Chiellini reißt Saka heftig um

Das cleverste Foul dieser Fußball-EM

Ohne Gnade: Giorgio Chiellini gegen Bukayo Saka.
Ohne Gnade: Giorgio Chiellini gegen Bukayo Saka.
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12. Juli 2021 - 11:01 Uhr

Schlimmer Start, wundervolles Ende

Dieser Sonntagabend in London beginnt für Giorgio Chiellini ganz schlimm. Voller Inbrunst singt er gemeinsam mit seinen Kollegen der italienischen Nationalmannschaft die Hymne. Er lächelt dabei sogar. Doch kaum ist das Finale im legendären Wembley-Stadion angepfiffen, ist es vorbei mit der guten Laune des 36-Jährigen. Seine Passivität bei der Flanke des Engländers Kieran Trippier ist maßgeblich für den Rückstand in Minute zwei. Luke Shaw verwandelt die Hereingabe seines Außenverteidiger-Kollegen spektakulär. Es wird aber noch ein verdammt guter Abend für Chiellini!

Wieder scheitert England vom Punkt

Die große Show des Abwehr-Künstlers

Für Chiellini sollte dieses Spiel das größte seiner internationalen Karriere sein. 111 Mal war er seit 2004 für Italien aufgelaufen. Nie hatte es für einen Titel gereicht. Beim WM-Titel 2006 in Deutschland war er nicht im Kader. Nun war es nicht unwahrscheinlich, dass er in seinem 112. Spiel für die Squadra Azzurra die letzte Chance zur Krönung bekommt. Chiellini ist halt schon etwas älter. Klar, im kommenden Jahr steht schon das nächste große Turnier an, aber ob Italien in Katar ins Finale kommt, das kann ja niemand vorhersagen. Und obwohl der Auftakt so fatal war, wurde es noch der große Abend, die große Show des Abwehr-Künstlers.

Zwar dauerte es rund 20 Minuten, ehe Chiellini und sein genialer Partner Leonardo Bonucci das Chaos einigermaßen unter Kontrolle bekamen, ehe sie ihrer Mannschaft die arg dringend benötige Stabilität verleihen konnten, aber fortan war der italienische Strafraum schwer verbarrikadiertes Sperrgebiet. Die Engländer hatte zwar gefährliche Aktionen, aber keine gefährlichen Chancen mehr. Chiellini nahm unter anderem den bislang so starken Raheem Sterling komplett aus dem Spiel. Eine mögliche Topchance deutete sich dann ganz spät in der Nachspielzeit der zweiten Hälfte an. Und wieder war Chiellini involviert. Er hatte sich nach einem langen Zuspiel auf den schnellen Bukayo Saka ziemlich üppig verschätzt. Ein Laufduell kam für den Altmeister nicht in Frage. Das wäre wirklich unangenehm geendet. So wie seine Karriere womöglich.

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Sein letztes Spiel für Italien

Chiellini hatte also eine Idee. Eine clevere, wenn auch rustikale. Er musste diesen Saka ja schließlich stoppen. Ein kleiner Zupfer am Trikot, das hätte womöglich nicht gereicht. Also packte Chiellini zu, er packte sich das Trikot am Nacken seines Gegenspielers und riss ihn einfach um. Gnadenlos! Die gelbe Karte hätte er für seine taktische Attacke so oder so gesehen, also unbedingt auf Nummer sicher gehen. Man muss diese Art nicht mögen. Aber es ist eben eine Art, die Spiele entscheidet. Es ist die bizarre Form der Abwehrkunst.

Video: Hier landet der Europameister

Das Spiel entschieden hat übrigens auch sein ewiger Senatoren-Partner Bonucci. Er drückte den Ball nach einem Kuddelmuddel im Strafraum zum Ausgleich über die Linie (67.). Wie die UEFA erklärte, löste er mit seinen 34 Jahren und 71 Tagen Bernd Hölzenbein (30 Jahre, 103 Tage) als "Finaltor-Oldie" ab, der 1976 in der Nacht von Belgrad bei der deutschen Niederlage gegen die Tschechoslowakei zum zwischenzeitlichen 2:2 getroffen hatte. Bonucci verwandelte dann auch noch als dritter Schütze im Elfmeterschießen. Er erhöhte damit den Druck auf die englischen Top-Talente Marcus Rashford, Jadon Sancho und eben Saka, die allesamt scheiterten. Es war ein guter Abend für Chiellini. Der beste im italienischen Trikot. Und vielleicht sein letzter? (tno)