Das haben Eltern schon hinter sich, wenn sie morgens zur Arbeit kommen

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9. März 2018 - 11:41 Uhr

Lieber kinderloser Kollege...

Neulich gegen 9.30 Uhr an der Kaffeemaschine im Büro. Kurze Begrüßung, Smalltalk und dann dieser eine Satz von dir, lieber kinderloser Kollege: "Boah, es war schon wieder so stressig heute Morgen..." Oje, du Armer. Echt? Ich habe verständnisvoll mit dem Kopf genickt, ein paar aufbauende Worte hinterhergeschickt und bin wieder an meinen Arbeitsplatz gegangen. Aber eigentlich wollte ich dir Folgendes sagen.

Von Sebastian Priggemeier

Wenn wir über Stress reden, dann muss auch das hier mal gesagt werden

Wann bist du heute aufgestanden? Um 7 Uhr? Da war ich schon seit anderthalb Stunden auf den Beinen. Wie jeden Tag. Während du dich nochmal im Bett herumgedreht hast, habe ich Tränen getrocknet, Eisprinzessin gespielt, einen kleinen Hintern abgewischt - und dem Kind, zu dem der Hintern gehört, Lektionen fürs Leben erteilt. Ach ja, und ich habe meine Tochter Lene (3) sauber, satt und pünktlich zur Kita gebracht. Alles vor 9 Uhr. Vor der Arbeit. Klar, das ist keine Heldentat - genau das machen zigtausend andere Eltern auch. An jedem Werktag. Ich will keinen Orden dafür, schließlich bin ich freiwillig Papa. Und gerne. Aber wenn wir über Stress reden, dann muss auch das hier mal gesagt werden.

Vorhin saß ich in der U-Bahn und habe mich gefragt, was jetzt eigentlich noch kommen kann? Gut, der komplette Arbeitstag lag noch vor mir, aber mehr Gefühls-Achterbahn geht im Prinzip nicht. Oder warst du morgens schon mal so gefrustet, dass du jemanden angeschrien hast? Mir passiert das leider manchmal seit ich Vater bin, darauf bin ich absolut nicht stolz. Aber mal eben das Kind zur Kita bringen und dann munter ab ins Büro? So locker ist das nicht. Ganz und gar nicht.

Kleinkinder haben noch keine Vorstellung von Zeit

Eine uralte asiatische Weisheit besagt: "Wenn du es eilig hast, gehe langsam." Der Spruch könnte von meiner Tochter sein. Kleinkinder haben noch keine Vorstellung von Zeit. Sie wissen nicht, was eine Minute ist oder eine Stunde oder Gestern oder Heute - oder ein Termin. Eigentlich beneidenswert. Wenn genau das nicht dauernd mit unserer durchgetimten, abgehetzten Erwachsenenwelt kollidieren würde. Und was machst du dann? Nein, Argumente ziehen nicht. Druck auch nicht, der bewirkt genau das Gegenteil.

Manchmal ist es einfach nur abstrus. Beispiel gefällig? "Lene, wir müssen um 9 Uhr beim Morgenkreis in der Kita sein." Kind, am Boden kauernd: "Ich will einen Regenbogen-Hasen malen, Papa!" Blick auf die Uhr. Jetzt, um 8.25 Uhr? Klar. Lass dich nicht stören. Zwischendurch selbst schnell anziehen, Zähne putzen. Fünf Minuten später, nächster Versuch. "Lene? Leneee?!" Ich will das Kind anziehen, aber das Kind will Verstecken spielen. "Du siehst einen nackten Pooooo", flötet es. Äh ja, stimmt - direkt hinter dem Sofa. Und der Po sollte eigentlich längst in drei Hosen stecken: Unterhose, Strumpfhose, Jeans... Papa will nicht spielen, die Stimmung kippt. "Du bist ein Blödmann. Blödmann, Blödmann, Blödmann!" Alles klar, anziehen jetzt. Der Blödmann holt schon mal die Klamotten. Seitenblick in den Spiegel: toll, ein Pickel. Keine Zeit, mich darüber zu ärgern.

Ich schleppe mich zur Bahnstation, brauche Kaffee, nein Espresso, am besten gleich intravenös

8.44 Uhr: Abmarsch zur Kita. Auf halbem Weg fällt mir auf, dass ich meine Zugangskarte für die Arbeit zuhause vergessen habe. Shit. 8.52 Uhr, endlich angekommen. Wieder Tränen. Lene klammert sich an mich wie ein Bärenbaby. Sie will nicht, dass ich gehe. So ein Blödmann bin ich wohl doch nicht. "Sorry, ich möchte dich ja auch nicht alleine lassen, aber ich muss jetzt echt zur Arbeit." Das tut weh. Handkuss, Tschüss...

8.59 Uhr: Raus aus der Kita. Ich schleppe mich zur Bahnstation, brauche Kaffee, nein Espresso, am besten gleich intravenös. Endlich Ruhe, ich stehe in der Bahn, mein Magen knurrt, die Nase läuft. Gleich acht Stunden Gas geben im Büro. Und bloß nichts anmerken lassen. Schließlich gibt es auch Menschen, die mehrere Kinder haben oder alleinerziehend sind und diesen Wahnsinn jeden Tag durchstehen. Nichts für ungut, aber das musste mal raus, lieber Kollege.