Thriller über Antisemitismus und Rechtsextremismus

Brisant und hochaktuell: Turmschatten von Peter Grandl

Turmschatten von Peter Grandl: Brisant und hochaktuell
Turmschatten von Peter Grandl: Brisant und hochaktuell
© Verlag Das Neue Berlin

23. Juni 2021 - 11:29 Uhr

Ein moralisches Dilemma

Eines vorweg: "Turmschatten" von Peter Grandl ist einer der besten und der eindrucksvollste Politthriller, den ich in den letzten Jahren gelesen habe. Das liegt vor allem an dem moralischen Dilemma, vor das uns der Autor stellt. Und der gesellschaftlichen Brisanz des Themas.

Von Tobias Elsaesser

Eine Stadt, irgendwo in Deutschland...

Der ehemalige Mossad-Agent und Holocaust-Überlebende Ephraim Zamir ist gerade in die Geburtsstadt seiner Mutter im Osten Deutschlands zurückgekehrt. Zusammen mit seiner Haushälterin Esther wohnt er in einem umgebauten Turm. Ein massives Bauwerk, das im Zweiten Weltkrieg als Bunker diente. Zamir hat nach seinem bewegten Leben den sehnlichen Wunsch nach Frieden und Vergebung. Doch beides scheint ihm nicht vergönnt. Dass er den Bau einer Synagoge in der Stadt maßgeblich mitfinanzieren will, ruft die gut organisierte lokale rechte Szene auf den Plan. Doch der Versuch, Zamir einzuschüchtern, misslingt.

Zwar gelingt es einer kleinen Gruppe rechter Schläger, in den gut gesicherten Turm einzudringen, doch Zamir ist nicht da. Esther stellt sich der Gruppe entgegen und wird erschossen. Als Zamir kurze Zeit später zurückkommt, kann er drei Eindringlinge überwältigen. Er nimmt sie als Geiseln, unterzieht sie einem brutalen Verhör, streamt das Ganze live im Internet und fordert die Zuschauer auf, abzustimmen: Sollen sie weiterleben oder soll Zamir sie hinrichten? Innerhalb des Turmes und um ihn herum spinnen sich nun mehrere Dramen.

Rache an einer neuen Generation von Tätern

Im Turm – im Zentrum des Geschehens – richtet sich der Fokus zum einen auf Zamir, Angehöriger einer traumatisierten Generation eines traumatisierten Volkes. Er will öffentlichkeitswirksam und von der Öffentlichkeit legitimiert Rache nehmen an einer neuen Generation von Tätern. Das mag gerechtfertigt sein, dennoch bleibt es Unrecht. Zum anderen sind da drei junge Männer, die sich aufgrund ihrer menschenverachtenden und verabscheuenswürdigen Einstellung selbst in diese Situation gebracht haben.

In Sichtweite des Turms versucht der Rechtsstaat – in Form der Polizei – mühevoll die Grenze zwischen Recht und Unrecht aufrecht zu erhalten: Den Geiselnehmer überwältigen, die Geiseln lebend befreien und anschließend für ihre Tat vor Gericht zu stellen. Während die Medien vor einer völlig anderen Frage stehen: Was ist für die Quote erlaubt, was moralisch noch vertretbar, und was ist wichtiger?

Und auch zwischen diesen "Welten" entwickelt sich eine dramatische Geschichte. Die Bewährungshelferin einer Turmgeisel ist überzeugt, sie hätte alles verhindern können, wäre sie etwas mehr auf ihren Mandanten zugegangen. Und sie will ihren Fehler wieder gut machen.

Es ist eine Mischung, die früher oder später zur Explosion kommen muss. Und das ist es, was den Leser fesselt. Er will wissen, wann und wie. Was fällt in einander zusammen, was und wer überlebt diesen Sturm?

Dies reichert Peter Grandl geschickt an mit den Gedankengängen der verschiedenen Beteiligten an, die in den extremen Situationen im Turm und um ihn herum gefangen sind. Und mit ihren Lebensgeschichten. Wie sind sie dorthin gekommen, wo sie sind, was motiviert und beeinflusst ihr Handeln?

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Erschreckend nah an der Realität

Grandl gelingt dabei eine Gratwanderung. Ohne Zweifel werden die drei Neonazis Opfer eines Verbrechens. Sie sind Gefangene eines Geiselnehmers, der nicht gerade zimperlich mit ihnen umgeht, trotzdem mag kein Mitleid aufkommen. Denn sie sind auch Gefangene ihrer grausamen Ideologie. Doch Grandl stellt die drei nicht als eindimensionale Idioten dar, sondern als vielschichtige Menschen, deren Weg in den Rechtsextremismus man durchaus nachvollziehen – wenn auch nicht verstehen – kann.

Wer die Leseerfahrung dieses Buches intensivieren möchte, dem sei empfohlen, einen Blick auf dir real existierende rechte Szene in Deutschland zu werfen. Ebenso wie auf die Geschichte und die Philosophie des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, für den der Protagonist Zamir ein Leben lang tätig war. Beides schafft ein noch tieferes Verständnis für die Handlung und gibt eine Antwort auf die Frage, wie erschreckend realitätsnah "Turmschatten" ist.

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