Nach Missbrauchsvorwürfen in Berliner KitasAWO kündigt kritischen Eltern die Kita-Plätze: Vater muss Kind mit auf Baustelle nehmen

Nach massiven Missbrauchsvorwürfen gegen eine Aushilfskraft in zwei Berliner Kitas gibt es weiter Ärger zwischen dem Kita-Träger – der AWO – und einigen Eltern. Mehreren Familien der Kita Feldhäuschen und der Kita Wundertüte in Berlin-Spandau wurde der Kita-Platz jetzt fristlos gekündigt, weil sie sich öffentlich kritisch gegenüber dem Kita-Träger geäußert oder auch Anzeige gegen die AWO erstattet haben.

Vater Matthias Rodorff ist entsetzt über die Kündigung seines Kita-Platzes.
Matthias Rodorff wurde der Kita-Platz für seine Tochter gekündigt. Jetzt muss er sein Kind mit auf die Baustelle nehmen.
RTL

AWO sieht Vertrauen erschüttert

Mit diesem Schreiben kündigte die AWO Spandau den Kita-Platz von Matthias Rodorffs kleiner Tochter.
Mit diesem Schreiben kündigte die AWO Spandau den Kita-Platz von Matthias Rodorffs kleiner Tochter.
Privat

Vater Matthias Rodorff hat das Kündigungsschreiben per Mail bekommen. Seine Tochter besuchte die Kita Feldhäuschen und hat nun keinen Betreuungsplatz mehr. Für viele Eltern wird das nun zur täglichen Herausforderung. Matthias Rodorff hilft unentgeltlich in der Firma seines Vaters und muss seine Tochter jetzt mit auf die Baustelle nehmen. „Das ist kein Scherz. Dann nehme ich Spielzeug mit, setze sie da in die Küche bei der Kundin, bei dem Kunden, und lasse sie da spielen, setze ihr so Micky Mäuse auf, damit sie den ganzen Krach nicht mitbekommt“, erklärt er. Anderen Eltern gehe es ähnlich, sie haben sich krankschreiben oder unbezahlt freistellen lassen, damit sie ihr Kind jetzt zu Hause betreuen können.

Der Grund für die fristlosen Kündigungen entsetzt viele Eltern. Im Kündigungsschreiben der AWO Spandau an Matthias Rodorff heißt es: „Sie haben auf mehreren internen und öffentlichen Veranstaltungen sowie im Schriftwechsel deutlich gemacht, dass Sie kein Vertrauen zu Träger und Kita haben. Aus diesem Grund sehen wir uns nicht mehr in der Lage Ihr Kind zukünftig zu betreuen.“ Für den Vater ist das völlig unverständlich: „Die Störenfriede werden sozusagen aussortiert, damit die Kita wieder in Ruhe laufen kann. Und das finde ich nicht okay.“ Obwohl er Misstrauen gegenüber der Kita hat, hatte er auf eine andere Lösung gehofft. „Ich wünsche mir eine Einsicht, dass man wirklich öffentlich sagt, wir haben einen Fehler gemacht, der tut uns leid, und die Verantwortlichen kriegen dafür ihre Konsequenzen“, appelliert er.

AWO verweist auf Vermittlungshilfe beim Jugendamt

Zum Wohl seiner Tochter sei eine Kündigung nämlich nicht. „Die Kita ist ein sozialer Punkt, wo sie soziale Bindungen aufbauen kann. Das kann sie auf der Baustelle nicht“, mahnt Rodorff. Jeden Tag wünscht sich seine Tochter, wieder zurück in die Kita zu können. Noch muss sie sich aber gedulden. Einen neuen Betreuungsplatz gibt es für sie noch nicht. Die AWO hat in der Kündigung auf eine Vermittlungshilfe beim Jugendamt verwiesen, mit der die betroffenen Eltern Kontakt aufnehmen sollen. „Aber gut, beim Jugendamt meldet man sich sowieso, wenn man einen Kita-Platz sucht“, sagt Matthias Rodorff enttäuscht. Er hatte auf mehr Unterstützung gesetzt.

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AWO will Betrieb sichern: „Geht um Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit"

Grundsätzlich ist die Kündigung des Kita-Vertrags aber möglich. „Da es dieses Recht abstrakt gibt, für den Kitaträger, dass bei Vorliegen eines außerordentlichen Kündigungsgrunds, auch außerordentlich – ohne Einhaltung einer Frist – gekündigt werden kann, ist es juristisch denkbar, dass diese Kündigung haltbar ist“, erklärt Rechtsanwältin Dr. Dorothee Höch im RTL-Interview. Rechtlich also umsetzbar, moralisch aber durchaus fragwürdig. Für die AWO geht es aber darum, den Kita-Betrieb sicherzustellen. „Es geht nicht um Signale, sondern um die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit in unseren Einrichtungen. Die massiven Beschuldigungen gegen unser Personal sowie die Vorwürfe, bewusst weg gesehen zu haben, ist dies für uns die einzige Möglichkeit, dem Betreuungsvertrag Rechnung zu tragen. Die beiden vorübergehend geschlossenen Kitas haben wir inzwischen wieder öffnen können“, sagt Thomas Scheunemann, Kreisvorsitzender der AWO Spandau gegenüber RTL.

Die gekündigten Familien haben sich nun zusammengetan und treffen sich regelmäßig auf Spielplätzen, damit ihre Kinder weiter Kontakte zu Freunden haben und möglichst wenig vom Ärger mitbekommen. Matthias Rodorff hofft jetzt, schnell einen neuen Kita-Platz für seine Tochter zu finden, damit sie nicht mehr so viel Zeit mit ihm auf der Baustelle verbringen muss. Wie lange die Suche dauern wird, weiß er nicht. Denn die Plätze in Berliner Kitas sind rar.
(nba)