Arzt räumt mit Vorurteil auf: Sonnencreme schützt nicht vor Hautkrebs - sondern nur vor Sonnenbrand

13. September 2018 - 18:00 Uhr

Immer mehr Menschen in Deutschland erkranken an Hautkrebs

Ordentlich Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 auftragen und ab in die Sonne, denken sich viele. Denn Sonnencreme schützt ja vor Hautkrebs - gerade in diesem Supersommer, in dem es seit April Sonne satt gab. "Ein Irrglaube", warnt der Tübinger Hautkrebs-Experte Claus Garbe. Es sei nicht so, dass die Haut durch Sonnenschutzmittel komplett vor Hautkrebs geschützt werden könne - sondern nur vor Sonnenbrand. Schon sehr niedrige Dosen UV-Strahlung verursachten Veränderungen des Erbguts in der Haut, die das Krebsrisiko vergrößern können: "Sobald die Haut braun wird, sind schon Mutationen ausgelöst."

Doppelt so viele Hautkrebs-Neuerkrankungen bis 2030 erwartet

Claus Garbe, Mediziner an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, ist Tagungspräsident des Deutschen Hautkrebskongresses, der jetzt in Stuttgart stattfindet. Der Professor berichtet vom "überraschenden Resultat" einer Studie mit rund 1.800 Kindergartenkindern. Bei der hatten Sonnenschutzmittel keinen Effekt auf die Entwicklung von Hautmutationen, Schutz durch Kleidung dagegen habe einen deutlichen Unterschied ausgemacht.

Solange die Menschen das ausgiebige Sonnenbaden nicht sein ließen und braun sein "in" sei, stiegen die Hautkrebsraten wohl ungebremst weiter, sagt der Mediziner. Bis 2030 werde eine Verdoppelung bei der Zahl der Neuerkrankungen erwartet. Dann gibt es in Deutschland so viele neue Fälle von Hautkrebs im Jahr wie bei allen anderen Krebsarten zusammen, wie Garbe sagt. Er sieht ein Plateau frühestens 2050.

UV-bedingte Hautschäden lassen Hautkrebs entstehen

Freundinnen am Strand
Wer früher zu viel in der Sonne lag, hat später ein höheres Hautkrebsrisiko.
© picture alliance / Bildagentur-o, Bildagentur-online/Tetra Images

Gab es in den 1950er Jahren nur einen Fall des besonders tückischen schwarzen Hautkrebses (malignes Melanom) in Deutschland auf 100.000 Menschen pro Jahr, waren es in den 1990er Jahren bereits acht Fälle und im Jahr 2010 rund 25. Für das Jahr 2030 werden Garbe zufolge 45 Fälle prognostiziert.

Menschen, die heute an Hautkrebs erkranken, hätten vor etwa 20 bis 30 Jahren zu viel Sonne bekommen, erklärt der Mediziner. Experten sehen in den derzeit ungebremst steigenden Fallzahlen die späten Folgen UV-bedingter Hautschäden in Kindheit und Jugend sowie nach freizeit- und berufsbedingter, langjähriger Sonneneinstrahlung. Je intensiver und anhaltender die Haut der UV-Strahlung (ultravioletten Strahlung) ausgesetzt war, desto höher ist das Krebsrisiko.

Schwarzer Hautkrebs ist durch akute UV-Überbelastung bedingt

Dass man vor allem Kinder schützen und eincremen soll, wüssten eigentlich alle, ist der Berliner Kinderarzt Herbert Grundhewer überzeugt. Nur werde dieses Wissen leider sehr unterschiedlich angewandt. Dabei sei es so einfach: Je länger UV-Strahlen die Haut treffen, desto höher ist sofort das Risiko. Vor allem kleine Kinder mit ihrer noch dünnen Haut seien bedroht. Viele Kitas hätten reagiert und ließen die Kinder nur noch unter Sonnensegeln im Sand spielen.

Der Kinderarzt warnt davor, Hitze mit UV-Strahlung zu verwechseln. Man sehe und spüre die tückische Strahlung nicht. Natürlich sollten Kinder raus in die Natur - aber vor allem zwischen 11 und 15 Uhr eben nur mit Sonnencreme und Kleidung geschützt. Auch seien Reisen in Sonnenländer kritisch, wo kaum Zeit sei, sich auf die plötzliche Belastung einzustellen. "Das ist besonderer Stress für die Haut."

Vor allem beim gefährlicheren schwarzen Hautkrebs gehen Experten davon aus, dass er durch akute UV-Überbelastung vor allem im Kindesalter bedingt ist. Der weiße Hautkrebs hingegen betrifft vor allem Langzeiturlauber, aber auch Bauarbeiter oder Dachdecker, die lange der Sonne ausgesetzt sind. Auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung meldet deutlich steigende Zahlen der bestätigten Berufskrankheit Hautkrebs.

Über 240.000 Hautkrebs-Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland

Ein Hautarzt untersucht mit einem Vergrößerungsglas die Haut einer Patientin bei einer Hautkrebs-Früherkennung. Im Kampf gegen die Ausbreitung von Krebs müssen Regierungen w
Eine regelmäßige Hautkrebs-Vorsorgeuntersuchung ist wichtig.
© dpa, Karl-Josef Hildenbrand

Deutschlandweit erkranken derzeit jährlich mehr als 240.000 Menschen neu an Hautkrebs, wie Garbe sagt. Die Zahl der Fälle von schwarzem Hautkrebs wurden beim Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin zuletzt mit mehr als 21.000 im Jahr angegeben. Frauen erkranken demnach im Mittel mit 60 Jahren, Männer sieben Jahre später.

Gefährlich an diesem Sommer sei vor allem der plötzliche und frühe Start gewesen, erklärt Ralph von Kiedrowski vom Vorstand des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen (BVDD). "Es war kein langsames Vorbräunen, keine Gewöhnung der Haut möglich." Zwar mache ein Sonnenbrand allein noch keinen Hautkrebs. "Aber die Haut addiert auf." Im Laufe des Lebens wachse der aufsummierte Schaden - und die Wahrscheinlichkeit für Hautkrebs steige. Nur ein Teil der Bevölkerung sei bisher ausreichend für die Gefahren sensibilisiert. "Nur 35 Prozent derjenigen, die eine Hautkrebs-Früherkennung in Anspruch nehmen könnten, tun das auch", so der Hautarzt.


Quelle: DPA/ RTL.de