Covid-19-Studie der Uni Mainz

Hohe Dunkelziffer: 42 Prozent der Corona-Infizierten wissen nichts von ihrer Infektion

Hohe Dunkelziffer: 42 Prozent der Corona-Infizierten wissen nichts von ihrer Infektion
Hohe Dunkelziffer: 42 Prozent der Corona-Infizierten wissen nichts von ihrer Infektion
© dpa, Robert Michael, ert nic

08. Juli 2021 - 10:38 Uhr

Forscher untersuchen Covid-19 seit Monaten an tausenden Menschen

Wie viele Menschen in Deutschland haben sich wirklich mit dem Coronavirus angesteckt? Sind Kinder wirklich maßgebliche Pandemie-Treiber? Und: Wie wirksam sind eigentlich die Regeln, an die wir uns seit Monaten halten? Das haben Forscher der Uni-Medizin in Mainz in einer großen Studie untersucht.

Der Chef der Klinischen Epidemiologie in Mainz, Philipp Wild, hat die Gutenberg-Covid-19-Studie mitgeleitet und nun bei einer Pressekonferenz die ersten Ergebnisse vorgestellt.

Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie auf einen Blick zusammengefasst.

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Über 40 Prozent der Infizierten wissen nicht, dass sie das Virus in sich tragen

Wohl eines der wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie: Beim Coronavirus gibt es eine hohe Dunkelziffer. Es haben sich vermutlich knapp doppelt so viele Menschen in Deutschland mit dem Virus infiziert als bisher bekannt. 42,2 Prozent der Infizierten wussten laut der Studie nichts von ihrer Infektion. Das bedeutet: Zu zehn Personen, die wissen, dass sie mit dem Coronavirus infiziert sind, kommen statistisch gesehen acht hinzu, die nichts von ihrer Infektion wissen.

Bei den unwissentlichen Infektionen gab es zudem laut Studie deutliche Geschlechtsunterschiede: Frauen wussten demnach eher von ihrer Corona-Infektion als Männer. Auch ältere Menschen infizierten sich häufiger ohne ihr Wissen als jüngere.

Kinder nicht maßgeblich Pandemie-Treiber?

Laut der Studie sind Kinder nicht maßgebliche Infektionsquelle. Man habe 2.200 Personen aus Familien mit Kindern untersucht. Mit Kindern zusammenzuleben, erhöht demnach nicht das Risiko für eine Corona-Infektion. Allerdings: Kinder selbst wurden bei der Studie nicht untersucht. Demnach gibt es auch keine Informationen darüber, wie sich das Virus unter ihnen weiterverbreitet.

Die Forscher fanden heraus, dass eher die Gesamtzahl der Personen im Haushalt entscheidend ist - je mehr es sind und je enger die Menschen zusammenleben, desto höher das Risiko. Der Anteil einer Sars-CoV-2-Infektion in Haushalten mit vier oder mehr Menschen war demnach um etwa 30 Prozent höher als der in Zwei-Personen-Haushalten.

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Kinder sind laut der Forscher nicht maßgeblich als Pandemie-Treiber zu sehen.
© dpa, Gregor Fischer, fis tba

Ärmere Menschen häufiger infiziert - obwohl sie sich teils besser an AHA-Regeln halten

Beengte Wohnverhältnisse sind laut der Studie auch der Grund dafür, dass sich Menschen mit niedrigem soziökonomischen Status, also mit niedrigerem Einkommen, niedrigerem Bildungsgrad und schlechter Wohnverhältnisse, bis zu 60 Prozent häufiger mit dem Coronavirus infiziert haben.

Das Vorurteil, dass Menschen mit geringerem soziökonomischen Status sich schlechter an AHA-Regeln gehalten hätten, sehen die Forscher in ihrer Studie nicht bestätigt. "Nach unseren Daten ist sogar das Gegenteil der Fall." Sie würden sich öfter die Hände waschen und die Abstände einhalten. Die schlechteren Wohn-, Lebens- und Arbeitsverhältnisse trügen zu diesem höheren Infektionsrisiko bei, nicht das Verhalten der Menschen, so die Forscher.

Forscher: Politik muss gezielt bestimmte Bevölkerungsgruppen ansprechen

Je höher der Status eines Menschen, desto eher sei dieser beispielsweise auch bereit, sich gegen Corona impfen zu lassen. Dementsprechend sei die Impfquote auch unter Menschen mit hohem sozioökonomischen Status höher.

Wild sieht hier die Politik in der Verantwortung, dem gezielt entgegenzuwirken. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte kürzlich gefordert, "mit den Impfungen auf die Straße" zu gehen. Dort erreiche man Menschen, die zwar impfbereit seien, sich jedoch aus eigenem Antrieb noch nicht um einen Termin gekümmert hätten.

Wie wirksam sind AHA-Regeln und Homeoffice-Pflicht?

Eine weitere große Frage, der in der Studie nachgegangen wurde: Wie viel bringen die Regeln, an die wir uns seit Monaten halten? Darauf gibt es laut Epidemiologe Wild eine deutliche Antwort:

  • Vor allem Abstand halten bringe mehr, als zunächst gedacht. "Ich kann mein Risiko auf die Hälfte reduzieren, wenn ich Abstand einhalte."
  • Das ordnungsgemäße Tragen einer Maske sorge demnach für knapp um ein Drittel verringertes Risiko, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren.
  • Auch das Homeoffice habe eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus gespielt, so Wild, allerdings nicht so viel wie das Einhalten der anderen AHA-Regeln.

Seit Mai lassen sich wieder weniger Menschen testen

Eine große Rolle im Kampf gegen das Coronavirus spielte laut der Studie in den vergangenen Monaten auch die breit verfügbaren Testangebote. Jüngere Menschen ließen sich demnach häufiger testen als ältere Menschen. Das liege einerseits an der höheren Impfquote unter den Älteren, allerdings auch daran, dass jüngere Menschen eher am gesellschaftlichen Leben teilnähmen als ältere, so Wild.

Seit Ende Mai sehe man jedoch, dass sich wieder weniger Menschen testen ließen. "Dem sollte entgegengewirkt werden. So kann die Kontrolle über das Infektionsgeschehen deutlich verbessert werden", so der Forscher.

Über 10.000 Personen waren an der Studie beteiligt

Seit Oktober 2020 untersuchen Forscher der Gutenberg-Universität in Mainz die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Bevölkerung. In der Studie werden nicht nur die direkten Auswirkungen einer möglichen SARS-CoV-2-Infektion und COVID-19-Erkrankung untersucht, sondern darüber hinaus umfassend die Auswirkungen der Pandemie und der Maßnahmen zu deren Bekämpfung auf die Gesundheit der Bevölkerung, heißt es zur Erklärung auf der Webseite zur Studie.

Über 10.000 Personen im Alter von 25-88 Jahren sind an der Studie beteiligt. Sie wurden wöchentlich über eine App zu verschiedenen Themen rund um die Corona-Pandemie befragt und außerdem alle vier Monate ausführlicher befragt. Die Studie soll noch bis März 2022 laufen. Die meisten der Teilnehmer sind bereits seit Jahren auch an der großangelegten Gutenberg-Gesundheitsstudie beteiligt, die seit 2007 an der Universität in Mainz durchgeführt wird und zu den größten Gesundheitsstudien der Welt zählt. (vdö)