ich diese fröhlichen Menschen. Manchmal denke ich, dass das doch auch alles nur Fassade ist und es eigentlich jedem schlecht gehen muss auf dieser Welt. Alles ist so unglaublich kalt. Wie hält man es hier nur aus?"

Dies ist nur ein Beitrag von vielen im größten deutschen Online-Forum zum Thema Depressionen. Mehr als 12.000 Nutzer haben seit 2001 auf der Plattform ihre Gefühle und Ängste formuliert. Mit der Anmeldung haben sie schon einen großen Schritt getan. Sie haben erkannt, dass sie zu den geschätzten vier Millionen Betroffenen gehören, die an der Krankheit Depression leiden. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt nach Aussage der 'Stiftung Deutsche Depressionshilfe' ein Mal im Leben an einer Depression. Von einer Randerscheinung kann also nicht die Rede sein.

Die Depression ist eine schwere, manchmal lebensbedrohliche Krankheit, die sich jedoch behandeln lässt. Doch nur jeder zweite Betroffene bekommt vom Arzt die klare Diagnose. Symptome sind unter anderem Müdigkeit, innere Unruhen, verminderte Konzentrationsfähigkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, geringes Selbstvertrauen und Gedanken an Selbstmord. Dazu kommen aber oft auch Begleitkrankheiten. Chronische Krankheiten, wie Diabetes oder Herzkrankheiten können durch Depressionen verstärkt werden. Nur wenige Ärzte erkennen sofort die wahre Ursache für die körperlichen Beschwerden.

Häufig tritt die Krankheit nach einschneidenden Ereignissen im Leben auf, die Veränderungen im Leben des Betroffenen zur Folge haben. Das können aber auch positive Geschehnisse sein, wie ein bestandener Abschluss oder ein neues Jobangebot. Schicksalsschläge können Depressionen auslösen und verschlimmern. Auch Stress im Job wird häufig mit Depressionen in Verbindung gebracht. Tatsächlich fanden Forscher im Blut von Depressiven einen erhöhten Stresshormon-Spiegel. Oft fällt bei chronischer Erschöpfung die Diagnose 'Burn-out'. Dahinter verbirgt sich nicht selten eine Depression.

Promi-Outings helfen Betroffenen

Die Angst vor dem Versagen prägt diese Krankheitsbilder. Inzwischen 'outen' sich immer mehr Prominente, unter Depressionen und 'Burn-out' zu leiden. "Ich war vor einiger Zeit definitiv in der Situation, dass ich morgens keinen Sinn mehr darin sah aufzustehen, weil ich ohne Hoffnung war", sagte die Sängerin Natasha Bedingfield im Interview mit der 'Hamburger Morgenpost'. Die 29-Jährige führte dies auf den Leistungsdruck in der Branche zurück. "Als Künstler hast du positives Feedback, aber eben auch viel negatives", fügte sie hinzu. Ihr Ehemann habe ihr geholfen den Weg aus den Depressionen zu finden.

Andere Prominente ließen sich professionell helfen. Anfang des Jahres ging Hollywood-Schauspielerin Catherine Zeta-Jones freiwillig in eine psychiatrische Anstalt, um sich gegen ihre Depressionen behandeln zu lassen. Auslöser war auch bei ihr ein Schicksalsschlag. Ihr Mann Michael Douglas war 2010 an Kehlkopfkrebs erkrankt. Zudem machte sie sich erhebliche Sorgen um Douglas Sohn Cameron, der wegen Drogenhandels zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Das war zu viel für Zeta-Jones. Sogar der Komiker Jim Carrey erklärte im 'Spiegel'-Interview, unter Depressionen zu leiden.

"Wenn sich Prominente 'outen' kann das durchaus positiv von anderen Betroffenen aufgenommen werden", urteilt die Geschäftführerin der 'Stiftung Deutsche Depressionshilfe' Christine Rummel-Kluge. "Es zeigt, dass es jeden treffen kann und das kann Betroffenen Mut machen."

Ein Outing am Arbeitsplatz sollte trotzdem gut überlegt sein, weiß die Expertin. Daraus könnten Nachteile entstehen, denn immer noch gebe es Arbeitgeber, die dann an der Leistungsfähigkeit zweifeln würden. Das Bild in der Öffentlichkeit hätte sich jedoch schon gebessert. Laut einer Umfrage im Auftrag des WDR würden 35 Prozent der Deutschen einem Menschen mit Depressionen kein Zimmer vermieten.

Eine Enttabuisierung und mehr Verständnis in der Öffentlichkeit wünschen sich auch die Nutzer des Online-Forums der 'Stiftung Deutsche Depressionshilfe'. "Es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Prominente outen würden. Die Außenwelt würde diese Krankheit dann vielleicht besser verstehen und mit uns Kranken besser umgehen", schreibt Günther ins Forum. Die Nutzerin mit dem Decknamen 'Antilope' sieht das durchaus kritischer: "Bei Prominenten ist es doch 'voll chic', sein weiches Herz zu zeigen. Geht man kurz in eine Klinik (geht ja alles ganz schnell, muss nicht um einen Platz kämpfen), schwafelt dann von innerer Besinnung, Neuausrichtung, aber lebt immer noch den Prominentenstatus."

Selbst wenn sich das Bild von der Volkskrankheit Depression in der Öffentlichkeit wandelt und durch das 'Outing' von Prominenten zum Thema wird, sind lange Wartezeiten auf Therapieplätze immer noch Realität. Institutionen arbeiten daran, Missstände aufzuzeigen und Hausärzte, Multiplikatoren und Betroffene zu schulen.

Von Christine Siefer