Mit Reality-Check: Haben sich die Vermutungen bewahrheitet?

„Corona geht gerade erst los!“ Der erfolgreichste Youtube-Clip des Jahres

Mai Thi Nguyen-Kim spricht in einem Youtube-Video über die Corona-Krise
Mai Thi Nguyen-Kim spricht in einem Youtube-Video über die Corona-Krise
© picture alliance

05. Dezember 2020 - 9:11 Uhr

Wie kann die Corona-Krise enden?

Schon als das Video von Youtuberin "maiLab" alias Mai Thi Nguyen-Kim am 2. April hochgeladen wurde, hat es sich rasend schnell auf Platz 1 der Youtube-Trends hochgespielt. Inzwischen ist klar: Das 22-minütige Video ist in Deutschland der meistgeklickte Youtube-Clip des Jahres. Sie haben es verpasst? Darum geht's: Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin, bekannt auch als Moderatorin der Wissenschaftssendung Quarks, wirft einen Blick auf die Corona-Krise und stellt die Frage, die uns alle beschäftigt: Wie lange wird dieser Zustand noch weitergehen und wann ist die Pandemie beendet? Aber inwiefern haben sich ihre Theorien von April bis jetzt bewahrheitet?

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Bitte beachten: Das Video ist von Anfang April!

In ihrem Video und damit noch recht zu Beginn der einschränkenden Maßnahmen stellt Mai die Frage, wie lange wir noch mit dem Coronavirus zu tun haben werden. "Als Antwort hört man momentan vor allem: Das ist noch zu früh zu sagen. Erstmal abwarten, wie effektiv unsere Maßnahmen sein werden. Schauen wir mal, dann sehen wir ja", kreidet sie zu Beginn des 22-minütigen Videos an. Sie war sich aber sicher: Über ein paar Dinge könne - und sollte - man zu dem damaligen Zeitpunkt schon sprechen.

Hier könnt ihr euch das Youtube-Video in voller Länge ansehen.

Coronavirus: Wann ist die Pandemie zu Ende?

Zum MaiLab-Video im April: Eine Pandemie, wie die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus, ist erfahrungsgemäß dann zu Ende, wenn Herdenimmunität herrscht. Dazu müssen sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren, genesen und infolgedessen immun sein. Laut der Daten zu dem Zeitpunkt, an dem Mai das Video aufgenommen hat (1. April), gab es in Deutschland rund 73.000 bestätigte Fälle. (Die aktuellen Zahlen in Deutschland gibt es hier.) Geht man von einer Dunkelziffer aus, die etwa zehnmal so hoch ist, rechnete die Chemikerin mit 730.000 Erkrankten. 60 bis 70 Prozent der deutschen Bevölkerung wären jedoch 48 bis 56 Millionen Menschen - wir sind also noch sehr, sehr weit weg, auch nur annähernd in einen Bereich der Herdenimmunität zu kommen.

Dezember-Reality-Check: Inzwischen haben sich in Deutschland über 1,13 Millionen Menschen nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert. Auch wenn die Zahlen derzeit rasant steigen oder zumindest auf einem hohen Plateau verharren, sind das gerade einmal 1,36 Prozent der Bevölkerung – selbst bei bei zehnfacher Dunkelziffer wären es erst 13 Prozent. Wir sind also trotz hoher Auslastung des Gesundheitssystems, vielen Toten und vielen Neuinfektionen auch nach acht Monaten noch sehr weit weg von einer Herdenimmunität.

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Aber wir sollen die Kurve doch flachhalten - oder?

Zum MaiLab-Video im April: Auch wenn wir also noch viel mehr Infektionen bräuchten, um zu einem Zustand der Herdenimmunität zu kommen, zielen die bereits zum Zeitpunkt von Mais Video geltenden strengen Maßnahmen wie das Kontaktverbot und die Empfehlung, möglichst zu Hause zu bleiben und Abstand zu anderen zu halten darauf ab, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Experten beschreiben dies als "Flatten the Curve" ("die Kurve flachhalten"). Dies hat den Hintergrund, dass je schneller sich das Virus verbreitet, desto mehr Menschen gleichzeitig krank sind und mehr Menschen einen so schweren Verlauf haben, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Dies würde unser Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen - sodass es sowohl an Intensivbetten als auch an Pflegepersonal, Beatmungsmasken und anderen grundsätzlichen Dingen mangeln würde. Welche schlimmen Konsequenzen das hat, zeigten in der ersten Welle die Zustände in Italien oder New York.

Dezember-Reality-Check: In der harten zweiten Welle dieses Herbsts und Winters sind die Intensivbetten auch in Deutschland in manchen Regionen stark an der Kapazitätsgrenze. Hier können Sie nachlesen, wie sehr die Intensivstationen in Ihrer Region ausgelastet sind.

Um zu verdeutlichen, wie lange die Pandemie noch dauern würde, wenn wir mit den derzeitigen Maßnahmen weiterhin versuchen, die Ausbreitung zu verlangsamen, spielte Mai in ihrem Video einige Szenarien durch.

