Charité-Intensivmediziner im Interview

„Die Wenigsten sind richtige Hardcore-Impfgegner“

Dr. Philipp Enghard ist Intensivmediziner und Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie.
Dr. Philipp Enghard ist Intensivmediziner und Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie.
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19. Januar 2022 - 18:31 Uhr

Seit zwei Jahren kämpfen Pflegekräfte und Ärzte auf den Intensivstationen um das Leben von Corona-Patienten. Besonders hart trifft es meist Ungeimpfte. Der Charité-Intensivmediziner Philipp Enghard berichtet, dass die Betroffenen auch unter psychischen Folgen zu leiden haben.

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Ungeimpfte Personen machen immer noch den Großteil der Patienten auf den Intensivstationen aus. Was bekommen Sie mit, was sind die Gründe, warum die Menschen ungeimpft sind?

Die Wenigsten sind richtige Hardcore-Impfgegner. Die Meisten haben es vor sich hergeschoben. Sie hatten es schon vor, aber haben es dann nie gemacht. Einige, die chronisch vorerkrankt sind, hatten Angst vor Nebenwirkungen, wobei wir denen insbesondere raten, dass sie sich impfen lassen sollen.

Gibt es ungeimpfte Personen, die auf Ihre Intensivstation kommen, die angesichts ihres Zustandes dann um eine Impfung bitten?

Nein, wenn sie dann zu uns kommen, ist ihnen schon klar, dass es zu spät für die Impfung ist. Was man ihnen zum Teil dann doch ansieht ist, dass sie es bitter bereuen.

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Wie zeigt sich die Reue bei den Menschen?

Covid ist ein ganz zähes Krankheitsbild, das mitunter sehr, sehr lange andauert. Wir haben Patienten, die können wir für einige Tage oder Wochen mit einer Sauerstoffmaske stabilisieren. Dann sind sie hier bei uns und merken, dass sie Hilfe brauchen, dass die Luft sehr knapp wird. Sie wissen, dass es viele Leute auch nicht schaffen. Wenn sie dann merken, dass sich nach mehreren Tagen nichts tut und sie weiterhin viel Sauerstoff brauchen, bekommen sie es mit der Angst zu tun. Die Patienten haben viel Zeit zum Nachdenken und dann merkt man ihnen an, dass sie wirklich bereuen, dass sie sich vorher nicht haben impfen lassen.

Sie sagen, dass man einige stabilisieren kann. Aber es gibt ja auch diejenigen, die man ins Koma versetzen muss. Wann muss man einen Menschen ins Koma versetzen und welche Folgen kann das haben?

Man kann das nicht an einem Wert festmachen, aber es ist wichtig, dass man eine Mindestmenge an Sauerstoff im Blut aufrechterhalten kann. Wenn das allerdings ab einem gewissen Punkt nicht mehr geht oder wenn die Atemanstrengung zu groß ist, dann ist der Punkt erreicht und wir müssen den Patienten ins künstliche Koma versetzen. Wir gehen mit einem Schlauch direkt in die Luftröhre, damit wir mit mehr Druck beatmen können. Was die Spätfolgen angeht, haben wir eine Daumenregel: Je kränker man ist und je mehr Unterstützung man braucht, desto mehr Spätfolgen treten meist auf.

Diese Spätfolgen können auch psychischer Natur sein und Patienten erzählen sogar von Wahnvorstellungen. Was hat es damit auf sich?

Viele Patienten, die auf der Intensivstation waren, geben im Nachhinein an, dass sie unter Ängsten und Alpträumen leiden. Das hören wir häufig. Das Ganze wird als ein traumatisches Erlebnis wahrgenommen, da die Betroffenen Angst um ihr Leben hatten. Wenn es dann um die fehlende Impfung geht, schwingt auch etwas Schamgefühl mit. Das ist belastend und jeder geht damit auch unterschiedlich um und bei manchen manifestiert sich das in Alpträumen und Ängsten.

Brauchen die Menschen dann psychologische Hilfe?

Wir haben ein Team aus Psychologen, das Patienten und Angehörige hier betreut. Die sind jeden Tag da und reden mit den Patienten, um das Erlebte zu verarbeiten. Dann gibt es zudem ein wachsendes Angebot an Sprechstunden, die nach einem Intensiv-Aufenthalt zur Verfügung stehen.

Welche körperlichen Folgen kann die intensivmedizinische Behandlung denn haben?

Eigentlich kann dies alle Organe treffen. Wir sehen, dass Patienten häufig lange brauchen, bis sie wieder wach werden. Studien zeigen, dass es langfristige kognitive Einschränkungen geben kann, die Monate, Jahre oder womöglich für immer andauern. Viele Patienten wachen zudem in einem Verwirrungszustand auf. Wir sehen auch, dass es im Nervensystem zu einer ausgeprägten Schwäche kommen kann. Es gibt Menschen, die außerdem das Laufen wieder neu erlernen müssen. Wir haben vor einem Jahr eine Frau Mitte 40 mit viel Aufwand retten können. Sie hat uns später aus der Reha eine Postkarte geschickt, dass sie froh ist wieder 500 Meter laufen zu können, und das Wochen später. Häufig kommt es außerdem zu Nierenversagen und auch wenn die Niere sich oftmals erholen kann, bleiben manchmal Folgeschäden. Eigentlich sehen wir Veränderungen von dauerhafter oder längerer Natur in allen Organsystemen.

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Wie lange dauert es denn, bis die Patienten wieder komplett gesund sind?

Das kann man schwer sagen. Was klar ist, das kann Wochen oder mehrere Monate dauern. Viele werden wahrscheinlich auch nie wieder so, wie sie vorher waren.

Wenn Sie das alles hier erleben und wissen, dass viele Krankheitsverläufe verhindert werden könnten, wenn die Menschen sich impfen lassen würden, inwiefern entsteht da auch Frust bei ihrem Team und Ihnen?

Also was es zuerst auslöst ist, dass man die Patienten sieht und sich denkt: "Ach Mensch, hättest du dich mal impfen lassen, dann wäre es nicht so weit gekommen!" Darunter mischt sich auch so ein kleines bisschen Frust. Man muss aber bedenken, dass die Kollegen aus der Pflege und Ärzteschaft schon seit zwei Jahren sehr hart kämpfen, dass wir wirklich an unsere Belastungsgrenzen und mitunter auch darüber hinaus gehen. Und da mischt sich manchmal auch ein Fünkchen Frust mit rein. Bei den Patienten, die wir hier sehen, überwiegt ganz klar die Empathie und der Wille ihnen zu helfen. Wir richten hier über niemanden. Wir fragen zwar nach dem Impfstatus, weil wir wissen müssen, wie viele ungeimpft auf den Intensivstationen liegen, aber dann gucken wir, dass wir das gemeinsam irgendwie überstehen.

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