"Flatten the Curve bis zur Herdenimmunität ist nicht durchhaltbar"

Flatten the curve
Flatten the curve: Darum müssen wir die Ausbreitung verlangsamen - oder?!
© Bundesregierung

Zum MaiLab-Video im April: Eine wichtige Zahl, die wir bei den Überlegungen rund um die Corona-Pandemie zurate ziehen müssen, ist die Reproduktionszahl. Diese besagt, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Bei dem Coronavirus gehen Experten von einer Zahl zwischen 2 und 3 aus. Ohne Maßnahmen steckt ein Erkrankter also 2 bis 3 weitere Menschen an.

Die Maßnahmen zielen darauf ab, diese Reproduktionszahl zu senken. Wenn ich mit weniger Menschen in Kontakt trete, kann ich auch weniger Menschen anstecken. Aber, das fragte auch Mai, "wie stark müssen wir die Reproduktionszahl senken, damit die Kurve hinreichend flach wird? Also so flach, dass unser Gesundheitssystem es händeln kann."

Mai stellte im Video einige Szenarien vor, die die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie in einem Bericht entworfen hat - abhängig davon, wie viele Menschen wie lange aufgrund einer Corona-Infektion auf die Intensivstation müssten. Das Fazit: Die Reproduktionszahl müsste auf einen Wert zwischen 1,25 und 1,1 gedrückt werden, damit die Kapazitäten der Intensivstationen ausreichen. Aber selbst dann wäre die Epidemie erst nach einem Jahr vorbei. Mai folgerte sogar, man müsse die Maßnahmen eher 1 bis 2 Jahre aufrechterhalten, um einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu vermeiden. "Und das geht nicht!" Die Schäden für die Wirtschaft, unsere Psyche und die Gesellschaft seien einfach zu groß, wenn man einen Lockdown so lange durchhalten müsste. "Wenn die Größenordnung nicht völlig daneben ist, dann ist 'Flatten the curve' bis zur Herdenimmunität nicht durchhaltbar", so Mai.

Dezember-Reality-Check: Wir halten die Maßnahmen – mal mehr, mal weniger streng geregelt – seit gut acht Monaten durch. Acht Monate mit Abstandsregeln, Maskenpflicht, Social Distancing und zeitweise Teil-Lockdowns, in denen verschiedene Einrichtungen geschlossen bleiben. Die Reproduktionszahl sinkt im aktuellen Teil-Lockdown zwar (aktuell ist R = 0,94), aber die Neuinfektionen sind auf einem sehr hohen Niveau. Wirtschaftliche Folgen gibt es nach dieser Zeit der Einschränkungen zahlreiche, vor allem in der Gastronomie, der Veranstaltungsbranche, Freizeiteinrichtungen etc.

"Diese Epidemie wird erst mit einem Impfstoff enden!"

Zum MaiLab-Video im April: Das Abflachen der Kurve alleine würde also zu lange dauern, so Mai in ihrem Video vom 2. April. Deshalb müssen wir die Kurve stoppen und die Reproduktionszahl unter 1 bringen. Warum?

"Die Fallzahl muss so klein werden, dass unsere Gesundheitsämter wieder dazu in der Lage sind, alle Fälle zu überschauen und zu verfolgen". So könne man dann die Betroffenen und ihre Kontaktpersonen identifizieren und diese gezielt isolieren. Bei der zum Zeitpunkt des Videos vorherrschenden Fallzahl sei dies allein vom bürokratischen Aufwand her nicht möglich. Mai schlug daher vor, mit einer Fallzahl von 1.000 zu rechnen, die noch einigermaßen kontrolliert werden könne. So viele Fälle gab es in Deutschland zu dem Zeitpunkt, als Jens Spahn forderte, dass Großveranstaltungen abgesagt werden müssen. Gehe man davon aus, dass wir es durch strenge Maßnahmen schaffen, die Reproduktionszahl auf 0,5 zu senken, würde es 56 Tage dauern, bis wir bei einer Fallzahl von 1.000 wären, so Mais Überlegung im April.

Mai sagte also: Wir bräuchten noch etwa 60 Tage sehr, sehr strenge Maßnahmen und Großveranstaltungen müssten noch bis (mindestens) Ende des Jahres abgesagt werden, damit wir möglicherweise wieder zurück in einen Zustand kommen, "in dem sowohl unser Gesundheitssystem als auch unsere Wirtschaft funktionieren können. Also in einen Zustand, in dem wir so lange ausharren können, bis die Epidemie vorbei ist." Und das ist - da eine natürliche Herdenimmunität in der Praxis kaum erreichbar sei - erst dann der Fall, wenn es einen Impfstoff gibt.

Dezember-Reality-Check: Nach dem ersten Lockdown war es im Sommer wieder möglich, viele Lockerungen zu gewähren. Sogar Reisen waren wieder möglich. Allerdings stiegen Ende des Sommers die Zahlen wieder so rasant an, dass die Infektionen jetzt sogar noch weniger nachverfolgbar sind, als zum Zeitpunkt, an dem Mai das Video gemacht hat. Ein Verharren in einer Situation der Nachverfolgbarkeit hielt also nicht lange an. Allerdings gibt es einen Lichtblick, denn: Die ersten Impfstoffe sind kurz vor der EU-Zulassung!

RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus: Wie besiegen wir Corona?"

Im zweiten Teil der RTL.de-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus" stellen wir die Frage: Wie besiegen wir Corona? Dafür gleichen die Autoren die verschiedenen Maßnahmen einzelner Länder rund um den Globus mit den aktuellen Empfehlungen von Forschern ab.